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4 CD-Box GIACOMO PUCCINI – „DIE WELT ZUM WEINEN BRINGEN“ – Eine Hörbiografie von Jörg Handstein; BR-Klassik

28.11.2025 | cd

4 CD-Box GIACOMO PUCCINI – „DIE WELT ZUM WEINEN BRINGEN“ – Eine Hörbiografie von Jörg Handstein; BR-Klassik

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Aus der musikalisch-erotischen Lebenswerkstatt eines italienischen Superstars

Bei den Jörg Handstein-Biografien von Komponisten handelt es sich um faktenreich dokumentierte, dramaturgisch geschickt in Kapitel unterteilte Gesamtkunstwerke sui generis. Die nunmehr 15. Hörbiografie bei BR-Klassik erzählt in neun Kapiteln das Leben Giacomo Puccinis, eingebettet in den politischen und musikhistorischen Background des letzten Viertels des 19. und des ersten des 20. Jahrhunderts. Natürlich darf auch der eine oder andere Blick durchs Schlüsselloch bis ins ungemachte Bett nicht fehlen, die bei einem Lebemann und Macho wie Puccini doch einiges hergeben.

Nach einigen Tagen unterwegs durch die reale Welt dieses so akribisch werkenden wie bald erfolgsverwöhnten Komponisten ist er mir persönlich nicht ans Herz gewachsen. Das, was an Puccinis Arbeitsdisziplin, Zielstrebigkeit und künstlerisch ins Mark treffenden Instinkt nur bewundert werden kann, wird durch einen libidinös getriebenen, materiell orientierten Charakter, der besonders in seiner Beziehung zu und später Ehe mit Elvira grandios gescheitert ist, relativiert.

Erzähler Udo Wachtveitl und Burgschauspieler Max Simonischek als Giacomo Puccini nehmen Sie mit auf eine ausgedehnte Reise nach Italien, die von der Geburtsstadt Lucca über Milano, Monza nach Torre del Lago und weiter in alle Städte und Opernhäuser führt, an denen seine Opern Triumphe feiern sollten.  

Giacomo Antonio Domenico Michele Secondo Maria Puccini wurde 1858 in eine Familie von Domorganisten und Kapellmeistern hineingeboren. Im Alter von nur fünf Jahren verlor er den Vater. Sein Onkel Fortunato übernimmt die Erziehung des nicht sehr motivierten Buben und kapituliert alsbald. Mit zehn Jahren begann Giacomo, Violine und Klavier zu lernen und im Chor zu singen. Als Halbwüchsiger spielt der notorisch von Geldsorgen Geplagte in einer Tanzkapelle und macht auch manch gestohlene Orgelpfeife zu barer Münze. Tabak, Wein und die Wonnen der Freudenhäuser gibt es nun mal nicht gratis

Seine Berufung als Opernkomponist ereilte den 18-Jährigen nach einer Aufführung von Verdis „Aida“ in Pisa. Ob er wirklich die jeweils fünf Stunden Fußmarsch hin und zurück absolvierte oder schon früh PR-talentiert an seiner Legendenbildung arbeitete, sei einmal dahingestellt. Kein Geringerer als Gott himself soll ihm mit dem Finger berührend geflüstert haben: „Schreibe für das Theater!“

Das hehre Ziel vor Augen, fadisierte sich Giacomo in der Schule, saß sich „dort seinen Hosenboden ab.“ Seine ersten Lehrjahre gingen mit dem Abschluss der „Messa di Gloria“ 1880 als maestro di compositore zu Ende. Drei weitere Jahre am Konservatorium in Mailand sollten folgen, für die seine Mutter Albina bei der Königin höchstpersönlich erfolgreich um ein Stipendium warb. Mit dem Professor Amilcare Ponchielli tat Giacomo einen goldenen Griff, denn der Komponist entpuppte sich als ein verständnisvoller Mentor und brachte ihm u.a. die Musik Wagners näher. Als Zuhörer bewunderte Puccini an der Scala di Milano Bizets „Carmen“ und Massenets „Herodiade“.

Am 16.6.1882 wurde ihm das Diplom maestro di musica ausgehändigt. Der Start ins Berufsleben gestaltete sich mühsam. Puccini durchlebte ein wüstes Auf und Ab, das auch sein späteres Leben bestimmen sollte. Alles begann gleich mit einem Riesenreinfaller, denn seine Oper „Le Villi“ gewann beim vom Verlag Sonzogno ausgeschriebenen Einakter-Wettbewerb keinen Preis. Dafür sammelte kein Geringerer als Arrigo Boito Geld für die erste Bühnenpräsentation des hybriden Gruselstücks am 31.5.1884. Die Casa Ricordi erwarb die Rechte an der Oper. Nach dem Tod der Mutter Albina griff der Verlag dem aufstrebenden Tonsetzer finanziell unter die Arme. Man erkannte sein Talent, auch wenn seine nächste Oper „Edgar“ ein grandioser Misserfolg wurde.

Privat gestaltete sich Puccinis Leben zu der Zeit als ganz schön abenteuerlustig, als er eine hemmungslose Affäre mit der verheirateten Elvira Geminiani begann, der bald der Sohn Tonio entspross. Um dem Tratsch in der Kleinstadt Lucca und dem angetrauten Ehemann Narciso Geminiani zu entgehen, zog Elvira nach Monza. Das harte Leben beschrieb Puccini als „Brot mit Zwiebeln und Frostbeulen an den Händen.“ Die wilde Ehe zwang das Paar ab 1887 nach Milano, wo 1889 auch die Uraufführung des „Edgar“ erfolgte. Die „haarsträubende Dreiecksgeschichte“ verschwand nach nur drei Vorstellungen vom Spielplan. Ricordi war in dieser schwierigen Situation ein sehr cleverer Verlag, der sich durch diesen Misserfolg nicht am Glauben an die künstlerische Erneuerungskraft Puccinis beirren ließ.

Puccini hingegen erkannte, dass er engen Einfluss auf das Libretto nehmen müsse, die letzte Kontrolle haben müsse, um reüssieren zu können. Den großen Durchbruch wird „Manon Lescaut“ nach dem Roman von Abbé Prevost bringen, an dessen Textbuch bis zu sieben Dichter gleichzeitig herumwerkelten.

Immer wieder frappieren in Handsteins Erzählung Parallelen zwischen Kunst und Leben des Meisters. So starb 1891 der nach Argentinien emigrierte Bruder Michele, der eine Liebesbeziehung zur verheirateten Frau eines einflussreichen Senators begann. Wie in „Manon Lescaut“ war auch für Michele ein Duell fatal, das den Bruder zwar nicht tötete, aber zur Flucht nach Rio zwang, wo er dem Gelbfieber erlag.

Puccini zog es aufs Land, wo er im 120-Seelendorf Torre del Lago am Ufer des Massaciuccoli-Sees Fuß fasste. In diesem Vogelparadies konnte er seinem liebsten Hobby, der Jagd, nach Lust und Laune frönen. Auch wenn ihn die Intelligenz und Scheue der Löffelenten bisweilen ärgerten.

Als Komponist startete der inzwischen 34-Jährige hingegen mit der unglaublich erfolgreichen und von 30 Solovorhängen gekrönten „Manon Lescaut“ in Turin voll durch. Der Siegeszug dieser Oper ist beeindruckend. In London schreibt Shaw, dass „Puccini ein Erbe Verdis zu sein scheint.“  Von dem verdienten Geld kaufte er sich ein Fahrrad.

“La Boheme“ folgte. Wie wir wissen, ein Stück wunderbar anrührendes bis kitschiges Musiktheater, das auch alle kennen, die sonst nicht in die Oper zu bringen sind. „La Boheme erzählt die Liebesgeschichte des Dichters Rodolfo zu der an Tuberkulose erkrankten Näherin Mimi inmitten des kreativen Chaos einer jungen Künstlergruppe. Armut, Kälte, Hunger, Schmutz, ein trüber Ausblick auf Schornsteine und allgemeines Elend sind auch persönliche Erfahrungen, auf die Puccini zurückgreifen konnte. Die Uraufführung unter den Händen des nachschöpferischen Genies Arturo Toscaninis in Turin wird ein Achtungserfolg, der sich bis heute zu einem der größten Triumphe der Operngeschichte steigern sollte.

Mit dem Reißer „Tosca“, in dem einen Primadonna eine Primadonna spielt und am Ende alle tot sind, legt Puccini noch eins drauf. Mit dem Baron Scarpia schafft Puccini ein für autokratische Regimes typisches Monster, das begehrt und jagt, sich sättigt und die weibliche Beute wieder wegwirft.

Als Puccini von den 40.000 Lira Halbjahreseinkommen 20.000 an das Finanzamt abführen soll, nutzt er geschickt Beziehungen und steckt das viele Geld lieber in den Bau einer Traumvilla am Colline Pisane. Auch privat tut sich nach der „Tosca“ Premiere am 14.1.1900 in Rom einiges. Puccini beginnt ein Verhältnis mit der 17-jährigen Maria Anna Coriasco, genannt Corinna, mit der prahlte, es siebenmal hintereinander getrieben zu haben. Und wieder bemühte Handstein einen biografischen Vergleich, als er das Liebesduett Butterfly Pinkerton als einen „Nachklang der kleinen Ausflüge“ Puccinis erkannte.

Elvira weiß um die Seitensprünge ihres Lebensgefährten. Depressionen und Neurasthenien plagen sie ab da an wie ein Geschwür. Eine unbegründete krankhafte Eifersucht oder „Otellisieiren“, wie das Puccini nannte, wird das Zimmermädchen die noch jungfräuliche Doria Manfredi in den Tod treiben. Puccini sah das alles, „aber ihm fehlte der Mut, einzuschreiten“. Kein Wunder, dass die häuslichen Spannungen bald unerträglich wurden bei einem Mann, der die Trias „Kunst, Natur und die Muschi“ zu seinem „göttlichen Terzett“ erhob. Eine monatelange „Seifenoper“ folgte, die die Familie spaltete. Puccini entschädigt die Familie Manfredi, eine Klage gegen Elvira wird zurückgezogen.

1902 kaufte sich Puccini mit der Klement Voiturette 9HP mit 40 km/h Höchstgeschwindigkeit sein zweites Auto, seiner neben Zigarre Rauchen, Frauen und Jagen vierten Leidenschaft huldigend. Allerdings braucht er nach einem Unfall samt Beinbruch und Rollstuhl Monate, bevor er die Arbeit zu „Madama Butterfly“ wieder aufnehmen kann.

Und wieder ist Zeit für ein wenig Intimtratsch aus Puccinis Liebesirrungen und Wirrungen. Jetzt war es der unsichere Lover, der Corinna einen Privatdetektiv hinterherschickte, um ihre Treue zu testen. Sie fiel mit Bomben und Granaten durch, weil sie sich eindeutig mit vielen Freiern traf. Er trennte sich, sie erpresste den mittlerweile reichen Komponisten mit der Liebeskorrespondenz, Puccini kaufte sich frei. Nach Narciso Geminianos Tod und dem Verstreichen der Trauerzeit war der Weg frei für die Weiterführung der unglücklichen Beziehung zu Elvira, nun aber im Status der offiziellen Ehe.

Die Premiere der “Butterfly“ an der Scala 1904 mit Rosina Storchio in der Titelpartie glich einem „Lynchmord“. Erst die überarbeitete Fassung wurde am 28.5.1904 in Brescia der erwartete Sieg zuteil. Was tut Puccini? Er kauft sich ein Cabrio.

In London lernt Puccini Sybil Seligman kennen, mit der ihn fortan eine innige Freundschaft verband. Musikalisch beeindruckten Puccini zu Beginn des 20. Jahrhunderts vor allem „Salome“ von Richard Strauss und „Pelléas et Melisande“ von Debussy. Diese einschneidenden Erlebnisse regten Puccini an, seinen Stil erneuern zu wollen, nach eigenen modernen Wegen des Musiktheaters zu suchen, ohne das Massenpublikum abzuschrecken. Drei Jahre nach der „Butterfly“ waren nun vergangen und noch immer war kein Stoff in Sicht. Die Wende brachte ein Besuch in New York, wo er Enrico Caruso traf und aus purer Begeisterung vom Publikum der MET unter Blumensträußen fast begraben wurde.

Keine Liebe auf den ersten Blick war das nächste Projekt „La fanciulla del West“. 1908 startete Puccini mit der Arbeit daran durch, nachdem ihm Ägypten und das enge touristische Programm den letzten Nerv geraubt hatten. Dem Orchester wurde die Hauptrolle zugestanden und erstmals war die weibliche Hauptfigur kein Opfer, sondern eine am Ende noch lebende Heldin. Die Uraufführung an der Metropolitan Opera mit Destinn und Caruso unter Toscaninis musikalisch strenger Hand wurde auch finanziell ein sensationeller Erfolg. Dem Kino vorgreifend endet Puccinis „Mädchen aus dem goldenen Westen“ mit einem Ritt in den Sonnenuntergang.

Anekdotisches: Puccinis Sohn Antonio teilte Puccinis Vorlieben für Autos und Frauen, sonst taugte er nichts. Puccini weihte Carla Toscanini in New York in sein privates Unglück ein. Der 52-Jährige bestellte sich als Ausgleich eine Motorjacht mit dem Namen Cio-Cio-San für das tyrrhenische Meer. Seine neue Eroberung war die Münchner Baroness Josephine von Stengel, die er in Viareggio kennenlernte, die optimale Geliebte für die nächsten Jahre. Mit ihr besuchte er sogar die Bayreuther Festspiele, genauer den Parsifal.

Nach dem Tod Tito Ricordis folgte dessen geschäftstüchtiger Sohn Giulio nach, den Puccini sofort als „echtes Schwein“ betitelt. Eine neue Oper muss her. „Far piangere“, darin liegt alles. Puccini machte sich auf die Suche nach einem neuen Stoff. Der zuerst auserkorene D’Annuncio lieferte ein unbrauchbares Monster von Libretto. Puccini stürzte sich ab Sommer 1913 daher auf das fatalistische Sozialdrama „Il Tabarro“ im schmutzig-prekären Hafenmilieu mit einer genauso zerrütteten Ehe wie es diejenige Puccinis war. Puccini sollte „Il Tabarro“ später gemeinsam mit der sentimentalen „Suor Angelica“ und der Erbschaftskomödie „Gianni Schicchi“ zu „Il Trittico“ erweitern.

Im Kapitel „Liebe in den Zeiten des Krieges“ geht es wieder um Zeitgeschichtliches, um Wien am Vorabend des Ersten Weltkriegs. Das Carltheater bestellte bei Puccini eine Operette. „La Rondine“ handelt von einer Pariser Kurtisane, die sich von einem reichen Bankier aushalten lässt. Und dann die echte Liebe in einer Traumwelt erlebt. 

Puccini kaufte ein Grundstück in Viareggio für ein Liebesnest mit Josephine. 1915 erklärte Italien Österreich-Ungarn den Krieg. Wien war nun Feindesland, daher wurde „La Rondine“ am 27. März 1917 in Monte Carlo uraufgeführt.

„Turandot“ läutet das Schlusskapitel von Puccinis Leben und des Hörbuchs ein. Ein Märchen der Moderne, Ausdruck einer archaischen Welt mit einem großen Finalproblem der Wandlung einer eiskalten zu einer mitleidsfähigen Frau. Im Frühjahr 1921 begann er mit der Komposition. 1922 fuhr er mit seinem Sohn per Auto durch 22 deutsche Städte. In Ingolstadt starb Puccini fast an einem in der Kehle festklemmenden Knochen. Sonst gönnte sich der 64-Jährige die acht Liter Limousine Lancia Trikappa und überlegte sich eine Verjüngungsoperation. Ein Arzt diagnostizierte beim Raucher einen fortgeschrittenen Kehlkopfkrebs.

Die Musikbeispiele des Hörbuchs sind dramaturgisch und sängerisch mit den Ausschnitten aus den Gesamtaufnahmen von „Manon Lescaut“ (Giuseppe Sinopoli), „La Boheme“ (Antonino Votto), „Tosca“ (Zubin Mehta), „Madama Butterfly“ (Giuseppe Sinopoli), „La fanciulla del West“ (Sebastian Weigle) „Il Trittico“ (Lorin Maazel) und „Turandot“ (Herbert von Karajan) überwiegend gut gewählt. Die reine Musik-CD „Best of Puccini“ erfreut mit einigen Archiv-Juwelen mit Mirella Freni, enttäuscht aber ebenso mit vokal unerfreulichen tenoralen Arieninterpretationen von Charles Castronovo.

Fazit: Spannend und detailreich auch im Gossip erzählte Vita von Giacomo Puccini mit viel Musik, von den beiden Sprechern eindringlich präsentiert. Für Opernmenschen jedenfalls ein passendes Weihnachtsgeschenk.

Dr. Ingobert Waltenberger

 

 

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