31 CD-Box BERNARD HAITINK und das LONDON PHILHARMONIC ORCHESTRA: Complete Recordings on DECCA & PHILIPS; DECCA

Bernard Haitink spielte in der Entwicklung meines symphonisch musikalischen Verständnisses die größte Rolle. Der Grund ist einfach: Ich bin mit den Gesamteinspielungen aller Gustav Mahler und Anton Bruckner Symphonien mit dem Concertgebouw Orchester (Philips) aufgewachsen. Sie hatten und haben ihren goldenen Platz unter meinen ersten Schallplatten überhaupt. Später kamen die Symphonien von Dmitri Shostakovich dazu.
Bernard Haitink zählt zu den Vertretern formal strenger Interpretationen, unsentimental, rhythmisch kantig, klar strukturiert. Mit einem Wort war Haitink einer der vielleicht unromantischsten aller Dirigenten des großen romantischen Repertoires. Das hat für sich, dass daher die Musik in ihrer ureigenen Tiefe und aus dem rationalen Kern heraus erstrahlt. Bei Haitink kommen eine in den Höhepunkten körperlich erfahrbare orchestrale Wucht, eine räumliche Weite und eine oftmals zwingend überwältigende Intensität dazu. Kein zusätzliches Sahnehäubchen an Effekt oder schnörkeliger Wirkungsdekor fettet diesen schlank virilen Klang auf.
Auf der Sollseite steht, dass etwa manch langsamer Satz der Beethoven-Interpretationen weniger überzeugt, mitunter sogar ihrer Emotionalität wegen ‚misstrauisch‘ daherkommen mag. Aber das ist so eine Sache mit Beethoven. Allergrößte Dirigenten wie Celibidache oder Thielemann hatten und haben fallweise mit dem symphonischen Schaffen Beethovens ihre liebe Not. Trotzdem ragen aus dem von Haitink 1974 bis 1976 im Studio erarbeiteten zweiten Beethoven-Zyklus die „Eroica“ oder die „Siebte“ als unverändert gültig und unmittelbar beim Schopf packend heraus.
Bernard Haitink wurde 1967 zum Chefdirigenten des London Philharmonic Orchestra ernannt und hatte die Position bis 1979, also zwölf Jahre lang, inne. Die auf der Box enthaltenen Aufnahmen sind zeitlich von 1967 (Dvořák Cellokonzert mit Maurice Gendron als Solist) bis 1986 (Rachmaninov „Rhapsody auf ein Thema von Paganini“, op. 43, Klavier Vladimir Ashkenazy) einzuordnen. Nur die auf der Box als Abschluss enthaltene Studioproduktion von Verdis „Don Carlo“ mit Chor und Orchester des Royal Opera House Covent Garden ist später entstanden. Sie stammt vom Juli 1996 und wurde in der Londoner Walthamstow Assembly Hall aufgenommen.
Haitinks künstlerische Bedeutung und Strahlkraft ist sicherlich auch mit dem Aufstieg von Tontechnik und der ungemein regen Aufnahmetätigkeit der Schallplattenindustrie seiner Zeit, insbesondere der Labels Philips und Decca, verbunden. Sein Philips Debüt erfolgte bereits im September 1959. Zur selben Zeit wurde Haitink zum Ersten Dirigenten des Concertgebouw Orkest berufen, bei dem er 1956 als Einspringer für Carlo Maria Giulini debütierte.
Auf dem Opernsektor sind vor allem zwei längere Engagements von großer Bedeutung: Von 1978 bis 1988 fungierte Haitink als musikalischer Leiter des Opernfestivals in Glyndebourne, von 1987 bis 1998 war er für die musikalische Leitung des Royal Opera House in London verantwortlich.
Seine Diskografie insgesamt ist riesig. Dabei nahm Haitink das „große klassische und romantische Standardrepertoire“ inkl. Werke der gemäßigten Moderne immer wieder auf. Wer sich seine Veröffentlichungen ansieht, kommt aus dem Staunen nicht heraus. Haitink legte ehern straffe, kraftvoll durchwirkte, zeitlos gültige Interpretationen mit vielen Orchestern, u.a. neben den beiden bereits erwähnten mit der Staatskapelle Dresden, den Wiener und Berliner Philharmonikern, dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks und natürlich dem Boston Symphony sowie dem London Symphony Orchestra vor.
Die intensive Wiederbeschäftigung mit dem Plattenvermächtnis von Bernhard Haitink, bzw. dem erstmaligen Hören vieler dieser mit dem London Philharmonic Orchestra vor allem in den siebziger Jahren entstandenen Aufnahmen bestätigt das, was ich vor 50 Jahren als so unwiderstehlich attraktiv und überzeugend empfand. Außer den erwähnten Charakteristika sind das die völlig natürlich erfühlten dynamischen Kontraste, ein steter Zug nach vorne sowie ein gleißendes Funkeln und Blitzen in den solistischen Passagen (Blech). Die rhythmische ‚Unerbittlichkeit‘, und die energische Pranke führen vor allem bei den legendären Wiedergaben der Stravinsky Ballette „Der Feuervogel“, „Petrushka“ und „Le sacre du printemps“, aber auch bei der beißenden Motorik der Sinfonik von Shostakovich zu mitreißenden Ergebnissen. Kennen Sie das Gefühl, wenn das Wagerl der Hochschaubahn langsam hochgezogen wird und man oben auf den Abgrund zusteuert, dem man nicht mehr entkommen kann? Schwindelerregend, aufregend und im Endeffekt atemberaubend befreiend. Genau diese Empfindung stellt sich bei mir im Zusammenhang von Drive, Beschleunigung und rhythmischem Stahl oft bei Haitink ein.
Instrumentale Farbenschüttorgien wie Rimsky Korsakovs „Scheherazade“ oder Gustav Holsts „Planeten“ profitieren von Haitinks Plastizität, Cayenne pfeffriger Erzählvision und jeglichen Kitsches ferner Ernsthaftigkeit. Ihre Aufmerksamkeit verdienen aus denselben Gründen zudem die „Enigma Variationen“ von Edward Elgar.
Gerühmten Katalogperlen wie den 13 symphonischen Dichtungen von Franz Liszt (4 CDs) oder den Beethoven Klavierkonzerte inkl. der Choralfantasie in c-Moll mit Alfred Brendel als Solisten stehen weniger bekannte Alben, wie etwa die Ouvertüren zu neun Mozart Opern (dokumentiert die Arbeit des LPO in Glyndebourne zwischen 1975 und 1980) oder meine Lieblingsentdeckungen der frühromantisch subtilen, klassisch eingehegten Symphonien Nr. 1 3, 4 und 5 sowie der Ouvertüren „Meeresstille und glückliche Fahrt“ und „Hebriden“ von Felix Mendelssohn gegenüber.
Generell erweist sich Haitink, je intensiver man in sein Dirigieruniversum vordringt, als präziser Anwalt der Instrumentierungskühne und Vitalität der von ihm geharkten Werke.
Ungetrübte Freude bereitet die Begegnung mit Verdis „Don Carlo“ in der fünfaktigen Fassung. Galina Gorchakova (Elisabetta), Roberto Scandiuzzi (Philipp), Olga Borodina (Eboli), Dmitri Hvorostovsky (Posa); Richard Margison (Don Carlo), Robert Lloyd (Großinquisitor) und solche Kaliber wie Ildebrando D’Arcangelo (Mönch), Sylvia McNair (Stimme vom Himmel) oder Elizabeth Norberg-Schulz (Tebaldo) in kleineren Partien.
Haitink wurde 92 Jahre alt. Privat hörte er am liebsten Lieder und Kammermusik von Franz Schubert. Dass ihm dennoch die Zeit davonzulaufen schien, belegt ein Zitat, das im Zusammenhang mit Schuberts musikalischem Reichtum geäußert, auf viele von uns zutreffen dürfte: „Wie kurz ist doch das Leben und wieviel gibt es, was man lesen und hören möchte. Wenn man älter wird, erkennt man dies umso deutlicher.“
Fazit: Eine wichtige Box, weil sie einen Titanen seiner Zunft in der Mitte und auf dem Zenit seines dirigentischen Wirkens porträtiert. Zudem bietet sie Zeugnisse untrüglicher musikalischer Eleganz, architektonisch dramaturgischer Logik sowie immenser Intensität.
Inhalt der Box
- Ludwig van Beethoven: Symphonien Nr. 1-9; Klavierkonzerte Nr. 1-5 (Alfred Brendel, Klavier); Chorfantasie op. 80; Tripelkonzert op. 56 (Beaux Arts Trio); Coriolan-Ouvertüre op. 62; Leonore-Ouvertüre Nr. 3 op. 72; Egmont-Ouvertüre op. 34
- Antonin Dvořák: Cellokonzert op. 104 (Maurice Gendron, Cello); Waldesruhe op. 68 Nr. 5; Rondo g-moll op. 94
- Gustav Holst: The Planets
- Edward Elgar: Enigma Variations
- Franz Liszt: Klavierkonzerte Nr. 1, 2 (Alfred Brendel, Klavier); Totentanz für Klavier und Orchester (Alfred Brendel, Klavier); Mazeppa; Les Préludes; Orpheus; Festklänge; Tasso; Bergsymphonie; Hungaria; Hamlet; Mephisto-Walzer Nr. 1; Von der Wiege bis zum Grabe; Heroide funebre; Die Ideale; Hunnenschlacht
- Felix Mendelssohn: Symphonien Nr. 1, 3-5; Meeresstille und glückliche Fahrt-Ouvertüre; Hebriden-Ouvertüre
- Wolfgang Amadeus Mozart Ouvertüren: Die Zauberflöte Don Giovanni, Idomeneo, Cosi fan tutte, Le Nozze di Figaro, Die Entführung aus dem Serail, La Clemenza di Tito, Der Schauspieldirektor-Ouvertüre; Lucio Silla
- Nikolai Rimksy-Korsakov: Scheherazade
- Sergej Rachmaninov: Paganini-Rhapsodie op. 43 für Klavier & Orchester (Vladimir Ashkenazy)
- Dmitri Shostakovich: Symphonien Nr. 1-4, 7, 9, 10, 15; Das goldene Zeitalter-Suite
- Igor Stravinsky: Der Feuervogel; Petruschka; Le Sacre du Printemps
- Giuseppe Verdi: Don Carlo, u.a. Galina Gorchakova, Richard Margison, Olga Borodina, Dmitri Hvorostovsky, Roberto Scandiuzzi, Robert Lloyd, Orchestra und Chorus of the Royal Opera House Covent Garden
Dr. Ingobert Waltenberger

