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AM GRÜNEN RAND DER WELT

15.07.2015 | FILM/TV, KRITIKEN

FilmPlakat Am grünen Rand der Welt~1

Ab 17. Juli 2015 in den österreichischen Kinos
AM GRÜNEN RAND DER WELT
Far from the Madding Crowd  /  USA  /  2015 
Regie: Thomas Vinterberg
Mit: Carey Mulligan, Matthias Schoenaerts, Michael Sheen, Tom Sturridge u.a.

Es waren die Schriftsteller früherer Zeiten, die es bereits sagten: Gebt Frauen eine „männliche“ Aufgabe, und sie werden diese so gut meistern wie die Männer auch. Im wahren Leben bestand diese Chance so gut wie gar nicht, musste von verachteten „Suffragetten“ durchgekämpft werden – und es gab nur ein Mittel, Frauen aus ihrer gesellschaftlichen Bewegungslosigkeit zu befreien: Geld.

Etwas von diesen Erkenntnissen steckt in dem Roman „Far from the Madding Crowd“  des Engländers Thomas Hardy (1840-1928), eines kritischen Chronisten der Viktorianischen Welt. In unseren Breiten ist wohl, dank der Polanski-Verfilmung mit Nastassja Kinski, sein Roman „Tess of the d’Urbervilles“ am ehesten bekannt. Aber auch schon „Far from the Madding Crowd“ hat eine so starke Verfilmung erfahren, dass jeder Nachfolger schwankenden Boden betritt: Denn Julie Christie als John Schlesingers „Herrin von Thornhill“ ist unvergessen, zwischen ihrem treuen Vorarbeiter (Alan Bates), dem getreuen Gutsbesitzer-Verehrer (Peter Finch) und den leichtfertigen Soldaten, den sie heiratet (Terence Stamp). Mit dieser Besetzung kann die Neuverfilmung kaum mithalten. Doch sie hat ihre eigenen Qualitäten.

Offenbar hat die „breite“ britische Vorlage, die so viel von Landleben und Landschaft bietet (Hardy hat Wessex in seinen Romanen geradezu verherrlicht) auch einen Regisseur verwandelt, denn der Däne Thomas Vintenberg ist gewissermaßen für „schmerzliche“ Filme (zuletzt „Die Jagd“) bekannt. Hier allerdings hat er sich geradezu mit seufzender Nostalgie in das 19. Jahrhundert fallen lassen und die Geschichte um Bathsheba Everdene ein bisschen weich gespült und ein bisschen sehr schön bebildert. Interessanterweise steht die Geschichte, in der es ja doch um Emanzipation (mit Hilfe von eigenem Geld!) geht, dennoch auf ziemlich festen Beinen…

Als Bathsheba Everdene noch eine „Niemand“ ist, ein armes junges Mädchen, das bei einer Verwandten am Land aufgenommen wurde und dort tüchtig bei der Arbeit zupackt, da kann Gabriel Oak als Besitzer von ein paar hundert Schafen ihr einen Heiratsantrag machen. Zweifellos, weil sie ihm gefällt, aber seine Argumente sind rein ökonomischer Natur: Er könnte sie ordentlich versorgen. Sie lächelt ihn an und sagt danke nein.

Es ist interessant, wie genau Hardy hinter den gesellschaftlichen Gegebenheiten seiner Epoche her ist. Als sich Bathsheba und Gabriel wieder treffen, hat sich das Sozialgefälle zwischen ihnen diametral umgedreht: Sie hat einen Gutshof geerbt, den sie mit eigenen Händen und eigenem Verstand angesichts einer auch recht schwierigen Arbeiterschar führt, er hat seine Schafe, seinen Besitz, einfach alles verloren und muss gewissermaßen froh sein, wenn er bei ihr als Vorarbeiter unterkommen kann. Die Augen zu ihr, die nun einer anderen Gesellschaftsschicht angehört, könnte er nach den Regeln der Zeit nicht mehr erheben.

Weit eher schon der Nachbar, der reiche Gutsbesitzer, wenn er auch – wie alle anderen männlichen Kollegen der Grafschaft – der Frau zuerst mit aller kritischer Distanz gegenüberstand, als man kollektiv versuchte, sie niederzumachen. Aber als sie durchhielt und man mir ihr Geschäfte machen kann, ist sie akzeptiert. Dann würde auch William Boldwood eine Ehe mit der attraktiven jungen Dame erwägen, und auch er kommt mit dem Angebot weltlicher Güter – und dem Argument, sie müsse dann nicht mehr arbeiten! Sie könnte ein Klavier haben… Danke, ich habe schon ein Klavier, lächelt sie und sagt nein.

Selbständigkeit über alles, bis das Unberechenbare eintritt, die erotische Anziehungskraft, deren Erscheinen in Form eines jungen Sergeanten namens Frank Troy nicht vorzuplanen und nicht zu erwarten ist, einschlägt wie ein Blitz und auch all die negativen Folgen hat, die man der jungen Dame voraussagen würde, ja, auf die Leinwand hinaufrufen möchte, sie solle doch nicht so dumm sein…

Nun, Frauen sind es offenbar immer wieder, auch Bathsheba, und rund um diese Ehe werden die bisher so ruhigen, gewissermaßen sachlichen Ereignisse dieses Lebens turbulent, die Soap Opera verlangt sozusagen nach ihrem Recht, und der Film geht auch etwas hudriwudri über hochdramatische Ereignisse hinweg, um nach zwei Stunden endlich beim Happyend zu landen: Und Gabriel Oak ist seinerseits intellektuell und „emanzipiert“ genug, um befinden, dass der Ball bei der Gutsherrin liegt. Wenn sie ihn will, muss sie es schon sagen…

Film/ Am gruÌnen Rand der Welt

Keine Frage, sie tut es, was Wunder angesichts dieses Mannes, von dem jeder Kinobesucher von Anfang an weiß, dass er und nur er der Richtige ist. Das liegt auch an der Ausstrahlung des Belgiers Matthias Schoenaerts, der zuletzt in der „Gärtnerin von Versailles“ mit einem ähnlichen Charakter überzeugt hat: verschlossen und ehrbar bis auf die Knochen. Wenn es die nur im Leben nur auch so häufig gäbe. (Ist das nicht das Schöne an Literatur und Kino, dass man sich gleich auskennt, wer wer ist, während das wahre Leben oft dermaßen ohne Dramaturgie verläuft…!).

Der Gutsherr gewinnt zwar nach und nach an Sympathie, aber in der Gestaltung von Michael Sheen wirkt er doch wie ein Schwächling (und dabei war dieser Schauspieler so exzeptionell der Tony Blair zur „Queen“ der Helen Mirren…) Und Tom Sturridge ist das hübsche Gesicht mit Problemen, das einer Frau wie Bathsheba nichts mehr zu bieten hat, nachdem seine Verführungskünste verraucht sind und er die Rechnung dafür präsentiert…

Um die Frau der Geschichte geht es, um Bathsheba, der man glauben muss, dass sie nicht das vorgeschriebene Leben absolvieren will. Die, als sich da Zügel offenbaren, diese in die Hand nimmt. Die gescheit ist, entschlossen und auch Fehler wieder ausbügelt. Carey Mulligan, die im „Großen Gatsby“ in die großen Schuhe von Mia Farrow gestiegen ist, tut es hier mit den nicht minder großen Schuhen von Julie Christie und ist ganz sie selbst, der leichte, etwas „süßliche“ Typ von Frau, dem man auf den ersten Blick wenig zutraut. Dass sie alles, was Bathsheba tut, leidet und entscheidet, absolut glaubwürdig macht und damit Thomas Hardys Emanzipationsgeschichte erzählt – das ist die Stärke des Films, der vom Regisseur ein bisschen mehr Schärfe und ein bisschen weniger romantisches Wogen verdient hätte.

Renate Wagner

 

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