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4. MÄRZ 2026 MITTWOCH

03.03.2026 | Tageskommentar

In eigener Sache: Ich bin soeben wieder aus dem Krankenhaus (Zum Göttlichen Heiland“ in Wien-Hernals) gekommen und muss mich erst wieder einarbeiten. Man ist drei Tage wg – und es fühlt sich, als ob man 2 Wochen weggewesen wäre. Die Herzfunktion wurde überprüft und neu eingestellt, aber es bedarf natürlich eiserner Disziplin! Dank an Renate Wagner, die mich bestens vertreten hat ! 

korchak wikipedia cgebührenfrei

Eine Erregung zum Ersten
Noch eine Hexenjagd?

Dmitry Korchak sieht im Moment wohl nicht so fröhlich drein wie auf diesem Foto, denn er hat ein Problem: Er ist Russe. Und das ist für einen Künstler, der viele Engagements im Westen hat, seit dem Überfall Rußlands auf die Ukraine keine angenehme Situation. Denn Russe zu sein, bedeutet unter einem totalitären Staat zu leben. Da kann man sich nicht „heraushalten“. Entweder Du bist für uns, oder Du bist gegen uns. Wenn Du für uns bist, bekommst Du jede Unterstützung. Bist Du gegen uns, verschwinde. Aber – ist der Westen weniger strikt in seinen Forderungen? Distanziere Dich von Deiner Heimat, oder Du darfst hier nicht mehr arbeiten! Waleri Gergijew und  Ildar Abdrazakov haben die Konsequenz gezogen und bleiben in Rußland.

Anna Netrebko, die sich in früheren Jahren vom Regime auch vereinnahmen ließ, hat die Fleischtöpfe des Westens vorgezogen. Nicht jeder blieb so starr in seiner Ablehnung wie Peter Gelb, und die Met ist punkto Prestige und wohl auch Honoraren ein Verlust, aber es lebt sich zwischen Wien und Dubai recht gut. Und wenn Fanatiker immer wieder gegen sie demonstrieren – so ist das eben.

Ist nun Dmitry Korchak, geboren 1979 in Elektrostal (Oblast Moskau) ein Propagandist Putins? Bisher ist er nie anders aufgefallen als durch seinen Tenor. Plötzlich aber heißt es, die Wiener Staatsoper „ermittle“ gegen ihn (und muss vor dem 6, März zu einem Ergebnis kommen, weil er da in „Don Pasquale“ angesetzt ist). Die Beschuldigungen? Ob er nicht ein „russischer Staatskünstler“ im Dienste Moskaus sei, der für seine russischen Projekte reichlich mit staatlichen Geldern gefördert werde.

Opern News hat recherchiert:

Korchak ist nach neuen Erkenntnissen mit dem russischen Kulturbetrieb noch viel enger verbunden als gedacht. Er tritt nicht nur regelmäßig in Konzerten auf, die – ebenso wie der besagte «Lohengrin»-Abend – vom russischen Kulturministerium finanziert werden. Korchak wird überdies vom russischen „Präsidialfonds für kulturelle Initiativen“ – der zur Finanzierung von Propagandaprojekten in den Bereichen Kultur, Kunst und Bildung gegründet wurde – regelmäßig für eigene Projekte finanziell gefördert. 

Korchaks Name taucht zwischen 2022 und 2025 in mindestens fünf Förderdokumenten des Präsidialfonds auf, darunter für einen Abend unter dem Titel „Eine Hommage an russische Musiker“ und zudem in einem Förderantrag für das laufende Jahr. Darüber hinaus erhielt Dmitry Korchak finanzielle Unterstützungen für eigene Konzertprojekte durch den Moskauer Konzertsaal Zaryadye und die Moskauer Staatliche Akademische Philharmonie. Man wird wohl annehmen dürfen, dass Auftritte an diesen wichtigen Veranstaltungsorten in der Regel nur Künstlern gestattet sind, die mit Putins Regime sympathisieren.

Der Präsidialfonds finanziert auch den alljährlichen Petrovski-Ball im Katharinenpalast bei St. Petersburg, der nach dem Vorbild des Dresdner Opernballs von Hans-Joachim Frey geleitet und moderiert wird. Wer von diesem Kulturmanager noch nichts gehört haben sollte, der schlage nach bei Axel Brüggemann, der in zahlreichen Beiträgen Freys Putin-Nähe aufgezeigt– Ehrensache, dass bei Freys Ball im August 2024 die „Helden“ der „Militärischen Spezialoperation“ gewürdigt wurden.

Lesen Sie weiter auf

https://www.opern.news/news/beitrag/1008

Die Frage lautet, ob Korchak sich nun derselben Hexenjagd ausgesetzt sieht, wie sie seine russischen Kollegen schon erlebt haben.


Eine Erregung zum Zweiten
„Nabucco“ ohne Anna und Mitleid mit der Einspringerin

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Der wirklich schlimme Opernabend am 2. März hat auch andere Medien erreicht.

Wien / Staatsoper: Nabucco ohne Netrebko
Netrebko ohne Stimme, Buhrufe für ihre Einspringerin (Bezahlartikel) Wütende Proteste, lahmer Anfeuerungsapplaus: ein glückloser Abend für jene Sopranistin, die in „Nabucco“ Anna Netrebko ersetzen musste.

https://www.diepresse.com/20641917/staatsoper-netrebko-ohne-stimme-buhrufe-fuer-ihre-einspringerin

Axel Brüggemann, der gerne Briefe an Künstler verfasst, hat sich der schönen Eliška Weissová mitleidvoll angenommen. Im übrigen ist seinem Bericht zu entnehmen, welche verheerende Folgen es auch hatte, dass die Staatsoperndirektion die Umbesetzung nicht bekannt gab. Angeblich wurden vor der Vorstellung noch Karten um 500 Euro verkauft…

 Liebe Eliška Weissová,

ich möchte nicht in Ihrer Haut stecken! Gestern Abend hat der Intendant seine Wiener Staatsoper offensichtlich in einen Schlachtbetrieb für Stimmen verwandelt. Sie wurden in letzter Sekunde für Anna Netrebko auf die Bühne geschubst. Und ausgebuht – nach allen Regeln der Claque. 

(…)Liebe Eliška Weissová, all das war nicht Ihre Schuld! Die Wut galt wohl weniger ihrer kämpfenden Stimme, als der frechen Disposition des Opernhauses: Kein Mucks über Netrebkos Absage – bis zur letzten Sekunde nicht. Erst vor dem Vorhang wurden die Leute »aufgeklärt«. Kurz vor der Aufführung sollen angeblich noch Tickets für über 500 Euro ihre Besitzer gewechselt haben – an Leute, die unbedingt die Netrebko hören wollten. 

Dabei war die schon bei der ersten Aufführung angeschlagen. Warum kümmert man sich in Wien nicht prophylaktisch um eine geeignete Einspringerin? Ist der Herr Direktor neuerdings zu beschäftigt damit, kluge Sprüche in seinen Instagram-Schaukasten zu pinnen, die er gern mit einem kostenlosen Service der Direktion unterschreibt?

Liebe Frau Weissová, Sie tun mir leid. Ebenso wie die stolze Wiener Staatsoper. Es ist ein Trauerspiel, wenn die Oper zum Schlachthaus für Stimmen wird. Ein solcher Service wird dem Intendanten bald seinen Ruf kosten.

https://backstageclassical.com/liebe-eliska-weissova/


Eine Erregung zum Dritten
Schieflage für Karl Lueger…

Geschichtswissen, auch wenn es um die eigene Stadt geht, scheint heute nicht mehr besonders verbreitet. Sonst wüsste man, dass sich Bürgermeister Karl Lueger sein Denkmal für die Leistungen um seine Stadt verdient hat. „Aber er war doch Antisemit!“ Ja, und halb Wien damals auch, und der Antisemitismus zog sich über Europa und Amerika und ist ein unglückseliger Teil der Geschichte, den man allerdings nicht auslöschen kann, indem man ein Denkmal stürzt. Nein, so aufrecht wird er nie wieder da stehen – das haben links / grün / woke Bemühungen erreicht. Wobei, nebenbei gesagt, aus dieser ideologischen Schlagseite ein großer Teil des  neue Antisemitismus kommt…

776.000 Euro für Kontextualisierung des Lueger-Denkmals

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Aus der Geschäftsgruppe Kultur und Wissenschaft der Stadt Wien hieß es in einem Statement, man sehe es “als denkmalpolitische Pflicht, das Denkmal, das für eine unkritische Würdigung Luegers steht, zu kontextualisieren und von einem Denk- in ein Mahnmal umzugestalten”. Dieses sei als Ort der Vermittlung und der kritischen Auseinandersetzung mit der Wiener Stadtgeschichte konzipiert. Der Gemeinderat habe nach Austragung des Wettbewerbs im Jahr 2023 die Umsetzung für das Projekt “Schieflage (Karl Lueger 3.5°)” mit 500.000 Euro beschlossen. Die Kosten für den davor abgewickelten künstlerischen Wettbewerb (136.257 Euro) seien den geplanten Umsetzungskosten in Höhe von 500.000 Euro hinzuzurechnen.

Kritik kam von der Wiener FPÖ: “Statt bestehende kulturelle Einrichtungen abzusichern, Kulturschaffende zu unterstützen und Wiener Traditionen zu stärken, wird Geld für ideologisch motivierte Prestigeprojekte verschleudert”, heißt es am Dienstag in einer Aussendung von FPÖ-Stadtrat Stefan Berger und Kultursprecher Lukas Brucker.

Kosten für Lueger-Denkmal-Kontextualisierung steigen auf 776.000 Euro – VOL.AT

Eine Erregung zum Vierten
Entschuldigung für den großen Künstler Otto Muehl…

Dass Otto Muehl ein verurteilter Kinderschänder war, ist bekannt. Doch bei manchen Künstlern ist man auf diesem Auge blind. Man verehrt ja noch immer Adolf Loos und Peter Altenberg, die denselben Bedürfnissen nachgingen und dafür auch vor Gericht standen (bzw. in der Psychiatrie zwischenlandeten).

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Klaus Albrecht Schršder

Dass es Klaus Albrecht Schröder nach seinen hoch erfolgreichen Jahren als Direktor der Albertina nicht aushalten würde, nichts zu tun, war klar. Die Frage war nur, was. Seit September 2025 steht es fest, er ist Geschäftsführer des neuen Aktionismus-Museums in der Weihburggasse 26.

Schröder, der sich schon in der Albertina als Umbau-  und Erweiterungsmeister erwiesen hat, lässt dies nun auch den Räumlichkeiten des Aktionsmus-Museum angedeihen. Und eines seiner wichtigsten Projekte bezieht sich quasi darauf, Otto Muehl zu entschulden und entschuldigen…

Klaus Albrecht Schröder: Euphorisch zwischen Staubfontänen

Das Museum ist zur Gänze unsubventioniert und gehört sechs Gesellschaftern aus der exklusiven Sammlerszene. Der Bestand ist identisch mit 15.000 Exponaten der Sammlung von Muehls Kommune Friedrichshof, die vom radikalen gesellschaftspolitischen Experiment schmerzhaft entgleist ist. Im restaurierten Bauernhof bei Parndorf im Burgenland sollte die soziale und sexuelle Freiheit verwirklicht werden. Das Experiment endete 1991 mit der Verurteilung Muehls zu sieben Jahren Haft wegen Unzucht mit Minderjährigen und Verstoßes gegen das Suchtgiftgesetz. Er saß die Strafe atypischerweise bis zum letzten Tag ab.

Nach längeren Debatten wird Schröder Muehls Werk künftig in neue Konstellationen setzen. (..,) „Otto Muehl wurde eingesperrt und musste die Strafe trotz guter Führung bis zum letzten Tag absitzen. Wie wir alle wissen, haben dieselben Mädchen mit anderen Kommunenmitgliedern genauso geschlafen, und die Buben mit den Mädchen und den Frauen. Hier gibt es viele Mittäter und Mittäterinnen, und immer haben die Frauen ausgesucht, wer mit wem schlafen durfte. Es ist eine Vernebelung, zu glauben, dass es nur einen Schuldigen gab.“

https://www.news.at/menschen/klaus-albrecht-schroeder-interview-2026?utm_source=brevo&utm_campaign=NEWS%20NL%202026-03-03&utm_medium=email&utm_id=194

Renate Wagner

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A.C. , gerade aus dem Spital „Zum göttlichen Heiland“ entsprungen, setzt fort:

Wer hat getern wirklich  das Publikum gefoppt? Da gegen die Meinungen stark auseinander. Ich bekam Zuschiften, wonach Frau Netrebko erst im allerletzten Moment abgesagt hat. Frau Weissova hatte angeblich nicht einmal Gelegenheit, sich ordendlich einzusingen!

So geht man mit Künstlern nicht um! Grundsätzlich sei festgealten, dass man Einspringer niemals ausbuht! Am 8.3. gebt es noch einmal Nabucco – ob jetzt mit oder ohne Netrebko wissen wir noch nicht. In jedem Fall sollte die Direktion zu besserer, fairerer Form auflaufen.So geht man auch mit dem Publikum nicht um! Oder was meinen Sie, Herr Direktor??? Sind Sie bloß ein Schönwetter-Direktor, der sich bei Negativmeldungen nicht vor den Vorhang wagt:  Fast hat es diesen Anschein! Zumindest gestern war es so! Hat Dr. Roscic in Sache Korchak ermittelt? (siehe oben). Will er Kottan Konkurrenz machen? 

Wiener Staatsoper am 2.3. 2026: NABUCCO

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Abigaille-Kostüm in der Oper von Giuseppe Verdi (1813 – 1901), „Nabucco“ zuerst genannt „Nabucodonosor“ Museum der Scala

Wenn Oper zum (Über-)Lebensk(r)ampf wird

März 2026: Die Diva ist erkrankt, es muss Ersatz gesucht werden. So weit – so der Alltag in Opernhäusern. Ersatz für eine zu Recht als mörderisch bezeichnete Partie, die allerdings in letzter Zeit von hochqualifizierten Sängerinnen hervorragend interpretiert wurde: Hernández, Semenchuck, Pirozzi. Soweit überblickbar – alle derzeit in Europa, alle am 2.3. nicht engagiert.

Jänner 2026: Eine Fremde Fürstin, die mit herausgeschleuderten, zumeist haarscharf daneben gehenden Spitzentönen das Publikum mehr in Angst und Schrecken als in Leidenschaft versetzte. Ihre vergleichsweise kurzen Auftritte waren schnell vorbei, die Erinnerung brannte sich mit der Hoffnung in die Ohren, nie wieder Zeuge derartiger Misstöne werden zu müssen.

Die Fremde Fürstin war Eliška Weissová, die nunmehr für die erkrankte Diva als Abigaille engagiert wurde. Einige wohl informierte Besucher wussten bereits eine Stunde vorab, was dräuen würde und versuchten, die vornehmlich wegen der Diva erworbenen Karten an unwissende zu verkaufen. Die wohl informierte Rezensentin begab sich im vollen Bewusstsein über die Fähigkeiten der Einspringerin in und an den Ring: dies in der Hoffnung, dass der Maestro und die ansonsten sehr ansprechende Besetzung den einen oder anderen erwartbaren scharfen Ton vergessen lassen würden. So weit – so hoffnungsfroh, aber auch so falsch lag die Einschätzung.

Nach der nicht vom Intendanten selbst durchgeführten Ansage war die Bühne frei: Bald nach der außerordentlich gelungenen Ouvertüre und den ansprechenden Auftritten von Zaccaria, Ismaele und Fenena betrat die Sopranistin das Geschehen, und so zog das Unheil in dies Haus: Keine Tiefe, keine Mittellage, teilweises Fehlen ganzer Phrasen, kein Registerwechsel (woher auch?), die hohen Töne allesamt falsch und schrill mit der Lautstärke eines Presslufthammers. Und mit all dem die Furcht der Zuhörerschaft vor jedem weiteren Ton. Anfänglich in den Ensembles noch hörbar freute sich das Publikum, wenn Monica Bohinec’ Fenena – sie verfügt bekanntlich über ein durchaus nicht alltägliches, als interessant zu bezeichnendes Timbre – die Töne der Abigaille überstrahlte. Es folgte das ultimative Desaster im zweiten Akt mit der großen Szene und Arie der Abigaille: Hier hielten sich viele Zuhörer nicht mehr zurück: Gleich den Scala-Loggionisti dutzende Zwischenrufe und Buhs während der Darbietung. Gefühlt stand die Aufführung kurz vor dem Abbruch, und die Wiener Staatsoper (bzw wer auch immer von den dortigen Mitarbeitern für diesen erwartbaren Missgriff verantwortlich ist) darf Marco Armiliato auf Knien danken, dass er deren vorzeitiges Ende mit seiner souveränen sympathisch-wertschätzenden Art verhinderte, indem er einfach weiter und weiter und weiter dirigierte, ohne Pausen entstehen zu lassen, in denen das Publikum – zu Recht – nicht mehr zu halten gewesen wäre. Im Übrigen fand er auch in den sopranistinlosen Teilen immer den richtigen Ton, den Verdi-Klang, den sich der Besucher wünscht und erwartet..

Dr. Renate Wagner und Sabine Längle waren für den Online-Merker vor Ort!Lesen Sie weiter in den Kritiken!

Zum Bericht von Renate Wagner

Zum Bericht von Sabine Längle

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CD „CHAOS“ – CHAOS STRING QUARTET spielt Musik von Haydn, J. S. Bach, Rebel, Ligeti, Schnittke und Beethoven; Solo Musica

Musikalische Visitenkarte als Zustandsortung der Welt

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Das Chaos in der Musik als amorpher Beginn von Gottes Schöpfung oder Teil des Zyklus „Les Élements“ ist uns durch die Kompositionen von Joseph Haydn und Jean-Féry Rebel ein Begriff. Allerdings als Orchestermusik. In den Arrangements für Streichquartett gewinnen beide Klangwerdungen scheinbarer Unordnung an Kühnheit und messerscharfer Artikulation.

Aus gestaltlosen Urmassen formt sich das Universum. Chaos kann – durchaus auch politisch verstanden — einen Übergang zu neuen Ordnungen bedeuten. Es gibt Chaosforschung und sogenannte Schmetterlingseffekte: Geringste Änderungen von Anfangsbedingungen in deterministischen, nichtlinearen Systemen, die klaren mathematischen Regeln folgen, können äußerst empfindliche Konsequenzen für den Verlauf im System führen. Wetter- oder Kapitalmarktentwicklungen gehören etwa dazu. Das Quartett versteht Chaos „als Schöpfung selbst, als Ausgangspunkt von allem. Diese Idee prägt ihr musikalisches Schaffen, in dem raffiniertes Ensemblespiel auf feurige Energie und Abenteuerlust trifft.“

Das 2019 in Wien gegründete Chaos Quartet mit Susanne Schäfer (Violine), Eszter Kruchió (Violine), Sara Marzadori (Viola), und Bas Jongen (Cello) widmet sich in seinem Album „Chaos“ den Phänomenen der Musik aus mythischem Urgrund und in Zusammenhang mit allen Elementen in freiem Zusammenspiel. Dabei mischen sie Barockes (Bach, Haydn, Rebel, Rameau) mit Klassik (Beethoven) und klassischer Moderne (Ligeti, Schnittke), hochemotional wach auf die Spitze getrieben. Der zeitgenössische ungarische Komponist Samu Gryllus sorgt für die Grundlage zu improvisierten Interludien, welche die einzelnen Programmpunkte locker verbinden.

Experimentelles und Avantgardistisches reizen das Chaos String Quartet ebenso wie unerwartete, schrill aufeinanderprallende Klangvisionen und vielleicht als schräg empfundene musikalische Kombinationen. So sind kaum extremere Kontraste als zwischen György Ligetis karstig schroffem zweiten Streichquartett und Jean-Philippe Rameaus höfischer Ouvertüre zur Zauberoper „Zaïs“ (1748) denkbar. Bei ersterem flackern und knirschen Klangflächen aufeinander, scheinen Insekten ihre Antennen zu rupfen, zu flüstern und raunen, bevor sie im Nichts vergehen, während bei Rameau ein Geisterkönig märchenhaft die Unordnung besänftigt. Dazwischen interessieren sich die „Chaoten“ für die verstörend multiplen Wirkungen von Kontrapunktik am Beispiel von Bachs „Die Kunst der Fuge“ und Beethovens “Großer Fuge“.

Was wirklich anders ist und einen spannenden Einblick in Interpretationsmöglichkeiten je nach Lichteinfall und Annäherungswinkel erlaubt, ist die mit dem Begriff Chaos verwobene DNA-Programmatik des Quartetts, die uns Bach und vor allem Beethoven höchst faszinierend in völlig ungewohnter Umgebung begegnen lässt. Auch geht das Chaos Quartet im neuen Album bis an die Grenzen dessen und darüber hinaus, was klanglich mit einem Streichquartett assoziiert wird. Neben Vokalisen sind das Pfeiftöne, Quietschen und nicht näher zuordenbare kosmische Geräusche. Das vibratoarme Spiel, à la historisch informiert, verstärkt in den Transitions A bis E noch einen bisweilen Elektro imitierenden Sound.

Fazit: Ein hochgradig präzises und zartforsches Album von suchenden Formgebern und wagemutigen Klangbildhauern. Wenn man die skurrilen Fotomontagen im Booklet als offenkundig ironische Selbstsicht der Vier mit einbezieht, haben wir es zudem mit einem durchaus humorgewürzten Abenteuer zu tun.

Dr. Ingobert Waltenberger

 

 

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