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Alexander Demandt: MARC AUREL

30.10.2018 | buch

Alexander Demandt:
MARC AUREL
Der Kaiser und seine Welt
592 Seiten, Beck Verlag, 2018

Wer an „römische Kaiser“ denkt, hat zuerst einige „Monster“ des Julisch-Claudischen Hauses im Kopf, also etwa Caligula oder Nero. Jeder kennt auch Marc Aurel, aber er rangiert unter den „Guten“. Er war nicht nur Kaiser, sondern im Licht der Nachwelt vor allem Philosoph – grenzenlos sind die Ausgaben seiner „Selbstbetrachtungen“, „Meditationen“, „Wege zu sich selbst“, oder wie immer man heute die Gedanken aufbereitet, die sich ein Mann machte, der von 121 bis 180 n.Chr. lebte, von dem uns also gut 1900 Jahre trennen.

Zu erzählen ist allerdings keine eindimensionale Geschichte eines „weisen Mannes“ auf dem Kaiserthron. Marc Aurels Lebensweg ist schon vom „privaten“ Aspekt her interessant, wie er durch Adoptionen zu seiner Würde gelangte, welche Probleme sich ihm in der Familie stellten. Der politische Aspekt ist bedeutend, denn das Römische Weltreich, das Augustus und auch seine Nachfolger aufgebaut hatten, sah sich an seinen Grenzen von schweren Angriffen bedroht, im Osten die Parther, im Norden (wie immer) die germanischen Stämme – es ist kein Zufall, dass Marc Aurel in Vindobona an der Donau, dem heutigen Wien, starb, denn die kriegerischen Ereignisse holten ihn immer wieder von Rom weg. Und als dritte Ebene hat man dann den Mann vor sich, der sich von den wilden Ereignissen des Alltags nicht davon abhalten ließ, sich über das Leben des Menschen gewissermaßen metaphysische Gedanken zu machen…

Alexander Demandt, emeritierter Professor für Alte Geschichte an der Freien Universität Berlin, als Buchautor bereits vielfach mit der Antike befasst, legt nun den voluminösen Band über Marc Aurel vor (eine Auftragsarbeit, weil er Geld brauchte, einen Dachschaden am Haus zu reparieren, wie er im Nachwort ganz offen erzählt – wobei er sich dann auch bei seinen Studenten bedankt, deren spezifizierte Hausarbeiten zum Thema Marc Aurel er gut gebrauchen konnte). Wie es sich in der Wissenschaft gehört, ist ein Drittel der 592 Seiten des Buches dem Anhang gewidmet. Und natürlich schickt der Autor den Leser nicht voraussetzungslos in die Geschichte des Römischen Weltreichs, dessen Herrschaft alles andere als kontinuierlich verlaufen war.

Ein ausführliches Kapitel, wie Rom „funktionierte“, als Marc Aurel in seine Welt trat (sowohl in der Verwaltung wie in der sozialen Gliederung wie in der Ausdehnung und anderen relevanten Fragen), ein weiteres darüber, auf welche Quellen man bei der Schilderung eines Lebens vor zweitausend Jahren zurückgreifen kann (mehr oder minder die üblichen, aber manchmal verrät schon eine kleine Inschrift Signifikantes): Die großen Kapitel sind in kleine Unterkapitel geteilt, damit ist das Buch sehr übersichtlich und ermöglicht dem Leser auch, schnell zu jenen Punkten und Fragen zu kommen, die ihn besonders interessieren.

Das wäre dann Marc Aurel, der ab Kapitel 3  behandelt wird. Und da steht man erst dem Phänomen der „Adoptivkaiser“ gegenüber. Von Augustus bis Nero wurde die Herrschaft im Julisch-Claudischen Kaiserhaus zwar nicht von Vater zum Sohn, aber immer an ein enges Familienmitglied übergeben. Dann kamen die Flavier, Vater (Vespasian) und zwei Söhne (Titus und Domitius, der eine Schreckensfigur war). Und wieder war die Familien-Nachfolge abgerissen. Nerva wurde, welche Ausnahme, vom Senat gewählt. Er adoptierte Trajan. Dieser adoptierte Hadrian. Und dieser wieder entdeckte in dem Enkel eines seiner vertrauten, edlen Freunde den idealen Nachfolger: Jenen Marc Aurel, wie man ihn heute nennt, nachdem er viele Namen getragen hat (die Römer konnten sich da mit Pronomen, Nomen und Cognomen ganz schön spielen). Dazwischen wurde noch, da Marc Aurel bei Hadrians Tod zu jung war, der edle Antoninus Pius Kaiser. Er adoptierte Marc Aurel und gab ihm seine Tochter zur Frau (auch Schwiegersöhne hatten Herrschaftsansprüche), und er adoptierte sozusagen in der Folge (auch Augustus hatte versucht, die Nachfolge durch Doppel-Adoptionen zu regeln) den jungen Lucius Verus. Dieser sollte, wenn nötig, Marc Aurel nachfolgen.

Niemand ahnte, dass Marc Aurel, als er im Jahr 161 zur Herrschaft kam (er war 40 Jahre alt), diesen seinen Adoptivbruder zum gleichwertigen Herrscher an seiner Seite ernennen würde… Schier unglaublich in unserer heutigen egozentrischen, gierigen Welt, freiwillig die Macht zu teilen. Aber Macht war für Marc Aurel, den disziplinierten Stoiker, der sich von frühester Kindheit an um ein optimales, anständiges Leben bemühte, kein Selbstzweck, sondern nur ein Mittel, das Gemeinwesen optimal zu ordnen und zu sichern. Was Marcus selbst nie gelernt hatte, war, ein militärischer Führer zu sein. Lucius Verus wurde ausgeschickt, die Parther im Osten zurück zu drängen. Das gelang ihm. Nichtsdestoweniger musste Marc Aurel den Rest seines Lebens als Feldherr verbringen – denn ununterbrochen drängten germanische Völker vom Norden her in Richtung Römisches Reich. Und Lucius Verus war auf die Dauer keine Hilfe.

Er ist, neben dem immer noblen, ausgeglichenen Kaiser, die „buntere“ Figur: Verheiratet mit dessen ältester Tochter Lucilla, also auch der Schwiegersohn von Marc Aurel, liebte er alles, was dieser verachtete, etwa Zirkusspiele (dass Marc Aurel, wenn er schon einem beiwohnen musste, in der Loge der Arena arbeitet oder las, nahm das Volk sehr übel). Er trank, er nahm sich Geliebte, er schwelgte im Luxus vor allem des Orients, während Marc Aurel spartanische Einfachheit pflegte, und er war auch nicht immer loyal. Doch er starb, und der Kaiser hat nie ein böses Wort über ihn verloren.

Äußerst zurückhaltend äußert sich Autor Alexander Demandt übrigens über Marc Aurels Gattin Faustina, die ihm ein Dutzend Kinder gebar und doch eine Skandalfigur der Antike war. Noch lange, bevor der immer kränkliche Marc Aurel starb, hat sie sich einem möglichen Nachfolger als Gattin angetragen – abgesehen davon, dass man ihr viele Liebhaber nachsagte und niemand glauben konnte, dass Commodus, der einzige überlebende Sohn aus dieser Ehe, wirklich Marc Aurels Fleisch und Blut sein könnte, so sehr wich dieser Rasende auf dem Kaiserthron, als er ihn dann endlich übernahm, von dem Vater ab… Das kocht das Buch auf kleiner Flamme, so nobel, wie Marc Aurel mit dieser Gattin umging.

In aller Breite ausgeführt werden dagegen die schier unübersichtlichen Kriege gegen die Germanenstämme, die Marc Aurel zum Kriegsherren machten, der die letzten Jahrzehnte seines Leben meist im Norden verbrachte, um die Angriffe (die ja schon den Beginn der Völkerwanderung darstellten) abzuwehren. Der heutige Leser in einer Welt, wo Nachrichten in Sekundenschnelle reisen, kann es sich kaum vorstellen, wie dieser Kämpfe, deren Informationen ja von Männern auf Pferden in tagelangen Ritten weitergetragen wurden, logistisch funktionieren konnten… Und dennoch hat Marc Aurel, obwohl es seinem Bewusstsein als friedfertiger Philosoph widersprach, als Kaiser sein Reich gegen die Einfälle der Germanen weitgehend geschützt.

Alexander Demandt begnügt sich nicht damit, unmittelbare Sachverhalte zu schildern, er geht auch immer wieder weit darüber hinaus, bringt auch die Meinung der späteren Interpreten (oft zitiert er Mommsen) zu den Geschehnissen ein. Und hängt an die Chronik von Marc Aurels Leben noch breite und hoch interessante Betrachtungen zu seiner Zeit und seinem „alltäglichen“ Wirken als Kaiser an – der Mann, der sich um den Senat (dem er mit Respekt begegnete) ebenso kümmerte wie um Rechtsprechung und Gesetze (und die Lage der Sklaven erleichterte), in dessen Reich aber dennoch Christenverfolgungen stattfanden (ein besonders interessantes Kapitel darüber, wie die Christen als stumme, hochverräterische „Widerstands-Bewegung“ im Römischen Reich wahrgenommen wurden) – und der dennoch in der christlichen Geschichtsschreibung als „der Gute“ erachtet wird: Nicht zuletzt, weil man das mythische „Regenwunder“ (die römischen Legionäre wurden, von den Germanen hoffnungslos eingekreist, durch einen plötzlichen Regensturm gerettet) am liebsten so erklärte, dass Marc Aurel zum Gott der Christen gebetet hätte… was er mit Sicherheit nicht getan hat.

Ein ganz großes Kapitel ist dem „Philosophen“ Marc Aurel gewidmet, dessen „Selbstbetrachtungen“ heute gern als stoische Lebenshilfe (vor allem gegen die Angst vor dem Tod) gelesen werden, und das in wohl allen Sprachen der Welt. Sein Nachleben ist das des Philosophen, der viele Große (Friedrich II. von Preußen etwa) ebenso beeinflusst hat wie Dichter (Tschechow) oder Durchschnittsmenschen. Und ja, um von Nachleben und Popularität zu reden – Marc Aurel und sein „böser“ Sohn Commodus eroberten auch die Filmleinwand, 1964 in „Der Untergang des Römischen Reichs“ in Gestalt von Alec Guiness und Christopher Plummer, 2000 in „Gladiator“ in Gestalt von Richard Harris und Joaquin Phoenix… Wahrscheinlich ist das die wahre Popularität in unserer Welt.

Für Österreich hatte Marc Aurel immer eine besondere Bedeutung: Immerhin drei Jahre hielt er sich im Kampf gegen die Markomannen im Grenzlager Carnuntum an der Donau auf, und gestorben ist er in Wien (nicht in Sirmium am Balkan, wie es manchmal heißt, der Autor stellt das völlig klar). Und zwar vermutlich im Legatenpalast des Wiener Kastells, zwischen Peterskirche und Judenplatz gelegen, wohl dort, wo die Tuchlauben heute in die – Mark-Aurel-Straße übergeht… Und noch etwas: Der berühmte Parther-Fries des Wiener Ephesos-Museums ist nach dem siegreichen Feldzug von Marc Aurels Mitkaiser Lucius Verus geschaffen worden…

Renate Wagner

 

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