- Konzert La Scintilla • Opernhaus Zürich • 18.05.2025
Ein Hochamt der Barock-Musik
Unter dem Titel «Europa im Barockfieber» vereint das dritte und letzte Konzert des Orchestra La Scintilla Werke von Francesco Venturini (1675-1745), Antonio Vivaldi (1678-1741), Francesco Geminiani (1687-1762) und Georg Friedrich Händel (1685-1759). Unter der musikalischen Leitung von Stefano Montanari wird das Konzert zu einem Hochamt der Barockmusik.

Foto © Opernhaus Zürich
Die Werke des Konzertes entziehen sich, obwohl innert kurzer Zeit entstanden, formalen und ästhetischen Zuordnungen und legen so Zeugnis ab, von einer Epoche, in der die Komponisten mit tradierten Regeln und Formen brechen und aus ihren musikalische Eindrücken mit grosser Experimentierfreude Neue schöpferische Impulse gewinnen. In den grossen musikalischen Zentren der Zeit wie Rom, Bologna, Venedig und London, aber auch an Fürstenhöfen wie zum Beispiel Hannover entwickeln sich in raschem Tempo neue Formen. Einzig Gemeinsamkeit der Werke im Konzert ist die Zweiteilung der Instrumentalisten: die grössere Orchestergruppe (Ripieno) und die kleinere Solistengruppe (Concertino). Bereits zum Ende des 17. Jahrhunderts entwickelt sich aus der Idee zwei Gruppen kontrastierend auftreten zu lassen die neue Form des «Concerto grosso», die sich dann zum Solokonzert weiterentwickeln wird. Die Zweiteilung ist neben dem Kontrast von strengen Orchestersätzen und freien «Tanz-Sätzen» aber die einzige Gemeinsamkeit: Weder gibt es eine verbindliche Bezeichnung noch eine standardmässige Besetzung. So ist man frei die Besetzung an die verfügbaren Musiker anzupassen und den Instrumentalisten des Concertino ein Möglichkeit zu geben ihr Können zu präsentieren.
Francesco Venturini (1675-1745) stammte, auch wenn seine Name anderes nahelegen mag, mutmasslich aus Belgien und war lebenslang am kurfürstlichen Hof von Hannover tätig. Mit 23 Jahren wurde er, wahrscheinlich als Schüler seines aus Frankreich stammenden Amtsvorgängers Jean-Baptiste Farinel (1655–1726), 1698 Violinist der kurfürstlichen Kapelle und stieg 1714 zum Konzertmeister und 1725 zum Hofkapellmeister auf. 1715 wurden in Amsterdam, damals eines der Zentren des Musikalien-Drucks, zwölf seiner «Concerti da camera» gedruckt. Charakteristisch für die beiden aus dieser Sammlung im Konzert gespielten Werke, das Concerto da camera in B-Dur op. 1 Nr. 11 (1713) und das Concerto da camera in g-Moll op.1 Nr. 9 (1713), ist die Kombination klassisch italienischer Orchestersätze mit französischen Tänzen wie Gavotte und Menuett. Ein grosser Vorteil für seine Kompositionen war der, das mit der kurfürstlichen Kapelle ein ausgezeichnetes Ensemble zur Hand war, mit dem er seine Innovationen immer wieder prüfen konnte.
In Antonio Vivaldis Concerto grosso in D-Dur Nr. 10 RV 562 (Concerto per violino, 2 oboi, 2 fagotti, archi e basso continuo) «Per la solennità di S. Lorenzo» (1716) lässt sich mit der avancierten Orchesterbesetzung (Violine, doppelt besetzte Oboen und Fagotte) erkennen, welches Reservoir an Möglichkeiten er als maestro de’ concerti des Ospedale della Pietà (in Venedig) er zu Verfügung hatte. Die Violine beherrschte Vivaldi selbst als Virtuose und Stefano Montanari als Solist lässt (hier, aber nicht nur hier) erkennen, wie man sich dieses Virtuosentum vorzustellen hat. Sein virtuoses Spiel, mit den überraschenden Melodien Vivaldis manchmal fast ein bisschen an Zigeunermusik erinnernd, gibt ihm die Sicherheit und Freiheit sich während dem Konzert durch das Orchester zu bewegen und einzelne Phrasen den Solistinnen oder auch Damen aus dem Oratorium zu widmen.
Plötzliche Überraschungsmomente, wie der Beginn allein mit den beiden Soloviolinen und die ungewöhnliche Orchesterbesetzung des Concerto grosso in d-Moll op. 3 Nr. 11 RV 565 (Concerto per 2 violini, violoncello, archi e basso continuo) aus «L’estro Armonico». Als Teil der 1711 in Amsterdam gedruckten Sammlung «L’Estro Armonico» («Die harmonische Eingebung») begründete das Werk Vivaldis Ruf als Meister der barocken Instrumentalmusik mit.
Im Concerto grosso in d-Moll H. 143 (Concerto per 2 violini, violoncello, archi e basso continuo) «La Follia» (1729) arrangierte Francesco Geminiani (1687-1762) Arcangelo Corelli’s Sonate op. 5 Nr. 12 zu 23 Variationen über das Thema, das auch späteren Komponisten-Generationen intensiv beschäftigen sollte.
Den Abschluss des Abends macht das Concerto grosso in B-Dur op.3 Nr. 2 HWV 313 von 1734. Dieses Konzert stammt nur indirekt von Händel, den die teilweise von der Brockes-Passion abgeleiteten Einzelsätze wurden 1734 von Händels Verleger John Walsh zusammengestellt und als Opus 3 veröffentlicht.
Nach einer ausgesprochen intensiven Saison und während der Aufführungsserie von Mozarts «La clemenza di Tito» zeigt sich das Orchestra La Scintilla auch auf dem Konzert-Podium in schlicht überragender Form. Das Programm ist wie gewohnt gleichermassen klug wie ansprechend gestaltet und das Orchester präsentiert mit ungemein intensivem Spiel und prägnantem, faszinierendem, sattem Wohlklang.
Ein Hochamt der Barock-Musik!
Die Konzerte des Orchestra La Scintilla der Saison 2026/2027:
- Konzert La Scintilla: Mo. 19. Okt. 2026, 19.00:
Musikalische Leitung & Violine Shunske Sato
Werke von Johann Sebastian Bach, Carl Philipp Emanuel Bach, Wilhelm Friedemann Bach u. a.
- Konzert La Scintilla: Mo. 21. Dez. 2026, 19.00:
Dirigent Boris Begelman, Sopran Kathrin Zukowski,
Werke von Georg Friedrich Händel, Antonio Vivaldi, Giuseppe Torelli, Lorenzo Gaetano Zavateri u. a.
- Konzert La Scintilla: Mo. 26. Apr. 2027, 19.00:
Dirigent Lars Ulrik Mortensen
Werke von Joseph Haydn, Wolfgang Amadeus Mozart u. a.
19.05.2026, Jan Krobot/Zürich

