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5 CDs & Blu-ray Audio: BEETHOVEN Symphonien – Gesamtaufnahme mit den WIENER PHILHARMONIKERN unter ANDRIS NELSONS; Deutsche Grammophon

07.12.2019 | cd

5 CDs & Blu-ray Audio: BEETHOVEN Symphonien – Gesamtaufnahme mit den WIENER PHILHARMONIKERN unter ANDRIS NELSONS; Deutsche Grammophon

 

Beethoven mit 10.000 PS: Herrlich aus jeder Zeit gefallen; opulentester philharmonischer Sound

 

Für alle, die nicht schon beim Erwähnen der Worte Rindsbraten, Gänsekeule oder Blutwurst mit Kartoffeln (Beethovens Lieblingsgericht) Psychopharmaka brauchen, gibt es jetzt eine neue Gesamtaufnahme aller Beethoven Symphonien mit dem schönsten je von Tontechnikern eingefangenen Orchesterklang. Unfassbar, welche audiophile Qualität die Ingenieure der Deutschen Grammophon zustande gebracht haben. 

 

Andris Nelsons, der Dirigent des Neujahrskonzertes, legt eine großartig zeitlose Interpretation vor und setzt ganz auf die Atouts der Wiener Philharmoniker: Großräumigkeit statt klanglicher Askese, Cinemascopeformat statt kammermusikalischer Reduktion. Nicht Transparenz, Detailversessenheit, sondern der von böhmischen und russischen Traditionen herrührende goldene Streicherklang, die unvergleichlichen Wiener Bläser, der ganz große Bogen, Emphase, Grandezza und Elegance dominieren die neue Edition. Diese CDs zu hören im immer stärker von Tabus bestimmten Hier und Jetzt ist wie es gewesen sein muss, sich in Zeiten striktester Prohibition literweise Chateau Pétrus oder Dom Perignon zu genehmigen. Nervenkitzel pur, eine Frischzellenkur an Freigeistigkeit und Schönheit. Und dennoch ist das ein erlaubtes Vergnügen.

 

Alle Interpretationsmoden, von der Originalklangbewegung aus im klassisch-romantischen Repertoire und auch bei Orchestern mit modernem Instrumentarium (Bogentechnik) breit ausgeprägt, prallen an dem Album ab wie Wasser von Wachspapier. Als komplette Antithese zu den jüngsten Aufnahmen mit Kammerorchestern (Basler Kammerorchester, Giovanni Antonini, Dänisches Kammerorchester, Adam Fischer), die wir auch nicht missen wollen, dürfen die Wiener Philharmoniker unter Andris Nelsons nichts anderes sein als sie selbst.

 

Nelsons sieht das Geheimnis der ewigen Gültigkeit der Musik Beethovens in ihren Ideen. Beethovens Vorstellungen von Leben und Liebe, Sieg und Widerstand sind auch für uns noch relevant, und wir können uns darin wiederfinden. Nelsons wirkt ganz bescheiden wenn er sagt : „Meine Arbeit endet, wo Beethoven beginnt“. Dennoch ist seine Interpretation von einer metyphysischen Größe, einem umfassenden Formwillen und einer musikalischen Transzendenz sondergleichen getragen. Dynamisch und in den Tempi eigenwillig (wie sich das für jeden Großen gehört), überwältigt der lettische Maestro mit weiten Spannungsbögen, einem schmerzhaft gestischen Auflehnen, einem berauschenden Vorwärtsdrall und dreidimensionalen Klangfresken von antikischer Wucht. Ein wenig Kaffee mit Rum und Schlagobers fehlen freilich auch nicht. Hören Sie sich das Allegro vivace der Achten an: Das Beste von Leibowitz und Furtwängler zugleich. Auf jeden Fall ist es der beste Beethoven-Zyklus der Wiener Philharmoniker seit Karl Böhm. Rattle und Thielemann können im direkten Vergleich getrost vergessen werden. 

 

Camilla Nylund (Sopran), Gerhild Romberger (Alt), Klaus Florian Vogt (Tenor), Georg Zeppenfeld (Bass) und der Wiener Singverein (Einstudierung Johannes Prinz) erweisen sich dem philharmonischen Traum als würdige Partner.

 

Die allerhöchsten HiFi-Ansprüchen genügenden Studioaufnahmen entstanden in den Jahren 2017 bis 2019 im Großen Saal des Wiener Musikvereins. Falls es den einen idealen Chefdirigenten für die Wiener Philharmoniker geben sollte, wäre es Andris Nelsons.

 

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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