Wiener Staatsoper am 29.10. 2026: OTELLO

Der Mohr ist zurück
Es ist immer eine Freude, wenn der Zuschauer schon bei Beginn der Aufführung „das Stück erkennt“, das gerade gespielt wird: Ein stilisierter venezianischer Löwe auf dem Zwischenvorhang, im Vordergrund das um seinen Flottenführer bangende Volk, dahinter eine Projektion des Kampfes gegen den Orkan, wenn mit titanischer Kraft der erste Akkord des peitschenden Sturms vor der zypriotischen Küste anhebt: Dazu schöne Kostüme aus der Entstehungszeit, wenige Versatzstücke, klug positionierte Wände, die dem Intrigenspiel genügend Raum geben, und ein von Kerzenlicht durchfluteter 4. Akt – schöne Bilder. Danke an den englischen Shakespeare-Regisseur Adrian Noble (Bühne und Kostüme: Dick Bird) für diese ästhetische und kluge Inszenierung, die genügend Raum bietet, die Protagonisten zueinander in Beziehung zu setzen, ohne dass sinnentleerte Metaebenen eingezogen werden oder eine überhebliche Selbstverwirklichung des Theatermachers stattfinden muss. Und danke an die Intendanz, dass diese Produktion – anders als viele andere kluge und schöne von der Vorgängerintendanz in Auftrag gegebene – nicht im unendlichen Fundus der Bühnenfriedhöfe verschwinden musste. Das nächste diesbezügliche Begräbnis wird Ende des nächsten Monats stattfinden.
Bertrand de Billy kann – was schon oft zu beweisen war – alles dirigieren, was an wichtigen Werken auf den Bühnen der Welt zu Hause ist. So auch Verdis spätes Opus, eines der größten Werke der gesamten Opernliteratur. Er verliert dabei nie den Duktus, peitscht den Eingangschor ebenso voran wie er im Liebesduett zarteste Klänge hören lässt, die Intrige des zweiten Aktes bis zur Raserei spinnt, den zunächst beabsichtigt fragmentarisch klingenden dritten Akt mit seinen Duetten und dem Monolog zu einer überwältigenden Schlussszene zusammenfügt, am Beginn des vierten Aktes bei Desdemonas großen Arien süße Ruhe in kostbaren Holzbläser- und Streicherklängen aufkommen lässt, bis Otello in all seiner Düsternis mit dumpfen geheimnisvollen Tönen das Schlafgemach betretend sein von Jago initiiertes Werk zunächst unerbittlich der Gattin gegenüber und dann resigniert und in sich gekehrt beendet. Kaum eine andere Komposition gibt dergestalt in ihrer Orchestrierung und dynamischen Variation die Innen- und Außenwelt des Geschehens wieder wie Verdis Otello. Und wenn diese dann von Orchester und Chor der Wiener Staatsoper vollendet wiedergegeben wird, dann entsteht Magie.
Jonas Kaufmann ist immer noch – oder eigentlich wieder – das Maß aller Mohren. Der umtriebige Intendant und musikalische Alleskönner hat sich in den letzten Jahren sängerisch mehr Pausen gegönnt als in der Zeit davor und ist wieder in seiner stimmlichen Glanzzeit angekommen. Er war nie derjenige, der mit metallischen Tönen „Esultate“ und „Abbasso le spade“ herausschleuderte oder sich im Racheduett dezibelmäßig an Orchester und Jago messen konnte, aber auch diese Szenen meistert er zur allergrößten Zufriedenheit. Seine ganz großen Momente hat er als subtiler und kluger Gestalter in den Duetten mit Desdemona – famos, wie er gerade bei der Begegnung im dritten Akt die Zerrissenheit des Gatten zum Ausdruck bringt, dem jedes Wort artikulierenden Monolog und natürlich der Schlussszene, in der er sich als einziger legitimer Nachfolger Plácido Domingos zeigt. Früher hörbare verwaschene Töne sind ebenso verschwunden wie eine manchmal zu orten gewesene Kraftlosigkeit. Mit seinem herrlichen baritonal-kernigem Timbre, das sich honiggleich in der Ohren der Zuhörerinnenschaft legt, verdeutlicht er mit schier unendlichen musikalischen Facetten das Schicksal des missbrauchten-missbrauchenden Fremden. Dass die Mailänder Scala ihre diesjährige Inaugurazione mit einem anderen Darsteller besetzt, wird das dortige Publikum wohl voller Neid nach Wien schielen lassen.
Nicole Car hat sich in den letzten Jahren als Fixstern am Staatsopernhimmel etabliert. Ihr flexibler, vielseitig einsetzbarer Sopran lässt zu Beginn der Aufführung ein wenig an Wärme missen, steigert sich aber bereits in den Konfrontationen des drittes Aktes und berückt bei den großen Szenen des vierten Aktes mit weichen engelsgleichen Tönen – das von Desdemona zu Gehör gebrachte Schicksal der Barbara, das sie im Lied von der Weide besingt, und das nachfolgende Ave Maria zählen zu den großen, innehaltenden Momenten der Aufführung.
Luca Salsi, auch er häufig gesehener und gehörter Gast an der Wiener Staatsoper, gilt heutzutage als einer der führenden Verdi-Baritone, der vor allem auch an der Scala große Erfolge feiert. Zu Beginn ist sein Jago durchaus subtil, während er beim Credo und ganz insgesamt in dem dem Fähnrich ganz gehörenden zweiten Akt weit lautere Töne hören lässt und strippenziehergleich auch im dritten Akt „dominus litis“ bleibt. Dass der Klang seiner Stimme zumeist in die rauere Richtung abgleitet, ist seiner herben Timbrierung geschuldet.
Der junge Ungar Botond Ódor ist als Cassio eine elegante Bühnenerscheinung, an Stimmkraft kann er mit den übrigen Protagonisten (gewohnt verlässlich Carlos Osuna als Roderigo, Dan Paul Dumitrescu als Lodovico, Leonardo Neiva als Montano, Daria Sushkova als Emilia) nicht mithalten.
Sabine Längle

