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AN IHRER STELLE

16.09.2013 | Allgemein, FILM/TV

 

FilmPlakat An ihrer Stelle

Ab 20. September 2013 in den österrreichischen Kinos
AN IHRER STELLE
Lemale et ha’halal / Fill the Void  / Israel /  2012′
Drehbuch und Regie: Rama Burshtein
Mit: Hadas Yaron, Yiftach Klein, Irit Sheleg u.a.

Das ist mehr als ein Film – das ist ein Abenteuer für den, der sich darauf einlässt. Denn wann hätte man als Außenstehender schon Gelegenheit, in die fest gefügte Ordnung einer orthodoxen jüdischen Gesellschaft einzutreten (in Romanen freilich, aber bildlich?). Und genau das vermittelt Rama Burshtein mit ihrem ersten Spielfilm, der nichts anderes zu wollen scheint, als diese Welt zu zeigen – und in Grenzen auch verständlich zu machen.

Es ist fest gefügt, das Untereinander der orthodoxen Juden in Tel Aviv, eine patriarchalische Gesellschaft, in der alte Männer das Sagen haben, dies aber – zumindest hier – nicht diktatorisch-grausam, sondern mit viel Menschlichkeit unternehmen. Eine der rührendsten Szenen des Films ist wohl jene, wo der Rabbi in einer wichtigen Besprechung ist und eine alte Frau sich stürmisch bei ihm Einlass verschafft: Sie will einen Herd kaufen und kennt sich dabei nicht aus. Als sich herausstellt, dass sie weder Verwandte noch Freunde hat, die ihr dabei helfen könnten, sieht man in der nächsten Szene, wie der Rabbi ihr ausführlich die Vorzüge seines Herdes erklärt und mit ihr über Flammen, die Höhe des Geräts usw. diskutiert…

Man lernt die Familie der 18jährigen Shira kennen, um deren Schicksal es geht. Starkes Zentrum ist die Mutter Rivka (eine phantastische Leistung von Irit Sheleg). Die Tragödie ereignet sich bald: Tochter Esther, verheiratet mit Yochay, stirbt bei der Geburt des kleinen Sohnes. Das Kind kommt zur Großmutter, aber das Familiengerücht besagt, dass Yochay, der eine Belgierin gut kennt, mit dieser in ihre Heimat gehen und den kleinen Sohn mitnehmen möchte. Weshalb Rivka auf die Idee kommt, Yochay könnte doch – gewissermaßen als „Ersatz“ – Esthers Schwester Shira heiraten… und so in Tel Aviv festgebunden bleiben.

Der Film zeigt wunderbar die Stellung der Frau in dieser orthodoxen Gesellschaft: Verheiratet zu sein, ist für den Status entscheidend, eine ältere Tante, die es nicht ist, verhüllt ihr Haar dennoch auf die Art verheirateter Frauen, um Fragen zu vermeiden und die Schande nicht preiszugeben, dass keiner sie wollte und sie keinen Mann gefunden hat… Junge Mädchen sind so begierig zu heiraten, dass sie ungefragt bereit sind, die Männer zu nehmen, die ihre Familie ihnen vorschlägt. Peinlicherweise kann aber auch die Familie des jungen Mannes die Abmachung zurückziehen, wie es in Shiras Fall geschieht. Aber Yochay zu heiraten, an den sie kein Gefühl bindet, nur um ihn in der Gemeinschaft zu halten, möchte sie auch nicht. Man würde sie nicht zwingen… aber sie spürt, wie wichtig es für alle anderen ist. Übrigen ist auch Vochay gar nicht begeistert, die „kleine Schwester“ seiner Frau zu ehelichen (abgesehen davon, was nicht thematisiert wird, aber klar ist, dass die Übersiedlung ins Ausland für ihn eine nie gekannte Freiheit bedeuten würde, die er mit der neuen Ehe innerhalb der Familie aufgibt).

An ihrer Stelle x

Es ist eine Geschichte, die sich im engen Rahmen der Familie, der Bekannten, des Rabbinats abspielt, wo Tanten, Freunde, Bekannte sich aktiv ins Geschehen hineinwirken. Man erlebt den Alltag mit den Zusammentreffen, den Ritualen (bis in die Begrüßungsformeln festgelegt), den gemeinsamen Essen, den Festen, Tänzen, dem reichen Anteil an Musik. Innerhalb dieser doch gegebenen Enge begeben sich die Seelenqualen sowohl von Shira wie von Yochay, die einander eine harte Zeit der Annäherung bereiten. Ihre Gespräche, so fremd, auch verletzend, so scharf auch, so ausweichend, erinnern – so unterschiedlich die Welten sind – an die Filme Woody Allens, und man ahnt, wo er seine intellektuellen und seelischen Krämpfe her hat…

Tragisch das Ende: Shira heiratet Yochay. Es ist klar, wie furchtbar sie sich fühlt. Dann sind die beiden allein in ihrem Zimmer. Er beginnt sich zu entkleiden. Sie steht an der Wand und starrt ihn an. Im Theater würde man sagen: Vorhang. Ende. Den Rest darf man sich selbst ausdenken. Man will es eigentlich nicht.

Rama Burshtein hat einen besonderen Film gedreht, der tiefe Einblicke in eine der „anderen“ Welt völlig fremde Lebensform gibt. Mit der wunderschönen jungen Hadas Yaron als so tieftrauriger Shira und Yiftach Klein als dem seelisch so schwer belasteten Yochay hat sie ideale Hauptdarsteller, die die Fragwürdigkeit der aufgeworfenen Problematik voll aufdecken – und sich letztlich doch fügen.

Das ist kein rebellischer Film, der die orthodoxe Welt in Frage stellt. Er offenbart nur ihre Schwierigkeiten. Und ihre Stärken. Denn wenn man innerhalb dieser Gemeinschaft lebt, ist der persönliche Spielraum zwar gering – aber man ist auch geborgen…

Renate Wagner

 

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