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Agnes Essl: WIE EIN GEWEBTER TEPPICH

01.11.2012 | buch

Agnes Essl: 
WIE EIN GEWEBTER TEPPICH
Ein Leben für die Kunst
304 Seiten, Amalthea Verlag, 2012 

Die Sammlung Essl in Klosterneuburg gilt als eine der bedeutendsten für Gegenwartskunst und hat diesen Ruf auch bereits international gefestigt. Das Essl-Museum spielt  mit seinen Ausstellungen von Zeitgenossen im Ausstellungsgeschehen der Bundeshauptstadt Wien (Klosterneuburg ist ja wirklich nur „einen Sprung“ entfernt) an führender Stelle mit. Wie kommt ein Ehepaar, das sein Geld offenbar mit den „Baumax“-Baumärkten machte, zu dieser Sammelleidenschaft? Ja, man möchte es wissen, und Agnes Essl erzählt es.

So ausschließlich, wie der Untertitel es glaubhaft machen will, hat die 1937 Geborene ihr Leben nicht der Kunst geweiht – dieses webt sich, wie der Buchtitel sagt, doch aus sehr vielen Komponenten zusammen. Bevor Agnes zur großen Kunstsammlerin wurde, hatte sie als eine der drei Töchter des Klosterneuburger Unternehmers Fritz Schömer noch eine Menge anderes zu tun. Sobald der Krieg überwunden war, kam sie als Pflegekind in die Schweiz, sehr früh schon arbeitete sie im väterlichen Büro mit (nur wer mit Zahlen umgehen kann, hat später genügend Geld für Kunst zur Verfügung), und mit 21 folgte sie unternehmungslustig der Einladung einer reichen Tante nach New York. Ihre Selbstständigkeit gewann sie bei der Arbeit für die Galeristin Virginia Zabriskie, was zusammen mit der Kenntnis der New Yorker Museen eine gute Schule war, sich ein Auge für Kunst anzueignen.

Aber entscheidend war eines Tages die Nachricht: „Somebody is here from Austria“. Es handelte sich um einen jungen Mann mit Kärntner Dialekt, ein gewisser Karlheinz Essl aus Hermagor, zwei Jahre jünger als sie, unternehmungslustig in den USA unterwegs, um neue Wege für den Lebensmittelgroßhandel seiner  Eltern zu beschreiten. Auf der Suche nach Landsleuten kam er an Agnes Schömer, und der Rest ist Familiengeschichte – in Österreich wurde geheiratet, Essl wurde für den Betrieb des Schwiegervaters unentbehrlich, und Agnes brachte in zweieinhalb Jahren vier Kinder (!), darunter ein Zwillingspaar, zur Welt, eine weitere Tochter folgte. Vollbeschäftigung für die junge Frau, die ihre Existenz auch auf die strengen protestantischen Grundsätze des Elternhauses aufbaute (noch immer werden, so erfährt man, in der Familie nach dem Frühstück Verse aus der Bibel rezitiert und man singt gemeinsam ein Lied, und ohne Gebet geht man nicht schlafen) – dass Tugenden wie Disziplin, Pflichtbewusstsein etc. nicht schaden, wenn man etwas erreichen will, dafür ist Agnes Essl das beste Beispiel.

Schon als sie noch voll mit den Kindern beschäftigt war, beteiligte sie sich offenbar an den Expansionen der Geschäfte („wir“ gründeten eine Interessensgemeinschaft von Baupartnern, schreibt sie etwa), in den siebziger Jahren wurde die Idee der Baumärkte geboren, und die Erfolgsgeschichte der Essls steht auf den Wirtschaftsseiten der Zeitungen festgeschrieben. Tatsächlich ist Agnes Essl in ihren ausführlichen Erinnerungen bereits auf Seite 152 (also ziemlich genau in der Hälfte) angelangt, bevor das zur Sprache kommt, wofür ihr Name steht: das Sammeln von Kunst.

Das begann in den sechziger Jahren und eher beiläufig, nach dem Motto, dies oder das zu kaufen, was einem gefällt. Ohne dass Agnes Essl interessanterweise  ihren Mann in den Vordergrund rückte (es bleibt ihr Buch!), wird nun die Geschichte von der Bekanntschaft mit vielen österreichischen Künstlern erzählt. Interesse spricht sich herum, Galeristen schalten sich ein, man informiert sich, und über kurz oder lang war Agnes Essl mit dem Erwerb von Werken hauptsächlich österreichischer Gegenwartskünstler befasst, wobei sie diskret die finanzielle Seite der Sache ausblendet: Aber kein Zweifel, sie konnten sich ihr „Hobby“ leisten, das sie nach und nach auch zur Profession gemacht haben. In Klosterneuburg wurde das Schömer-Haus in Erinnerung an ihre Eltern errichtet, dann das Essl-Museum. Viele große Künstlernamen und viele persönliche Erlebnisse wandern durch das Geschehen (Agnes Essl gibt nicht nur zu, sich mit Arnulf Rainer anfangs wenig verstanden zu haben, sondern gesteht auch ein, dass ihr Hermann Nitschs Kunst lange fremd blieb).

Mit der Eröffnung des Schömer-Hauses 1987 gewann die Sammlung Essl eine Publizität, die der damals Fünfzigjährigen eine neue Aufgabe brachte: Nun musste sie in ihrer Eigenschaft als „Sammlerin“ auch in der Öffentlichkeit stehen, wenn sie wollte, dass ihre Sammlung wahrgenommen wurde. Und diese Intention hat sich in der Folge stets verbreitert, mit Ausstellungen, Modeschauen, Performances im Rahmen des Essl-Museums – dieses Buch ist nur die letzte Konsequenz,  diese genuin gewachsene Liebe zur Kunst auf eine breite Basis der öffentlichen Wahrnehmung zu stellen.

Renate Wagner 

 

 

 

 

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