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AIX EN PROVENCE/ Théâtre de Provence: DIE FRAU OHNE SCHATTEN. Parabel über die Menschlichkeit

14.07.2026 | Oper international

12.7.2026 Aix-en-Provence, Grand Théâtre de Provence „DIE FRAU OHNE SCHATTEN“

Parabel über die Menschlichkeit

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Foto: Youtube

Richard Strauss’ sperriges Meisterwerk basierend auf dem Libretto von Hugo von Hofmannsthal ist aus der (Nach)kriegs-Zeit der 1910er Jahre geboren und zu verstehen, eine Mischung aus Märchen, Parabel, psychologisierenden Methaebenen und einem wohl ganz großen Wunsch nach Einkehr und Eingebettetsein in Familie und zärtlichem Trost, einer kleinbürgerlichen Idylle und dem Sinn des Leben in der Verbindung Mann/Frau mit dem Ziel des Schaffens der Nachkommenschaft. Demgemäß ist es nicht unschwierig, dieses in unseren Tagen doch etwas aus der Mode gekommenes Weltbild auf die Bühne zu bringen und dieses auch noch in einer Form zu tun, in der der heutige Zuschauer Identifikationsmöglichkeiten und „Jammer und Schaudern“ (emp)finden kann.

Mit Barrie Kosky hat sich das renommierte südfranzösische Festival einen vielbeschäftigten und derzeit sehr beliebten Regisseur ins Theater geholt (Bühnenbild: Michael Levine; Kostüme: Victoria Behr), der dem schwer entwirrbaren Geschehen seinen durchaus passenden, jedenfalls nicht langweiligen Stempel aufdrückt. Ins Zentrum rückt er die Amme, die das Geschehen (fast bis zum Ende) lenkt und leitet, wie eine schwarze Witwe im Schaukelstuhl. Bei ihr sind wahrhaft „Übermächte“ im Spiel. Kosky scheint überhaupt den weiblichen Protagonistinnen mehr Profil zu verleihen. Es sind vor allem die Geschichten der Kaiserin und der Färberin, die er in Szene setzt und deren Entwicklungen er glaubhaft macht: Die märchenhafte wunderschöne „Gazelle“, die durch Baraks Menschlichkeit menschlich wird, und die zornige, depressive, unzufriedene Färberin, die letztlich auch von eben jenem Mann lernt, zufrieden zu sein. Dieser selbst macht wenig Veränderungen durch – mit Ausnahme einer gewissen Gewaltbereitschaft seiner Gattin gegenüber, wenn sie ihr (vermeintliches) Verhältnis gesteht. Der Kaiser auf seinem Schaukelpferd hat wenig Entwicklungspotenzial: Jagen und Erjagtes Lieben – auch eine Beschäftigung für einen Mann.

Kosky spielt mit Symbolen und Zeichen: Das Kaiserhaus eine Black Box, das Färberhaus bunt, messy-like und dreistöckig, der dritte Akt ein weißer Raum, in dem zunächst niemand zu einander findet. Der verführerische Jüngling ist ein hübscher silbriger Geselle, der nicht nur der Färberin den Kopf verdreht, kopflose schwarz-glitzernde Gestalten mit Messern, ein großer Kopf mit menschlichen Füßen, am Beginn des dritten Aktes ein älterer Mann, gegen den sich die Kaiserin auflehnt – wohl die Ablösung von Keikobad symbolisierend. Insbesondere in der Damenwelt hat Kosky mit Vida Miknevičiūtė als Kaiserin, Ambur Braid als Färberin und Nina Stemme als Amme erstklassige Sängerdarstellerinnen zur Verfügung, das zuweilen etwas unglaubwürdige Geschehen glaubwürdig und (un)menschlich zu gestalten.

Das Orchestre de Paris (samt dem zugehörigen Chor) ist unter der Leitung des dirigierenden Wunderknaben Klaus Mäkelä dafür verantwortlich, dass diese so anspruchsvolle Partitur in einer großartigen Form zu Gehör gebracht wird, was umso beachtlicher ist, als Mäkeläs Einsätze als Operndirigent bis dato rar gesät waren. Nichtdestotrotz ist dessen Beschäftigung mit dem Strauss’schen Monsterwerk hörbar, dort, wo es feiner fast kammermusikalischer Soli bedarf, und dort, wo es mit der gesamten Wucht und Spannung aufzufahren hat. Mäkelä versteht es nicht nur, die dynamischen Gegensätze zu veranschaulichen, er lässt auch den Sängern gehörig Raum, ihre zumeist prachtvollen Stimmen entsprechend zu präsentieren.

Da ist zuerst einmal Nina Stemme, eine „der“ Hochdramatischen der letzten Jahrzehnte, selbst eine großartige Färberin, die jetzt aus der Menschenwelt ins Ammengewerbe gewechselt ist: Anfänglich nach Ansage wegen Indisposition vielleicht noch etwas zögerlich, vermag sie in der Folge das ganze Volumen ihrer Stimme in die Waagschale zu legen und – wie schon bei ihrer Küsterin – eine prachtvolle „böse alte Frau“, die einen das Fürchten lehren kann, zu geben. Bei Kosky wird sie im Übrigen im dritten Akt bühnenwirksam entleibt.

Vida Miknevičiūtė ist eine äußerst elegante Erscheinung, die von den ihr zugedachten Kostümen entsprechend unterstützt wird. Ihre stimmlichen Stärken liegen sicherlich nicht in der besonderen Wärme des Timbres – so schleicht sich die eine oder andere Schärfe in der Höhe ein, sondern in ihrer Fähigkeit, die Wandlung des schönen Püppchens zur menschlich gereiften Frau auch in musikalischer Hinsicht zu verdeutlichen, ihre Qualen besonders im dritten Akt entsprechend über die Rampe zu bringen und mit ihrem ins Publikum geschleuderten paradoxen „Ich will NICHT“ die Errettung ihres eigenen vom Versteinern bedrohten Gatten in die Wege zu leiten.

Die Kanadierin Ambur Braid ist sicherlich „die“ Entdeckung dieser Aufführung, mit der sie wohl einen Schritt in Richtung einer ganz großen Karriere gemacht hat: Eine runde, bruchlose dramatische Sopranstimme gänzlich ohne Abnützungserscheinungen, prädestiniert für die fordernde Rolle der Färberin. Darstellerisch äußerst temperamentvoll weiß sie wohl ihren Willen durchzusetzen und ihren Gatten samt seiner brüderlichen Entourage durch gelebtes Super-Zickentum vollends zu enervieren. Glaubhaft aber auch in den introvertierteren Momenten des dritten Aktes. Eine perfekte Leistung! Viele weitere große Engagements mögen folgen!

Michael Spyres ist nach wie vor in seinem Fach (dieses umspannt bekanntlich bis zum Tristan alles, was je für Tenöre und darunter geschrieben wurde) konkurrenzlos und vermag mit seinem weichen baritonalen Klang nicht nur die Kaiserin zu bezaubern. Sein anspruchsvolles Solo „Falke, du wieder gefundener“ gelingt tadellos, er vermag sich dem besungenen Flugtier gleich zu kraftvollen Kantilenen aufzuschwingen, dies alles mittels höhensicheren Schöngesanges.

Der Julliard-Absolvent Brian Mulligan, dieses Jahr zyklisch als Schwarzalbe in Paris im Einsatz, agiert als Barak von Kosky zorniger als üblich gezeichnet, kann sich mit kernigem wohlklingenden Bassbaritontimbre problemlos in die Riege der erstklassigen Aixer FROSCH-Besetzung einreihen.

Auch Jean-Sébastian Bou klingt durchaus geisterhaft als Geisterbote.

Dem musikalisch-szenischen Dreamteam ist hier ein ganz großer Wurf gelungen. Aix hat schon einmal vorgelegt. Der Sommer wird zeigen, was Salzbug und Bayreuth bieten werden.

Sabine Längle

 

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