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CD CLAUDE DEBUSSY „PELLÉAS ET MÉLISANDE“ – LES SIÈCLES – Aufnahme aus der Opéra de Lille ohne Publikum 2021; harmonia mundi

13.05.2022 | cd

CD CLAUDE DEBUSSY „PELLÉAS ET MÉLISANDE“ – LES SIÈCLES – Aufnahme aus der Opéra de Lille ohne Publikum 2021; harmonia mundi

François -Xavier Roth und sein Lob der Einfachheit

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„Alles ist geheimnisvoll in Pelléas et Mélisande, das Schauspiel vom Maeterlinck, die Farbe von Debussys Musik und selbst die Form dieses Opernexperiments, das gleich einer offenen Tür ist, die zu dem führt, was damals die Oper werden kann.“ Roth

Der tiefgründige und verboten laszive Blick in das düstere innere Ich führt uns in „Pélleas et Mélisande“ in ein Labyrinth an multiplen Bezügen, an Doppeldeutigkeiten und offenen Fragen. François -Xavier Roth, der Debussys Geniestreich schon 2002 als Anfänger und erste Oper mit dem Orchester von Caen einstudierte, betrachtet Pelléas et Mélisande musikalisch mit Richard Wagners „Tristan und Isolde“, „Der fliegende Holländer“ und „Tannhäuser“ verbunden. Debussy pilgerte ja des Öfteren nach Bayreuth. Wie bei Wagner, erzählt auch bei Debussy das Orchester, was der Text nicht sagt.

In seiner Einspielung mit seinem 2003 gegründeten Originalklangorchester setzt Roth ganz auf die leisen Töne, auf ein überwiegend kammermusikalisches, monochromes Klangbild, in dem alle Silber- und Graubereiche der Musik voll ausgeforscht werden und nur wenig blendendes Licht im unpassierbaren Seelendschungel an die Oberfläche dringt. Roth sucht im Revolutionären der Musik (ohne Nummern, ohne Regeln, ohne eigentliche Melodien) den unterirdisch in den Karst versickerten Strom, in dem sich Text, Musik und Gesang vermischen.  

Die Geschichte Maeterlincks rund um die tödliche Dreieckbeziehung zwischen Pelléas, Mélisande und Golaud inszeniert Debussy wie in der bildenden Kunst als Versuchslabor der unendlichen Farbmischungen. Pastelltöne herrschen in dieser Aufnahme auch dann noch vor, wenn die Dramaturgie ins Existenzielle gleitet, wenn die Figuren in ihrer selbstbezogenen Sprachlosigkeit und elementaren Wesensverschiedenheit sich nicht eigentlich begegnen können, die Worte aneinander wie müde Pinsel von der Leinwand der Emotionen abgleiten und im Schweigen verenden.

Es ist ein als Märchen verkleidetes Endspiel, das wir hören. Dazu tragen die vibratoarme Stimmung des Orchesters, die ganz am Sprachfluss des Textes ausgerichteten Tempi sowie das von Roth pragmatische empfundene Verhältnis zur Stimme bei.

Die Besetzung wird von Vannina Santoni als mädchenhaft lichter Mélisande angeführt. Wir erleben ein sensibles Fabelwesen wie von einem anderen Stern, das nur den eigenen Gesetzen folgt. Ihr glaubt man, wenn sie am Ende am Wochenbett, das zu ihrem Totenbett wird, Golaud versichert, dass es nichts Verbotenes zwischen ihr und Pelléas gegeben hat. Julien Behr bringt in seinen poetisch zarten Pelléas den schwärmerischen Ton Massenets ein, Alexandre Duhamel stellt dem mit seinem körnigen Bariton das Konkrete, die Normalität der gesellschaftlichen Ratio entgegen. Die französische Mezzosopranistin Marie-Ange Todorovich verkörpert als Geneviève die Befangenheit des abgeschotteten Reichs, Jean Teitgen als alter König Arkel verglüht an der unbeherrschten Kraft seines Sohns Golaud. Hadrien Joubert ist ein wirklich sehr sehr zerbrechlicher Yniold.

Trotz aller sorgfältigen Arbeit, die hörbar geleistet wurde, will ich mit dieser Aufnahme nicht recht glücklich werden. Trotz vieler fein gezeichneter orchestraler Details und heftig aufgepeitschter Wogen etwa am Schluss des Duetts von Golaud und Yniold fehlt es insgesamt an Spannung, am erzählerischen Bogen. Die Gediegenheit der Aufnahmetechnik und die etwa im Holz durch das alte Instrumentarium neuartig gemischten Klänge vermögen den Hörer nicht über eine eigenartige Sterilität der Atmosphäre hinwegzuheben. Simon Rattle hat Pelléas mit mehr Geheimnis sterben lassen, Claudio Abbado sinnlicher und berauschter in den überhitzten Leidenschaften gewühlt.

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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