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44 CD-Box PAAVO BERGLUND; Warner Paavo Berglund – Feinchirurgisch präzise Partiturexegese und effektsichere Theatralik

28.02.2024 | cd

44 CD-Box PAAVO BERGLUND; Warner

Paavo Berglund – Feinchirurgisch präzise Partiturexegese und effektsichere Theatralik

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Der finnische Dirigent Paavo Berglund war einer der überzeugendsten und glühendsten Interpreten des symphonischen Schaffens seines Landsmanns Jean Sibelius. Gleich dreimal hat Berglund alle Symphonien des in Berlin bei Albert Becker und in Wien bei Karl Goldmark und Robert Fuchs ausgebildeten Komponisten für Tonträger eingespielt. Und zwar mit dem Bournemouth Symphony Orchestra, (BSO, dessen Chef er von 1972 bis 1979 blieb), dem Philharmonischen Orchester Helsinki (parallel zur Verpflichtung in Bournemouth stand er vier Jahre lang auch diesem Klangkörper vor), und mit dem Chamber Orchestra of Europe.

Berglund hat sich insbesondere für (rares) nordisches, britisches und russisches Repertoire begeistern können, aber desungeachtet die Aufnahme von Bedřich Smetanas Zyklus „Ma Vlast“ mit der Staatskapelle Dresden für seine gelungenste gehalten. Formalist und dennoch Stimmungsmagier, wusste Berglund weite Bögen wie einst Wilhelm Furtwängler zu bauen, ungeheure Spannung anzuheizen und die Themen aus sich heraus atmend zu entwickeln.

Genauigkeits- und Urtextfanatiker, Probenberserker und linkshändiger Pultgestrenger, hat sich die Charakteristik von Berglunds Lesarten im Laufe der Zeit von einem pastos, klangüppigem Mischklang zu transparent, lichtsuchend gewandelt. Dazu fand eine Wandlung von durchgängig flotten Tempi zu einem bergleichsweise behutsam modellierten Zeitmanagement statt. Auf jeden Fall konnte sich Berglund damit rühmen, in den 50-er Jahren vom Meister Sibelius persönlich für seine Dirigate gewürdigt worden zu sein.

Bisweilen folgen seine Interpretationen der eisernen Kante eines Klemperer. Berglund verstand es zudem wie nur wenige, den inneren Geist der Musik beschwören, ihm straffe Kontur und Körper verleihen zu können. Berglunds Selbstkritik und Experimentierfreude hatten zur Folge, dass seine Konzerte, seine Aufnahmen immer für Überraschungen gut waren und sind. Keines glich haargenau dem/der anderen.

Außer in Bournemouth und Helsinki dirigierte Berglund die bedeutendsten britischen Orchester, die Berliner Philharmoniker, das Gewandhausorchester Leipzig, die Staatskapelle Dresden, das New York Philharmonic und das Cleveland Orchestra. Begonnen hatte Berglund seine Karriere als Geiger im finnischen Radio-Sinfonieorchester Helsinki und als Dirigent des finnischen Radio-Sinfonieorchesters, dessen Chefdirigent.er von 1962 bis 1971 war.

Mich überzeugen besonders die unglaublich plastisch und räumlich tiefengestaffelt klingenden frühen analogen Aufnahmen aus den 70-er Jahren mit dem fantastischen Bournemouth Symphony Orchestra. Hören sie sich die epochale Siebte Sibelius an. Ebenso umwerfend sind die Violinkonzerte von Benjamin Britten und Sir William Walton mit Ida Haendel als Solistin, alle Aufnahmen mit dem Pianisten John Ogdon bzw. das dritte Klavierkonzert von Rachmaninov mit Leif Ove Andsnes und dem Oslo Philharmonic Orchestra. Als legendär gilt nicht zuletzt das Brahms Doppelkonzert mit Yehudi Menuhin (Violine), Paul Tortelier (Cello) und dem London Symphony Orchestra.

Die nun veröffentlichte Warner-Box mit Aufnahmen aus den Jahren 1970 bis 1997 ist eine wahre Fundgrube an in Granit gemeißelten und extrem reizvollen Interpretationen sowie an bereichernden Repertoireraritäten von Hugo Alfven bis Arthur Bliss, von Johan Halvorsen bis Richard Yardumian, von Ole Bull bis M Schalaster. Da wahrscheinlich nicht viele Musikliebhaber Berglund und seine hohe Kunst aus dem Effeff kennen, ist diese Box eine ganz besonders wichtige und mit einem CD-Preis von ca. 3 Euro ganz besonders zu empfehlen.

Aber entdecken Sie doch selbst! A propos: Wissen Sie, warum Paavo Järvi den Vornamen Paavo trägt? Erraten! Weil Paavo Berglund sein Pate war. Der finnische Pultstar war nämlich mit dem estnischen Kollegen Neeme Järvi in tiefer Wertschätzung über den Eisernen Vorhang hinweg verbunden.

Werke der Box

  • Hugo Alfven: Elegy aus King Gustav Adolf II-Suite; Schwedische Rhapsodie Nr. 1 op. 19 „Midsummer Vigil“
  • Arthur Bliss: Cellokonzert; Miracles in the Gorbals
  • Johannes Brahms: Konzert a-moll op. 102 für Violine, Cello, Orchester
  • Benjamin Britten: Violinkonzert op. 15
  • Ole Bull: Herd Girl’s Sunda
  • Antonin Dvorak: Scherzo capriccioso op. 66; Slawische Rhapsodie op. 45 Nr. 3
  • Cesar Franck: Symphonie d-moll; Symphonische Variationen für Klavier & Orchester
  • Alexander Glasunow: Klavierkonzert f-moll op. 92; Valse de concert d-moll op. 47 Nr. 1
  • Michael Glinka: Valse-Fantaisie
  • Edvard Grieg: Sinfonische Tänze op. 64; Klavierkonzert op. 16; Peer Gynt-Suiten Nr. 1 & 2; Alt-norwegische Romanze mit Variationen op. 51
  • Johan Halvorsen: Entry of the Boyars
  • Edvard Armas Järnefelt: Präludium F-Dur
  • Carl Nielsen: Symphonie Nr. 5
  • Serge Prokofiev: Summer Night-Suite aus The Duenna op. 123
  • Sergej Rachmaninov: Klavierkonzert Nr. 3
  • Nikolai Rimsky-Korssakov: May Night-Ouvertüre; Der Goldene Hahn-Suite
  • Robert Schumann: Klavierkonzert op. 54
  • M. Schalaster: Moldavian Dance „Liane“
  • Dmitri Schostakowitsch: Symphonien Nr. 5-7, 10, 11; Cellokonzert Nr. 1; Klavierkonzert Nr. 1
  • Jean Sibelius: Symphonien Nr. 1-7 (in drei Einspielungen); Kullervo-Symphonie op. 7 (in zwei Einspielungen); Der Barde op. 64; Kantate „Our Native Land“ op. 92; En Saga op. 9; Finlandia op. 26 (in drei Einspielungen); Violinkonzert op. 47; Serenaden Nr. 1 & 2 für Violine & Orchester; Humoreske Nr. 5 op. 89 Nr. 3 für Violine & Orchester; Tapiola op. 112 (in zwei Einspielungen); The Origin of Fire op. 32 für Bariton, Männerchor, Orchester; Spring Song op. 16; Karelia-Suite op. 11; Intermezzo & Alla Marcia aus Karelia-Suite op. 11; Luonnotar op. 70; The Oceanides op. 73 (in zwei Einspielungen); Pelleas et Melisande-Bühnenmusik op. 46; Pohjolas Tochter op. 49; Scenes historiques op. 25 (Nr. 3 im zwei Einspielungen); Der Schwan von Tuonela op. 22 Nr. 2 (in zwei Einspielungen); Lemminkäinens Heimkehr op. 22 Nr. 4 (in zwei Einspielungen); King Christian II-Bühnenmusik op. 27 (Sätze 1-3 in zwei Einspielungen); Valse triste op. 44 Nr. 1 (in zwei Einspielungen)
  • Bedrich Smetana: Mein Vaterland
  • Ralph Vaughan Williams: Symphonien Nr. 4 & 6; Oboenkonzert a-moll; The Lark ascending für Violine & Klavier
  • William Walton: Cellokonzert; Violinkonzert h-moll
  • Richard Yardumian: Klavierkonzert „Passacaglia, Recitative and Fugue“

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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