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BLINDENMARKT/Herbsttage; DER ZAREWITSCH (Vorstellung vom 17.10.)

19.10.2026 | Operette/Musical/Show

Franz Lehár, Der Zarewitsch, Ybbsfeldhalle, Herbsttage Blindenmarkt.

Besuchte Vorstellung am 17. Oktober (15:00).

smg
Foto: Lukas Beck

Seit 1992 präsentiert Intendant Michael Garschall in seiner Heimatgemeinde Blindenmarkt/Niederösterreich, vollständige Operetten-Aufführungen und heuer erstmals seine Lieblingsoperette von Franz Lehár, den „Zarewitsch“. Die Autorin der Sujetvorlage war die polnische Schriftstellerin Gabryela Zapolska (1857-1921). Sie hatte zunächst als sehr erfolgreiche Schauspielerin brilliert und auch ihre zahllosen gegen Anfang des 20. Jahrhunderts verfassten Dramen waren in halb Europa beliebt. Und doch stieß das Sujet des „Zarewitsch“ anfangs auf Ablehnung. Gerade im Ersten Weltkrieg war für den deutschen Sprachraum der Nachbar Russland eine eigentümliche, fremde Welt. So hieß es 1917 nach der Uraufführung ihres Schauspiels im Wiener Volkstheater (mit Raoul Aslan in der Titelrolle) abschätzig: „Im Ganzen, das aus der Schrittmacherei für einen perversen Fürstensohn zum Normalgatten einer Fürstin seine erotischen Pikanterien schöpft, liegt eine recht uninteressante Frauenarbeit vor“. Kritiker des Schauspiels argwöhnten, dass der Zarensohn für Avancen des schönen Geschlechts unempfänglich sei oder diesem gegenüber sogar abgeneigt.

Dass Zapolskas Stück zunächst eher kritisch aufgenommen worden war, hat die Librettisten Bela Jenbach und Heinz Reichert zehn Jahre später keineswegs davon abgehalten, Lehár das Sujet vorzuschlagen und dieses für ihn auf musikalische Belange hin umzuarbeiten. So kam es 1927 dann zur Uraufführung der Erstfassung seiner Operette im Berliner Deutschen Künstlertheater, der späteren Kurfürstenoper. Erst 1928 gelangte das Stück zur Erstaufführung ins Wiener Johann-Strauß-Theater. Anlässlich der Veröffentlichung ihrer Neufassung von 1937 verweisen die Autoren (Komponist und Librettisten) „die Herren Regisseure“ dezidiert darauf, dass nurmehr diese Version verwendet werden möge!

Gibt Lehár in der ersten Fassung seiner Operette noch detailliert an, welche Tanztypen ihn zu seinen Vokalnummern inspirierten (darunter Onestep/Tanzevolution des Großfürsten mit Damenchor, Tempo di Valse, Tango der Sonja, Valse Boston, Foxtrot, Ballett, Charleston, Hymne, Marcia maestoso), lässt er das in der endgültigen Version insofern offen, als hier diese Rhythmen zwar genauso erklingen, aber nicht eigens in den Überschriften der Partitur erwähnt sind.

Als Glücksfall erweist sich die Begeisterung des Blindenmarkter Leitungsteams für Lehárs Werk. Die überaus langen Dialoge des Originallibrettos, das auch eine von den Textdichtern geplante Inszenierung in jedem Detail zu determinieren beabsichtigt, komprimiert der im Genre der Operette absolut souveräne Regisseur Wolfgang Dosch auf eine äußerst praktikable Weise auf rund ein Viertel des Originals. Nichts Wichtiges wird da übergangen, hingegen erspart er uns manchen dem Zeitgeist der 1920er Jahre geschuldeten umständlichen Leerlauf sowie vermeintlich amüsante historische Ausschmückungen. Damit kommt er nicht nur den Darstellern entgegen, sondern vielmehr auch dem heutigen Publikum, das ja in erster Linie die Qualitäten der Partitur Lehárs und die Präsentation der darstellerischen und optischen Reize erwartet.

Deutlich wahrnehmbar ist in dieser Aufführung: Das Auge des offiziellen russischen Staatsapparates wacht über alle Regungen des Thronfolgers. Nicht von ungefähr sind ihm daher die Pfade zu einer freien Entwicklung der Persönlichkeit eingeschränkt oder gar verwehrt. Da kann der Ministerpräsident noch so sehr auf vielfältige eigene erotische Erfahrungen und Abenteuer verweisen, dem Zarewitsch war all das bis zur Erweckung seiner Leidenschaft durch und für Sonja nicht zugänglich. Der übergroße rote Mantel des künftigen Zaren hängt wie ein Zelt im Zentrum der Bühne, auf dass der Zarewitsch jederzeit bereit sein muss, ihn anzuziehen.

Alle „Schlager“ dieser Operette werden bei den Herbsttagen in köstlicher Weise dargeboten: Der „Soldat am Wolgastrand“, „Schaukle Liebchen“, „Einer wird kommen“, „Allein, wieder allein“, „Ein Weib, Du ein Weib“, „Hab‘ nur Dich allein, …, Du bist der Himmel mir!“, „Heute Abend komm‘ ich zu Dir“, „Mein brennendes Herz gehört nur Dir ganz allein, Herzgeliebte Du bist mein!“, „Wir Tscherkessen brauchen weder Gut noch Geld“, „Kosende Wellen/Warum hat jeder Frühling, ach, nur einen Mai?“ Regisseur Dosch konstatiert völlig zurecht in der Musik „große Gefühle und Leidenschaft, unendlichen Reichtum an Melodien und Klangfarben. Was Lehár in einer Operette verwendet, daraus macht mancher Musicalkomponist sein Lebenswerk.“ Chor, Kinderchor, Ballett, Kinderballett und „Studio“-Darsteller/innen der Herbsttage Blindenmarkt werden in der Choreografie von Monica Rusu-Radman bestens zur Geltung gebracht.

Im Kammerorchester Ybbsfeld musizieren Streicher und namentlich die Holzbläser unter der musikalischen Leitung von Thomas Böttcher sehr präzise und klangvoll, es kommen sanft-lyrische genauso wie energische Passagen bestens zum Ausdruck. Kurt Dlouhy, jahrzehntelang souveräner musikalischer Chef der Herbsttage, hat inzwischen nurmehr die Chorleitung inne, und er hat die Damen und Herren bestens vorbereitet. Durch den Studienleiter Jonas Langhammer bestens präpariert, fühlen sich alle Mitwirkenden auf der Bühne sichtlich wohl. Anna Maurer unterstreicht als Maskenbildnerin die natürliche Ausstrahlung der Darstellerinnen und Darsteller  optimal. Der Lichtgestalter Lukas Siman stimmt sein Konzept ideal auf die Gegebenheiten der vergleichsweise kleinen Bühne und das praktikable Szenenbild von Marcus Ganser ab, der eine Art Gassenbühne gestaltet, auf deren Gassenschals sowie dem Rückprospekt neben dem genannten Auge apparte, eher abstrakte Motive und Farblichtwechsel aufscheinen (in Russland dunkelrot getönt, in Italien dann lichtes Blau). Auch sonst überzeugt die Ausstattung der Aufführung. Geschickt werden bei den Tänzerinnen die als Pelzmützen wahrnehmbaren Kopfputze durch luftige Fransen substituiert (die Kostüme gestaltete Julia Pschedezki).

Die besonderen Qualitäten der Aufführung zeigen sich in den von Garschall engagierten Hauptdarstellern. Rebecca Moellers Sonja zeichnet sich durch eine herausragende Bühnenpräsenz aus: Angenehm deutliche Artikulation verbinden sich mit glockenheller Stimme und Anmut der Erscheinung. In jeder Lage ihres Soprans tonschön, ist sie für alle jugendlich-lyrischen Partien in Oper und Operette zu empfehlen. Auch in der gesprochenen Prosa der Dialoge ist sie souverän und ausdrucksvoll. Darüber hinaus bewegt sie sich so gewandt, dass man ihr die Tänzerin abnimmt. Sie hat allerdings auch in der Tscherkessen-Kostümierung der vermeintlichen Knabengruppe (als Tscherkesse vom Ballett) keine androgyne Ausstrahlung, was die Rolle aber auch keineswegs verlangt.

Clemens Kerschbaumers debütiert in der Richard-Tauber-Rolle des Aljoscha, die für Sänger in ihrem melodischen Reiz und für die Stimme sehr dankbar angelegt ist, aber auch eines Giacomo Puccini würdig gewesen wäre. Möglicherweise hat Lehár da seinem italienischen Freund, der 1924 verstorben war, auf seine Weise ein Denkmal setzen wollen. Kerschbaumers eher männlich-dunkeltimbrierte Stimme vermag sich im Pianissimo in lichte Höhen aufzuschwingen, dies sogar wenn er am Boden liegt. Auch er artikuliert in Gesang und Dialog so, dass dem Hörer kein inhaltliches Detail entgeht. Dieser Zarewitsch (nur vorgeblich „der Feind alles Weiblichen“) ist ganz und gar „Womanizer“, auch wenn er das in dieser Rolle erst erlernen muss, selbst wenn da gewiss keine Konversionstherapie vonnöten ist. Dass er sein Gemach zur Kasteiung und Ertüchtigung mit einem Feldbett und Turngeräten ausstatten ließ, ist diskret angedeutet.

Andreas Sauerzapf (Iwan) und Katrin Fuchs (Mascha) und sind ein seit Jahren bewährtes, aufeinander ideal abgestimmtes Duo, sie repräsentieren weit mehr als die üblichen Klischees des Buffopaares, und Sauerzapfs Beweglichkeit zeigt sich auch darin, dass er gleich noch ein doppeltes Rad schlägt. Den Herbsttagen schon lange verbunden, brilliert die Fuchs erstmals in der koketten Soubrettenrolle der Mascha. Iwans und Maschas Duette sind ähnlich erotisch aufgeladen („Schatz probier‘s noch einmal mit mir!“) angelegt wie jene des Josef und der Pompadour in Leo Falls gleichnamiger Operette von 1922 („sie macht mich ganz potifarisch…“) Originell sinnieren Mascha und Iwan darüber, was ihre Ehe in diesem gesellschaftlichen Rahmen für Konsequenzen hat, immerhin sind sie der Überzeugung, sie sei kein „Verbrechen“, allenfalls eine „Strafe“ (die Anspielung auf Dostojewski findet sich im Original…). Pikante Details im Wortlaut des Librettos („Mir scheint, der Mistbub ist ein Mädel“ bzw. „Warum denke ich nicht daran, dass Du ein Mann bist“) werden nicht unnötig breitgetreten. Die Anspielungen auf den Wechsel der Geschlechterrolle, die in diesen Jahrzehnten ja auch Hofmannsthal und Strauss mit Vorliebe im „Rosenkavalier“ oder „Arabella“ thematisieren, bleiben so charmant angedeutet wie die Koketterien um einen Cherubino in Mozarts „Figaro“.

In Doschs Inszenierung versucht die Großfürstin (überzeugend charaktervoll und gütig: Kammerschauspielerin Marianne Nentwich), in die herzlose Maschinerie des Zarenhofes ein wenig Wärme und Mütterlichkeit einzubringen. Hier hat der Regisseur ein wenig in die Dramaturgie eingegriffen: Gegenüber dem Original übernimmt hier die Rolle des gestrengen Gesetzeshüters der Ministerpräsident (deutlich artikulierend Janos Mischuretz).

Begeisterter Applaus belohnte die Mitwirkenden nach der Vorstellung. So kann, darf, sollte Operette immer dargeboten werden, höchst erfreulich für Publikum und Kenner gleichermaßen!

S.M-G

 

 

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