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ALLES GELD DER WELT

11.02.2018 | FILM/TV, KRITIKEN

FilmCover Alles Geld der Welt~1

Filmstart: 16. Februar 2018
ALLES GELD DER WELT
All the Money in the World / USA / 2017
Regie: Ridley Scott
Mit: Christopher Plummer, Michelle Williams, Mark Wahlberg u.a.

Der Regisseur dieses Films heißt Ridley Scott – dennoch wird „Alles Geld der Welt“, die Geschichte um die Entführung von John Paul Getty III im Jahre 1973, nicht deshalb berühmt sein und bleiben. Sondern weil es der erste Film war, der sofort und unmittelbar auf die „#metoo“-Debatte reagiert hat, und das in einem schier unglaublichen Ausmaß. Denn wie nun zu erkennen ist, musste man zweifellos die Hälfte des Ganzen neu drehen, um Kevin Spacey zu eliminieren, der gewiß die Rücksichtslosigkeit des alten J. Paul Getty hervorragend gespiegelt hätte (so was kann er ja). Dennoch – die Greisenhaftigkeit, die Endzeitstimmung, die um den real 88jährigen Christopher Plummer weht, hätte er (schon aufgrund des Alters) nie dermaßen verkörpern können. Und die ist ein gewichtiges Element des Films, den man übrigens kaum als „klassischen“ Ridley Scott erachten möchte – dazu ist die Entführungsgeschichte, die einst weltbekannt wurde (und es gewissermaßen immer noch ist) einfach zu sehr „Mainstream“-Kino und konzentriert sich zu sehr (und stellenweise fast langweilig) auf die herzzerreißenden Bemühungen einer Mutter, ihren Sohn aus den Händen von Gangstern zu retten…

Nach einer aus dem Off erzählten Rückblicks-Geschichte über den Reichtum des alten Getty kommt man zur Handlung: Da streicht ein fröhlicher junger Mann durch das nächtliche Rom und schlägt die Warnung, er solle sich nicht allein herumtreiben, in den Wind. Sekunden später wird der 16jährige in einen VW-Bus gezerrt – und eine der berühmtesten Entführungen des 20. Jahrhunderts nahm ihren Anfang. Denn der junge Mann war John Paul Getty III., Enkel von jenem J. Paul Getty, der damals als der reichste Mann der Welt galt. 17 Millionen Dollar, die als Lösegeld gefordert wurden, würden für diesen ein Klacks sein, mutmaßten die Entführer. Aber sie hatten sich geirrt…

Das Drehbuch von David Scarpa ist relativ selten an der Seite des Entführungsopfers (gespielt von Charlie Plummer, nicht mit Christopher Plummer verwandt). Der Junge wurde von schrägen Mafia-Angehörigen in verschiedenen Verstecken fest gehalten, und die Handlung um ihn eskaliert erst gegen Ende, als die Entführer (man hatte ihn inzwischen innerhalb gnadenloser Verbrecherorganisationen „weiterverkauft“) ihm ein Ohr abschnitten, um den Druck zu erhöhen… Zwischendurch lernt man allerlei miese Typen rund um Getty Junior kaum andeutungsweise kennen, und auch seine vergebliche Flucht zwischendurch schiebt sich nicht ins Zentrum des Films und des Interesses.

Tatsächlich verläuft die Geschichte auf zwei Ebenen: Da ist zuerst Großvater Getty, für den dieser Junior nur einer von 14 seiner Enkel ist und der eigentlich gar keine Lust hat, das Lösegeld zu bezahlen – zumal er gerade in Bezug den entführten jungen Mann kaum Hoffnung hegte, er könne für die „Getty-Dynastie“ nützlich sein. Nein, das ist kein erschütterter Opa, der aus Angst um einen geliebten Enkel in die Knie geht. Im Laufe der Ereignisse wird nicht nur die innerlich unberührte Sturheit des Alten immer wieder beleuchtet, der einen Ex-CIA-Mann als Vermittler einschaltete (was die Möglichkeit bietet, dass der Name Mark Wahlberg dem Film zusätzlichen Promi-Glanz verleiht) – und der auch gar nicht über so viel Bargeld verfügte. Wie man erfährt (was weiß man schon von den Tricks der Reichen?), hatte Gettys alles in Trusts gebunkert, um keine Steuern zahlen zu müssen, und verwendete seine Millionen dafür, Kunst zu kaufen – in einer Szene, die nicht nur spannend, sondern irgendwie auch erschütternd ist, meint man, die geheimnisumwitterte millionenschwere Verhandlung könne um den Enkel stattfinden – aber es ist ein Madonnengemälde aus der Renaissance aus dem Schwarzen Markt, das dem Alten einzig sein Geld zu entlocken mag. Kunst ist das einzige, was ihn wirklich fasziniert und anrührt, und die alten Römer, durch deren Ruinen-Reste er wandert, als wäre er dort als sein eigener Herrscher zuhause… Die Studie, die Christopher Plummer hier liefert, der nie persönliche Gefühle (so er sie überhaupt hatte) gegen die Geldzählmaschine in seinem Kopf antreten ließ, ist grausig überzeugend.

Dafür überströmen die Emotionen auf Seiten der Mutter, die Michelle Williams mit überbordender, leidenschaftlicher Energie spielt. Von Getty Sohn geschieden, mit dem Alten im Clinch um das Sorgerecht ihrer drei Kinder, das sie sich endlich abkaufen lassen musste, und selbst ohne die geringsten finanziellen Mittel, unternahm sie – mit Fletcher Chase an ihrer Seite, den Mark Wahlberg mit einiger Geheimdienst-Unbeweglichkeit und einer für ihn ungewöhnlichen Farblosigkeit verkörpert – alles ihr nur Mögliche, die Millionen für das Lösegeld (die sich durch die Sturheit des Alten nach und nach reduzierten, falls die Gangster überhaupt noch etwas herauspressen wollten) zu bekommen. Am Ende gelang nach endlosem Hin und Her die Freilassung in einer ziemlich unübersichtlichen Szene, und man will als Kinozuschauer gar nicht wissen, wie tragisch das Schicksal des jungen Getty (mit seinen Ängsten, Komplexen und dem einen Ohr) weiter verlief…

Der Film zeichnet das Milieu der siebziger Jahre optisch perfekt nach, wobei Ridley Scott wild zwischen den Figuren, aber auch den Zeiten (immer wieder mit Rückblenden) hin und herspringt. Es ist eine Mainstream-Story, die es im Grunde nicht schafft, besondere Spannung zu kreieren – nicht nur, weil man weiß, „wie es ausgegangen ist“. Die zweieinviertel Stunden werden für den Zuschauer ein bisschen lang. So bleibt die würgende Studie des alten Milliardärs. Wie hieß doch das Buch von John Pearson, nach dem der Film entstand? „Painfully Rich“…

Renate Wagner