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3 TAGE IN QUIBÉRON

06.04.2018 | FILM/TV, KRITIKEN

Filmstart: 13. April 2018
3 TAGE IN QUIBÉRON
Deutschland   / 2018
Regie: Emily Atef
Mit: Marie Bäumer, Birgit Minichmayr, Robert Gwisdek, Charly Hübner u.a.

Die „drei Tage“ in dem bretonischen Küstenort im Jahr 1981 gab es wirklich: Romy Schneider war wieder einmal in das dortige Sanatorium gegangen, wo betuchte Suchtkranke in eleganter Umgebung behandelt wurden. Und sie hat dem „Stern“-Journalisten Michael Jürgs damals ein Interview gegeben. Dass Romys Sohn kurz darauf starb, sie selbst weniger als ein Jahr nach ihm, hat den Autor mit Buchpublikationen bekannt und vielleicht auch reich gemacht. Jedenfalls ist er ihr dicht an den Leib gerückt, stellenweise auch unter die Haut. Romy Schneider, ein zerfallenes Geschöpf, hat sich damals – zur hechelnden Neugier der Mit- und Nachwelt – preisgegeben.

Warum ist der Film, den Regisseurin Emily Atef drehte, dem folgend, was Jürgs berichtet hat, nicht peinlich? Der Journalist damals war mit seinen Fragen penetrant und unverschämt. Die Regisseurin ist es nicht. Man spürt echtes Interesse und Anteilnahme an dieser Existenz. Es ist eine Suche nach Romy. Sie scheint gelungen.

Gelungen, weil man Marie Bäumer hatte, die dem Vorbild manchmal buchstäblich „zum Verwechseln“ ähnlich ist, die auch ihren Sprachduktus täuschend nachahmt, die sich die gequälte Seele aufreißt, aber nie das Gefühl vermittelt, Romy spekulativ auszustellen – nicht in den Interview-Szenen, nicht in jenen mit der Freundin, nicht in denen, wenn sie durch das nächtliche Quiberon zieht.

Das Drehbuch der Regisseurin schafft es, nicht einförmig zu sein. Romy wird in ihrem Hotelbett in Quiberon gestört – ihre Freundin Hilde kommt an. Es handelt sich vermutlich um eine Umformung von Romys noch am Leben befindlicher echter Freundin Christiane Höllger, die vielleicht nicht auf der Leinwand erscheinen wollte. „Hilde“ ist in Gestalt der zurückhaltenden, liebevollen, bewusst glanzlosen Birgit Minichmayr jedenfalls eine Hilfe in diesen Tagen am Meer: Romy ist nicht einsam.

Und dann kommen die Herren, die diese Tage in Quiberon ausnützen wollen – der bullige Fotograf Robert Lebeck (Charly Hübner), den Romy gut kennt, sehr mag und der die besten Bilder von ihr macht. Und der „Stern“-Journalist Michael Jürgs (Robert Gwisdek), der für gnadenlosen Boulevard steht und Fragen stellt, für die ihn jede normale Frau ihn hinauswerfen würde, so privat, so unverschämt, so unter der Gürtellinie. Warum Romy es sich gefallen ließ, sogar antwortete? Warum sie ihre private und auch berufliche Verzweiflung offenlegte? Vielleicht wollte sie ihre eigene Stunde der Wahrheit…

Mit Hilde und den beiden geht sie auch abends durch das kleine Städtchen, gerät in eine Kneipe mit geschlossener Gesellschaft, wo man sie nur bleiben lässt, weil man sie erkennt (Stichwort: „Sissi“) und wo sie mit den Einheimischen mit der Selbstverständlichkeit einer Französin fraternisiert. (Es ist ein Vorzug, dass Marie Bäumer in Frankreich lebt und die Sprache wirklich beherrscht, so wie Romy es tat.)

Sonst? Telefonate mit Sohn David, der damals noch lebte und vor denen sie sich am liebsten drückte. Ärger mit Hilde, die abreisen wollte. Alkohol, Tabletten und eine Zigarette nach der anderen, was natürlich streng verboten war – und immer wieder driftet sie bis in Bewusstlosigkeit ab. Psychisch instabil bis ins Exzess. Zuletzt ein morgendlicher Spaziergang auf den Klippen, ein (absichtlich?) verstauchter Knöchel…

Dann sind die drei Tage vorbei, Madame Schneider reist ab, liest in Paris das Interview, lässt es zu, wie es ist. Sie ist es müde, irgendjemandem etwas vorzumachen. Und man geht aus dem Kino in dem Gefühl, der echten Romy begegnet zu sein. Man kannte sie in Rollen, nun meint man tatsächlich, sie selbst kennen gelernt zu haben. Die bedauernswerte Frau, die wieder einmal beweist, dass Ruhm nicht unbedingt glücklich macht.

Renate Wagner

 

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