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7 CD-Box FELIX MENDELSSOHN: “Symphonies & Oratorios“ – ANDRIS NELSONS dirigiert das Gewandhausorchester und den MDR-Rundfunkchor Leipzig; Deutsche Grammophon

26.03.2026 | cd

7 CD-Box FELIX MENDELSSOHN: “Symphonies & Oratorios“ – ANDRIS NELSONS dirigiert das Gewandhausorchester und den MDR-Rundfunkchor Leipzig; Deutsche Grammophon

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Überraschender Vorgriff auf den 180. Todestag des Komponisten: „Paulus“, „Elias“ und die Symphonien Nr. 1 bis 5 in maßstabsetzenden Aufnahmen aus dem Gewandhaus 2021 bis 2024

Leipzig und Mendelssohn: Wer sehen will, wie Mendelssohn zuletzt in Leipzig gelebt hat, kann das mit Gewinn an Erkenntnis im als Museum adaptierten Mendelssohn-Haus in der Leipziger Goldschmidtstraße 12 (früher Königstraße 5) tun. Mendelssohn lebte erst ab 1845 in der jetzt wunderbar renovierten Beletage und starb ebenda am 4. November 1847. Im Haus ist das Internationale Kurt-Masur-Institut untergebracht. Als alerter Maestro stand Masur von 1970 bis 1996 dem Gewandhausorchester als Kapellmeister vor. Aber auch Felix Mendelssohn war als Dirigent ein Vorläufer des aktuellen Chefs Andris Nelsons, der seine Funktion in Leipzig seit Februar 2018 ausübt.

Der in Hamburg geborene und in Berlin aufgewachsene Felix Mendelssohn kam 1835 als Musikdirektor der Stadt und Gewandhauskapellmeister nach Leipzig. Er muss ein großer Orchestererzieher gewesen sein. Er formte den Klangkörper zu einem europäischen Spitzenorchester. Und die absolute Weltklasse kann das Gewandhausorchester mit seinem spezifisch hell homogenen, in den Bläsern angenehm edelrunden Klang gerade heute für sich beanspruchen.

Mendelssohn war einer der Ersten, der mit Taktstock dirigierte und ungeheuren Wert auf Präzision legte. Die zweite musikhistorisch pädagogisch bedeutsame Initiative Mendelssohns war die Gründung des Leipziger Konservatoriums 1843 als erste Institution ihrer Art in Deutschland. Leider starb dieses vielseitige und frühreife Genie im Alter von nur 38 Jahren an einem Aneurysma.

Mendelssohn hat als lutherisch getaufter Musiker geistliche und weltliche Vokalwerke, Chöre, Lieder, Singspiele und Opern, Schauspielmusiken, Streichersinfonien, fünf große Sinfonien, Ouvertüren, Konzerte und viel Kammermusik mit und ohne Klavier sowie Werke für Orgel komponiert.

Andris Nelsons hat mit dem Gewandhausorchester die beiden Oratorien „Paulus“ und „Elias“ sowie die Symphonien Nr. 1, Nr. 2 „Lobgesang“ (mit Christiane Karg, Elsa Benoit und Werner Güra als Solisten), Nr. 3 „Schottische“, Nr. 4 „Italienische“ und Nr. 5 „Reformationssymphonie“ zyklisch aufgeführt sowie für die Deutsche Grammophon mitschneiden lassen. Nun ist diese sieben CDs umfassende Box erschienen.

Musikalisch hoch erfreulich und chorisch umwerfend präsentieren sich die Wiedergaben von „Paulus“ und „Elias“ mit dem klangschön in allen Stimmgruppen ausbalancierten, dramatisch mächtig auftrumpfenden MDR-Rundfunkchor (Einstudierung Philipp Ahmann). In „Paulus“, op. 36 sind als Solisten Julia Kleiter (Sopran), Wiebke Lehmkuhl (Alt), Werner Güra (Tenor, Stephanus, Barnabas, Ananias) und als Einspringer für Christian Gerhaher der für die Rollen des Saulus und Paulus gepflegte, wenngleich wenig dunkel timbrierte Georg Zeppenfeld zu hören.

„Elias“, op. 70, erweist sich mit den idealen und rollenadäquaten Stimmen von Golda Schultz (Sopran), Wiebke Lehmkuhl (Alt), Werner Güra (Tenor) und vor allem dem aktuell unübertrefflichen André Schuen als lyrisch liedgeeichter, wenn nötig heldisch-markanter Elias als Traumaufnahme unserer Zeit im Katalog schlechthin.

Was in Andris Nelsons Interpretation bei den Symphonien besonders hervorsticht, sind die flexible Sanglichkeit/Elastizität im Ton und bei allem spannungsreichen musikalischen Fluss die strukturell geschärften dynamischen Kontraste. Auf einen lyrischen Grundduktus bedacht, gestaltet Nelsons die dramatischen Gipfel der Partituren als besondere Höhepunkte weit zupackender als Masur. Hören Sie etwa das Beethoven verpflichtete ‚Allegro di molto‘ der „Ersten“ in c-Moll, op. 11. Mit welch geballter Energie und aufblitzend verwunschener Akkuratesse hier Nelsons sofort den Duktus für das Weitere bestimmt, fesselt unmittelbar.

Als des 21. Gewandhauskapellmeisters erstes Konzert im Februar 2018 nahm Andris Nelsons Mendelssohns 1842 unter Leitung des Komponisten vom Gewandhausorchester uraufgeführte „Schottische“ in a-Moll, op. 56, ins Programm. Bei aller Bedachtsamkeit auf Details und vielseitig beleuchtete instrumentale Farben lässt Nelsons die symphonische Opulenz dieses vielleicht bedeutendsten Meisterwerks Mendelssohns genießerisch aufblühen und spannt zugleich einen großen Bogen über die vier erzählerisch kompakten Sätze.

Besonders naturduftig wogend gelingt Nelsons das berühmte ‚Vivace non troppo‘ mit den im lombardischen Rhythmus so prägnanten Punktierten auf der zweiten Note. Aber auch sonst bringt Nelsons mit manch stürmischer Böe viel klares Sonnenlicht und zuletzt apotheotische Feierlaune in die in Klang gegossenen Reiseeindrücke Mendelssohns von alten moosbewachsenen Burgen und der dachlosen Kapelle, in der einst Maria zur Königin von Schottland gekrönt worden war. Grandios!

Fruchtig moussierend wie ein Limoncello-Spritz startet Andris Nelsons in das ‚Allegro vivace‘ der „Italienischen“, op. 90. Zwei Jahre lang auf der Route Venedig, Florenz, Rom, Neapel, Pompeji, Genua und Mailand mit Goethes „Italienische Reise“ als bildungsbürgerlichem Reiseführer im Gepäck, sammelte Mendelssohn mannigfaltige Eindrücke für eine Symphonie, die er 1833 in Berlin vollenden sollte. Der mit ‚Saltarello‘ überschriebene vierte Satz zeugt von feurig neapolitanischem Kolorit in schnellem Sechsachtel-Takt. Nelsons entzündet dementsprechend temperamentvoll ein chilischarf loderndes südländisches Feuer. Das getragen schwermütige ‚Andante con moto‘ zollt den Todesfällen Carl Friedrich Zelters sowie Goethes Reverenz. Nelsons lässt über nass-erdigem Grund das Holz elegant in Erinnerungen schwelgen, bevor ein locker angerichtetes Menuett müdeste Lebensgeister sanft zu wecken imstande ist.

Die „Reformationssymphonie“ in d-Moll, op. 107, 1830 zum 300. Jahrestag der Augsburger Konfession geschrieben, strahlt mit dem von Richard Wagner in „Parsifal“ als Gralsmotiv übernommenen ‚Dresdner Amen‘ und im Schlusssatz mit dem vom Holz intonierten Choral ‚Ein feste Burg ist unser Gott‘ feierliche Würde aus.

In der Symphonie-Kantate in B-Dur, „Lobgesang“, op 52, verkündet Nelsons das hymnische Motto ‚So lasst uns ablegen die Werke der Finsternis und ergreifen die Waffen des Lichts‘ im aufrechten aufklärerischen Ton. Aber nur in den wunderbar liedhaft-romantischen Soli von Sopran und Chor bzw. im Duett der beiden Soprane wird der Hörer von jenem Zauber umgarnt, der Mendelssohns herzerwärmende Musik ungeachtet aller polyphoner Meisterschaft so einzigartig auszeichnet. Andris Nelsons entlockt dabei den flauschigen Streichern des Gewandhausorchesters im Gotteslob die schwärmerisch schönsten Kantilenen. Ein Ereignis!

Fazit: Gemeinsam mit den Aufnahmen Claudio Abbados (vor allem mit dem London Symphony Orchestra) das Beste und Aufregendste in Sachen Mendelssohn, das derzeit im Katalog zu finden ist.

Hinweis: Die Reise geht weiter: Andris Nelsons und das Gewandhausorchester widmeten sich Anfang Februar dieses als „Tacheles – Jahr der Jüdischen Kultur in Sachsen 2026“ gefeierten Jahres erneut Mendelssohns Musik. Gemeinsam mit dem MDR-Rundfunkchor, Nikola Hillebrand, Catriona Morison, Werner Güra, Matthias Goerne und Alexander Grassauer standen „Christus“, das unvollendete dritte Oratorium des Komponisten, der „Psalm 42 Wie der Hirsch schreit“ sowie die weltliche Kantate „Die erste Walpurgisnacht“ auf dem Programm. Da die Deutsche Grammophon auf die drei Konzerte auf ihrer Website aufmerksam gemacht hatte, darf möglicherweise mit deren Publikation gerechnet werden.

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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