Giulio Cesare – Amsterdam, De Nationale Opera – besucht wurde die 5.Vorstellung am 28.1.2023
Ein wunderbarer Opernabend, wäre nicht die Regie gewesen

Mehrere Hausdebüts hatte es bei der Premiere in der Amsterdamer „Stopera“ im Gebäude des Wilhelm Holzmeister am 16.1.2023 gegeben – so jenes der Dirigentin Emmanuelle Haïm und des von ihr 2000 gegründeten Barockensembles „Le Concert d’Astrée“. In Wien ist Haïm meines Wissens nach mit ihrem Orchester zuletzt 2019 in der Wiener Staatsoper aufgetreten.
Ich nehme an, dass es der Dirigentin zu verdanken ist, dass für die Aufführungsserie nur je eine Arie der Hauptprotagonisten gestrichen wurde (sowie sehr viele Rezitative), das hat man zuletzt 2021 am Theater an der Wien anders erlebt. Dort wurde die Oper arg verstümmelt und an die zehn Arien und Duette als dem Wiener Publikum nicht zumutbar gestrichen oder gekürzt. Dem Amsterdamer Publikum waren 3 Stunden 20 Minuten reine Aufführungszeit einer der großartigsten Opern Händels jedenfalls nicht zu viel, das Opernhaus war auch nach der Pause voll und der Schlussapplaus enthusiastisch.
Das liegt sicher zunächst am sehr präzisen, sängerfreundlichen und flotten Dirigat von Haïm, die teilweise Arien auch am Cembalo begleitete, and ihrer musikalisch profunden Einstudierung, sowie am ausgezeichneten, groß besetzten Orchester, das vom ersten Takt sauber intonierte und dessen satter Streicherklang mit Originalinstrumenten, dem ich an einem vorderen Seitenplatz besonders nahe war, eine Freude war – so wie auch die Blech- und Holzbläser, die in der Oper sehr prominent zum Einsatz kommen. Makellos auch die Begleitung der Arie de Giulio Cesare „Se in fiorito ameno prato“ durch den Konzertmeister.
Und es liegt an den durchwegs hervorragenden Sängern – manche auch in Wien schon länger bekannt, andere jedenfalls international bereits stark gefragte wohl noch „rising stars“, die durchwegs beachtliche Engagements haben.
Den Cäsar sang – nach vielen Jahren des „Tolomeo“, den er in Österreich in der denkwürdigen Aufführung mit Cecilia Bartoli in 2012 in Salzburg, und davor 2007 sowie eben auch 2021 am Theater an der Wien gesungen hatte – Christophe Dumaux. Mit seiner brillanten Technik – einschließlich eines fabelhaften Messa di voce bei seiner letzten großen Arie(„Aure, deh, per pietà“) –, absoluter Stilsicherheit und einem Timbre, das ich ganz besonders schätze, ist er auch ein ausgezeichneter, stimmsicherer Cäsar. Bieito vergreift sich aber an seiner Rolle ganz übel, der hervorragende Darsteller Dumaux darf kein Feldherr sein, sondern muss einen Schnösel im Anzug mimen, der seinen ersten sängerischen Auftritt auf einem schräg gestellten Käfig in beachtlicher Höhe absolviert, dann statt zu auf das Schlachtfeld zu eilen ohnmächtig neben Cleopatra niedersinkt (und dort liegenbleibt, während Cleopatra wegen seines Schicksals und angeblichen Schlachtentodes verzweifelt) und der bei der musikalisch schönsten mir bekannten Beschreibung eines Coup des foudre („Non è si vago e bello“) Cleopatra auf das Übelste begrapscht.
Als Cleopatra hatte die nicht nur sängerisch erfreuliche, sondern auch rollenkonform sehr attraktive Julie Fuchs ihr Hausdebüt gegeben. In Wien war sie an der Staatsoper 2016 als Marie in der „Fille du Régiment“ zu hören (und ist Vielen, so auch mir, in sehr positiver Erinnerung geblieben); die Cleopatra liegt ihr stimmlich sehr gut, mit einem klaren, vibratoarmen Sopran konnte bei sie in den koloraturlastigen Arien gleichermaßen überzeugen, wie in den lyrischen. Und Regisseur Bieito hat ihr – anders als dem Cesare – wenigstens zwei gute Szene gegeben: in der Verführungsarie „V’adoro, pupille“ (die am Strand spielt) bezaubert sie nicht nur Dumaux in Badeanzug, einem großen Seidentuch und High Heels auf einer Strandliege turnend. Davor durfte sie schon im ersten Duett mit ihrem Bruder Tolomeo ihr komödiantisches Talent zeigen.
Als Sesto war diesmal eine Frau und kein Countertenor eingesetzt (in Wien war es zuletzt 2007 Malena Ernman), die junge Mezzosopranistin Cecilia Molinaro, stimmlich wie optisch absolut überzeugend. Von der Regie zu viel unverständlicher Rangelei mit Mutter Cornelia gezwungen, und teilweise mit den Wundmalen Christi (anders kann man die Verletzungen an Händen und Füßen, die sie irgendwann plötzlich aufweist hat, ohne Rückfrage beim Regisseur wohl nicht interpretieren) versehen, bewältigt sie alle Arien bemerkenswert koloratur- und höhensicher. Ihre jugendliche Mutter, die ebenfalls aus Italien stammende Teresa Iervolino, ist ein tiefer Mezzosopran, sodass sie und Sesto in den Duetten wunderschön kontrastieren. Ebenfalls eine bemerkenswert gute Sängerin, ist ihre Rolle von der Regie am schlimmsten zugerichtet worden. Ab der ersten Szene, in der ihr der in Stücke geschnittene Skalp des Pompeo (oder sonst eine grauslich blutige Masse) in einem weißen Plastiksack übergeben wird (dieser wird dann in der folgenden halben Stunde ständig von verschiedenen Personen wieder in den Sack eingeräumt und ausgeleert und mit Füßen getreten wird), spielt sie in einem bis zum Nabel dekolletierten, überkurzen Kleid eine Art Zombie, muss ständig Busen und viel Bein zeigen (obwohl sie sich ja vor den Übergriffen von Achilla und Tolomeo fürchten sollte) und dann auch noch an Achilla Oralsex mimen – es ist fast nicht möglich, sich bei dieser unverhohlen miosogynen Regie, die der Rolle jede Tapferkeit und jede Würde nimmt, auf ihre sängerische Leistung zu konzentrieren.
Last but not least ist bei den großen Rollen der Tolomeo des kanadisch–persischen Countertenors Cameron Shahbazi bemerkenswert. In der seiner ersten Arie lässt er die Barocktechnik zugunsten sehr expressiver Töne etwas schleifen – wohl in Absprache mit Haïm, deren akribische Sängervorbereitung auf Youtube zu sehen ist, und durchaus zum Gefallen meines Sitznachbarn, ich war weniger überzeugt. In weiterer Folge aber bewies er, dass er auch für „Puristen“ singen kann, sowohl die Arie “Belle dee“ als auch seine Wutarie („Dormerò la tua fierezza“) waren mit sicherer Höhe, langem Atem und wiederum technisch sehr gut gesungen. Seine Rolle wurde von Bieito am besten geführt, darstellerisch ist Shahbazi sehr überzeugend.
Die kleineren Rollen des Achilla (einem weiteren Regieopfer) und des Nireno wurden vom profunden holländische Bassbariton Frederik Bergman bzw dem Countertenor Jake Ingbar (ein weiteres Hausdebüt, mit sportlichen Einlagen, die vom Publikum sehr goutiert wurden) tadellos gesungen, beiden hat Haïm die Arie(n) gelassen. Die kleine Rolle des Curio wurde vom ukrainischen Bariton Georgy Derbas-Richter gesungen, auch er überzeugte.
Und die Regie? Calixto Bieito und (Bettina Auer, Dramaturgie) lassen die Oper unter superreichen Oligarchen „in einer Gegend wie Katar“ spielen. Der erwähnte Käfig ist laut Programm dem Pavillon von Saudi-Arabien bei der EXPO in Dubai 2020 nachempfunden, lässt aber den Bühnenraum nach oben unbegrenzt, was dazu führt, dass die Sänger viel an der Rampe singen, um nicht von dem nach oben bis zum Dach offenen Raum akustisch verschluckt zu werden (Bühne: Rebecca Ringst) Die Superreichen tragen wenigstens ansehnliche Kostüme oder zumindest hübsche Sportbekleidung (Ingo Krügler), auch die Videoprojektionen (Michael Bauer) sind zur Musik passend, oft poetisch und nie überdosiert.
Das „Katar“-Konzept verliert aber über weite Teile der Oper völlig Sinn und Faden, insgesamt mehr als eine Stunde der Aufführung wirken so, als hätte Bieito den Sängern gesagt, sie mögen spielen, was ihnen gerade einfällt.
Das von Cäsar besungene Haupt des Pompeo (eine der musikalisch innovativsten Momente der Oper) muss man sich dazudenken, der Krieg findet bei den Oligarchen nicht statt, da der Feldherr ohnmächtig ist, und woran Achilla stirbt, ist rätselhaft. Zum Schluss schenken Cäsar und Cleopatra einander und dem Chor goldene Kloschüsseln (offenbar sind Klos die neuen Koffer der Regisseure), auf die sich alle setzen müssen, Tolomeo muss die Schüssel auch verwenden. Was als Text der Rezitative geblieben ist, passt in zahllosen Details nicht zum Geschehen auf der Bühne.
Was die Personenführung der beiden Hauptprotagonisten betrifft, werden diese über weite Strecken völlig im Stich gelassen, Bieito ist zu Cäsar gar nichts und zu Cleopatra wenig eingefallen. Dafür wird – äußerst sängerunfreundlich – die Aufmerksamkeit des Publikums in den frühen Arien von Cäsar und Cleopatra durch klamaukhafte Einschübe (Handling des weißen Plastiksacks und der Reste des Pompeo während der 2. Arie des Cäsar und eine Prügelei während einer Arie der Cleopatra) völlig abgelenkt, dementsprechend kommt die längste Zeit kein Applaus auf. Die Beziehung von Sesto und Cornelia ist nur aggressiv und entgegen Musik und Text alles andere als liebevoll – wie positive Gefühle oder gar Liebe von Bieito überhauptaus der Oper getilgt werden. Dafür fließt viel Theaterblut (Cäsar bricht Achilla die Nase, Cleopatra schneidet sich die Pulsandern auf) und wer glaubt, dass die Metoo-Bewegung der letzte Jahr doch dazu geführt hat, dass Regisseure entgegen Musik und Text starke Frauen (und deren Sängerinnen) nicht mehr so einfach zu Sexobjekten degradieren dürfen, der wird in Amsterdam eines Schlechteren belehrt.
Gaglastige Regien, die gegen Text und Musik arbeiten, hat es in den letzten Jahren und Jahrzehnten oft gegeben. Bieito geht in dieser Oper darüber aber hinaus. Bleibt für mich die Frage, wie wir Zuschauer dazu kommen, dass ein musikalisch überaus erfreulicher Opernabend durch eine Regie, die nach meinem Dafürhalten blanke Frauenverachtung nicht kritisiert, sondern begeht, so sehr entwertet wird.
Susanne Kosesnik-Wehrle

