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303

15.07.2018 | FILM/TV, KRITIKEN

Filmstart: 20. Juli 2018
303
Deutschland / 2018
Regie: Hans Weingartner
Mit: Mala Emde, Anton Spieker u.a.

Wir lernen Jule kennen, als sie an der Uni in Berlin ihre Biologieprüfung verpatzt. Aus einem Telefongespräch mit ihrer Mutter wird klar, dass diese meint, sie solle doch ihre Schwangerschaft abbrechen. Jan wiederum wird auf der Uni (er ist in der Politikwissenschaft daheim) bestätigt, dass er ein brillanter Student sei. Aber der Job, um den er sich beworben hat, den kriegt er leider nicht – er passe weltanschaulich nicht. Wie es mit der „Haltung“ sei, will Jan wissen. Ja, da zuckt sein Gegenüber nur mit den Achseln.

Zwei 24jährige, für die es im Moment sehr blöd aussieht. Großer Streß. Jule beschließt nun, mit ihrem geerbten, uralten, geradezu lächerlich riesigen Wohnmobil (Mercedes 303, was dem Film den nicht ganz überzeugenden Titel gibt) nach Portugal zu fahren, wo Kindesvater Alex in einer Kommune haust, und ihm die Neuigkeit selbst zu berichten.

Jan wiederum will auch losziehen, aber er hat ein anderes Projekt: Sein leiblicher Vater, den er nie gekannt hat, ist Spanier und lebt dort unten. Ihn will er kennen lernen. So richtig viel Geld hat er nicht (obwohl das im folgenden Film nie thematisiert wird), also als Rucksacktourist und Anhalter in den Süden…

So schafft es Regisseur Hans Weingartner, dass man a priori einen guten Begriff von den zwei jungen Leuten bekommt, die er in einem Road Movie zusammen spannt. Nun ist dieses Genre nahezu in der Krise, weil es so oft so mühselig und kitschig klischiert ausgefallen ist, dass einem die Lust vergeht, Leuten, die in einem Auto zusammengepfercht sind, beim Herumreisen und vor allem beim Herumlabern zuzusehen und zuzuhören.

Wenn es nun einem Regisseur gelingt wie dem Vorarlberger Weingartner, zweieinviertel wirklich spannende Kinostunden zu schaffen, die von den üblichen Beziehungskisten qualitativ Lichtjahre entfernt sind… ja, dann versteht man, dass es nach der Berlinale-Premiere hier den neu geschaffenen „Regiepreis Ludwigshafen“ gab. Freilich, die „romantische Reise“ durch Europa, die von der Werbung schon wieder postuliert wird (womit man dann ein falsches Publikum anlockt), ist es glücklicherweise nicht. Dazu hat Weingartner seine beiden Protagonisten als viel zu problematisch und beziehungsgeschädigt hingestellt.

Zwei 24jährige treffen auf einander, sie nimmt ihn mit, das Wohnmobil ist groß genug, sie streiten auf Anhieb (das Thema Selbstmord ist auch sensibel), sie wirft ihn wieder hinaus. Das an sich so logisch fließende Drehbuch von Weingartner leistet sich nur zwei Gewaltsamkeiten, die eben „Kintopp“ sind – dass Jan bei der nächsten Station gerade zurecht kommt, um Jule vor einer Vergewaltigung zu retten (so kann man die weitere Reise vertrauensvoll gemeinsam machen); und dass sie am Ende von dem Kind erlöst wird, das ja als Problem kaum zu bewältigen gewesen wäre. Aber Kino ist nicht Wirklichkeit, es muss auch erlaubt sein, sich zu helfen, wenn man eine Geschichte erzählen will.

Und es ist eine Geschichte, die durch Dialog bestritten wird. Zwei junge, intelligente, gebildete Menschen reden. Abgesehen von ganz wenigen Nebenfiguren, die gar keine Rolle spielen, ist man den Film hindurch mit ihnen allein – und ganz zuhause. Sie haben nämlich etwas zu sagen, und dass sie absolut nicht immer einer Meinung sind, macht die Sache umso lebendiger.

Zuerst geht es um Politik – sie als idealistische Linke, die aus ehrlichem Herzen gar nicht genug über den Kapitalismus fluchen kann, er als nüchterner Darwinist. Sie glaubt an Kooperation der Menschen, er an Konkurrenz. Aber deshalb muss man sich ja nicht den Schädel einschlagen. Schritt für Schritt wächst die – lange Zeit sexlose – Zweisamkeit im Bus. Sie fährt nach Portugal, da liegt Spanien am Weg. Sie bleiben zusammen, reden nach und nach mehr über Persönliches und Grundsätzliches in der so schwierigen Beziehungswelt zwischen Sex, Liebe und Partnerschaft.

Freilich, wenn sie dann beginnen, einander gewissermaßen zu psychoanalysieren (weil, wie richtig festgestellt wird, der Mensch das einzige Wesen auf der Erde ist, das ununterbrochen über sich nachdenkt), wenn dann weltweise Erkenntnisse über Beziehungen geäußert werden, dann verdickt sich der Dialog gelegentlich ins Kitschige, ins Geschwollene, ins Triviale. Aber man erträgt es.

Die Diskussionsrunde wird auch mehr und mehr zum „Urlaubsfilm“, die beiden reisen wie ein beliebiges glückliches junges Paar, sie kochen, essen Eis, besichtigen Klöster und Kirchen, schwimmen im Meer, gehen essen, gucken in Landkarten (es ist hübscher, da die Köpfe zusammen zu stecken, als auf das GPS im Handy zu starren…). Vorbei ziehen in landschaftlicher Schönheit Frankreich und Spanien, wo er sich scheut seinen Vater zu sehen und darauf verzichtet. Schließlich ist man an Jules Endziel, wo sie sich mit ihrem Freund Alex auseinander setzen muss – wir kennen ihn nur per Telefon, er hat sich in der Krise nicht bewährt, wir erfahren nichts von der finalen Auseinandersetzung. Und wissen doch, wie’s ausgeht…

Selbst wo der Film dramaturgisch oder im Dialog ein wenig zu schlittern beginnt, passiert nichts Schlimmes, denn die absolute Authentizität der Darsteller trägt alles und ist die unschlagbare Stärke der Geschichte. Mala Emde hat man schon in der Titelrolle von „Stella“ gesehen, das missbrauchte junge Mädchen in Julian Pölslers Verfilmung des Haushofer-Romans. Der blonde Anton Spieker ist bislang vor allem ein Fernsehgesicht. Beide steigen dermaßen in die Figuren hinein, dass jegliches „Spielen“ ausgeschlossen scheint – so viel Selbstverständlichkeit hat man lange nicht auf der Leinwand gesehen. Auch nicht so viel Ernsthaftigkeit. Und, sagen wir’s, wie es ist: auch nicht so viel Niveau. Ein Glücksfall.

Renate Wagner

 

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