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12.03.2026 | Oper international

Georg Friedrich Händel: Giulio Cesare • Opernhaus Zürich • Premiere: 11.03.2026

Im Rahmen von Zürich Barock

 Koproduktion mit der Opéra de Monte-Carlo

«Wer hat Pompeo getötet?»

«Die wichtigste Frage ist: Wer hat Pompeo getötet?» (Davide Livermore im Programmheft). Die Frage wird nach knapp dreieinhalb Stunden bester Unterhaltung und sensationellem Musizieren im Abspann beantwortet.

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Ada Pesch: Violine; Carlo Vistoli: Giulio Cesare; Zusatzchor der Oper Zürich; Foto © Monika Rittershaus

Das Opernhaus Zürich koproduziert Händels zeitgenössisch zweiterfolgreichste Oper (nach «Rinaldo» von 1711) mit der Opéra de Monte-Carlo, wo die Produktion im Januar 2024 mit der Intendantin Cecilia Bartoli in der Hauptrolle und ähnlicher Besetzung zur Aufführung kam. Gespielt wird eine Mischfassung aus den Fassungen der Uraufführung von 1724 und der Wiederaufnahme 1725. (Da das Libretto als allgemein zugänglich angesehen wird, ist es nicht im Programmheft abgedruckt: bei einer individuellen Mischfassung wie hier wäre aber eine Nummernliste wünschenswert). Bartoli und das Leading Team (Inszenierung: Davide Livermore; Musikalische Leitung: Gianluca Capuano) haben eine überzeugende Spielfassung von knapp dreieinhalb Stunden (inkl. Pause) erstellt, die den Interpreten bestens gerecht wird und überzeugend unterhält. «Alles entspinnt sich als Spionagekrimi in den 1920er-Jahren am Nil, der vom brutalen Mord an Pompeo über Cleopatras verkleideten Auftritt in Gestalt der Lydia bis hin zum Mordkomplott an Cesare reicht» (Davide Livermore im Programmheft). «Moderiert» wird dieser Krimi von Hercule Poirot, der es den Figuren ermöglicht, die Handlung auch mal «von aussen» zu betrachten. Das interdisziplinäre Mailänder Studio Giò Forma (Bühnenbild) fährt alles auf, was Theater hat und kann, und zaubert ein elegantes Kreuzfahrtschiff, die MS Tolomeo, auf die Bühne. Das Unternehmen D-Wok (Video) illustriert eindrücklich das Geschehen, bis hin zu den bombardierenden Spitfires in den Kriegsszenen. Schlicht überragend, von ausserordentlicher Eleganz und erlesenem Geschmack, sind die Kostüme von Mariana Fracasso. Welcher Herr möchte nicht einen der Anzüge, welche Dame eines der Kleider sein Eigen nennen? Antonio Castro (Lichtgestaltung) setzt das Alles ins richtige Licht.

Das Orchestra La Scintilla (Konzertmeisterin: Ada Pesch) sorgt mit phänomenal farbigem und tief inspiriertem Spiel für den traumhaften «Klangteppich» des Abends. Gianluca Capuano (Musikalische Leitung), Cecilia Bartolis «Dirigent des Vertrauens», koordiniert das sensationelle musikalische Feuerwerk des Abends mit von Nummer zu Nummer fein und gefühlvoll variierten Tempi bei immer wieder neuer, überraschender Orchestrierung. Einen süffigeren, farbenfroheren, inspirierten Klang kann man sich kaum vorstellen. Der mit Mitgliedern des Chores ergänzte Zusatzchor der Oper Zürich und die SoprAlti der Oper Zürich absolvieren ihre Auftritte mit perfekt fokussiertem, strahlendem Wohlklang. Alice Lapasin Zorzit, seit Januar diesen Jahres stellvertretende Chordirektorin am Opernhaus Zürich, hat mit der Choreinstudierung grossartige Arbeit geleistet. Der Statistenverein am Opernhaus Zürich trägt, wie bei so vielen Produktionen, auch hier sein Scherflein zum Gelingen des Abends bei.

Der italienische Countertenor Carlo Vistoli gibt sein Hausdebut mit klarer, reiner, wie hochglanzpoliertes Silber strahlender und funkelnder Stimme und überzeugt mit perfekter Technik und einnehmender Bühnenpräsenz. Cecilia Bartoli triumphiert in der Rolle der Cleopatra. Wer, wenn nicht sie, könnte eine so facettenreiche, immer wieder faszinierende Persönlichkeit mit so überragender Bühnenpräsenz verkörpern? Die Stimme sitzt nach über vier Jahrzehnten auf der Bühne noch immer perfekt und mit ihrer Erfahrung teilt sie sich die Kräfte ihrer Stimme so ein, dass ihr eine szenisch wie musikalisch überragende Interpretation gelingt. Countertenor Max Emanuel Cencic war in Monte Carlo ebenfalls schon dabei und überzeugt als Tolomeo an diesem Abend mit einem wunderbar warmen, makellos geführtem Mezzo. Anne Sofie von Otter gibt mit der reichen Erfahrung ihrer langen Karriere die Cornelia, die Gattin des ermordeten Pompeo. Sie gibt mit beeindruckender Noblesse die ihrer Rolle eingeschriebene Vertreterin des Ancien Regime, voller Melancholie und immer um ihren ermordeten Gatten trauernd. Die Rolle des Sesto ist wie in Monte Carlo mit dem Countertenor Kangmin Justin Kim besetzt. Von seiner Mutter Cornelia zur Rächung seines Vaters instrumentalisiert und von dessen Schatten getrieben, gibt er die Partie mit kristallklar funkelndem Sopran und schlicht perfekten, weil dramatisch und emotional so fesselnden, dass man geradezu in den Sessel gedrückt wird, Koloraturen. Renato Dolcini gibt Tolomeos Heerführer Achilla mit bestens fokussierten, wunderbar kernigem Bariton. Karima El Demerdasch als Nireno und Evan Gray als Curio ergänzen würdig das phänomenale All Star-Ensemble.

Die Antwort? Jeder hätte ein Motiv…

Weitere Aufführungen: Fr. 13 März 2026, 19.00; So. 15. März 2026, 19.00; Di. 17. März 2026, 19.00; Sa. 21. März 2026, 19.00; Mi. 25. März 2026, 19.00; Sa. 28. März 2026, 19.00.

13.03.2026, Jan Krobot/Zürich

 

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