Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

AIX EN PROVENCE/ Grand Théâtre de Provence „HERZOG BLAUBARTS BURG“ – konzertante Aufführung

13.07.2026 | Oper international

11.7.2026  Aix-en-Provence, Grand Théâtre de Provence „HERZOG BLAUBARTS BURG“ – konzertante Aufführung

Tödliche Reise in die Einsamkeit

Blaubart – Wikipedia
Foto: Wikipedia

Béla Bartóks 1918 in Budapest uraufgeführter Einakter scheint derzeit ein Revival zu erleben: 2022 nahmen sich Teodor Currentzis und Romeo Castellucci dessen anlässlich der Salzburger Festspiele an, im Frühjahr feierte Tobias Kratzers Produktion unter der Stabführung von Karina Cannellakis an der Hamburgischen Staatsoper Premiere, und nunmehr haben die ganz großen Diven der Branche die Judith für sich entdeckt: am 3.10. dieses Jahres wird die Premiere an der Wiener Staatsoper mit Asmik Grigorian stattfinden, ab Herbst tourt Anna Netrebko konzertant mit ihr durch die Europäischen Lande, und Elīna Garanča hat bereits 2024 als Blaubarts Braut in der Carnegie Hall reüssiert, weitere Auftritte sind geplant.

In Aix-en-Provence holte sich das Festival nun mit Klaus Mäkelä DEN Shooting-Star unter den Maestri (neben der Frau ohne Schatten) ans Pult, der sich mit seinem Orchestre de Paris der komplexen, von Debussy beeinflussten Partitur annahm. Das Libretto stammt von Béla Bálazs und hat Maeterlincks „Ariane et Barbe-bleue“  zum Vorbild. Mäkelä versteht es aus dem Orchester jegliche Klangfarben herauszuholen, die vielschichtige Partitur mit Steigerungen zu versehen, Schauer zu erzeugen und vor allem Spannung aufzubauen, die mit jeder geöffneten Tür und jedem von der Musik gezeichneten Bild zunimmt. Besonders klangschön und pompös gelingt die Öffnung der 5. Türe, die dahinter die Weite der Natur zeigt. Das mystische Schloss entsteht sogleich vor den Augen der Zuschauer, und am Ende steht das Nichts und das Ende der Beziehung oder gar der Tod.

Zuviel Wissen tötet die Liebe, jedenfalls die Illusion über diese? – Diese Erkenntnis hat schon Wagner mit seinem Lohengrin in den Raum gestellt. Ist Blaubart tatsächlich ein Frauenmörder?  Die Deutungsmöglichkeiten sind vielfältig – in einer konzertanten Version werden diese natürlich noch offener gelassen als in einer szenischen Darbietung.

So ist es an den Protagonisten, die von Bártok geschaffenen Charaktere mit Leben zu füllen:

Mit Gerald Finley als Blaubart hat das südfranzösische Festival einen der ganz großen Sängerdarsteller seiner Generation auf die Rampe seines großen Theaters gebracht. Der kanadische Bassbariton ist für seine intensiven, ausdrucks- und farbenreichen gesanglichen Interpretationen berühmt, und hat seine Karriere so klug aufgebaut wie kaum ein anderer seiner „Konkurrenten“, indem er seinen Auftrittskalender niemals überfrachtet, sondern offenkundig gezielt die jeweils passenden Produktionen auswählt. Aus diesem Grund wohl klingt die Stimme des Mittsechzigers wie die eines weit jüngeren Mannes, herrlich timbriert, mit dunklen Facetten, bruchlos die Übergänge, der Piani fähig. Finleys Herzog bleibt vor allem geheimnisvoll. Zärtliche Töne finden sich ebenso wie erschreckend-erschreckte Momente, wenn er das letzte Geheimnis nicht preisgeben möchte. Warnung klingt ebenso an wie die schmeichelnde Hoffnung, diese Braut könnte bei ihm bleiben. Oder will er sie doch von Anfang an töten?

Seine Judith ist die us-amerikanische Mezzosopranistin Irene Roberts, die erst kürzlich in Kratzers Walküre die Sieglinde war. Die Judith liegt ihr weit besser: Ihre Stimme ist groß, aber nicht massiv, weist einen schönen Grundklang auf, und sie kann ihr Organ gut in den dramatischen Momenten verbreitern, ohne dass sie dabei überfordert oder scharf klingen würde. Zudem ist sie eine weiblich-elegante Erscheinung, die die Hinwendung des geheimnisvollen Fürsten zu ihr glaubhaft zu verkörpern vermag.

Suchen die beiden die Liebe, den Tod, die Vereinigung, die Einsamkeit oder die Unmöglichkeit, glücklich zu sein? Wie schön, dass es Werke wie dieses gibt, die all diese Gedanken zulassen und doch offen lassen!

Sabine Längle

 

 

Diese Seite drucken