Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

3. MÄRZ 2026 – DIENSTAG

03.03.2026 | Tageskommentar

nabucco 71hmnpznaml. sl1400 ~1

Nein, Anna hat nicht gesungen!

WIEN / Staatsoper: 
NABUCCO von Giuseppe Verdi
2, März 2026
89. Aufführung dieser (schrecklichen) Inszenierung

Anna Netrebko ist wohl jene Sängerin, deren Auftreten blitzschnell für das „ausverkauft“ von Wiener Staatsopern-Vorstellungen sorgt. Sie ist auch enorm fleißig, präsentiert immer neue Rollen. Die Abigail war in Wien allerdings schon vor Jahren angekündigt, wurde dann aber abgesagt. Mittlerweile hat sie die Rolle einige Male gesungen, u.a. in Berlin und in Verona in einer seltsamen, aber interessanten „Weltraum“-Version des „Nabucco“. Für ihr Debut an der Wiener Staatsoper konnte man ihr nur die extrem öde, einfallslose Inszenierung von Günter Krämer bieten, aber was soll’s, Inszenierungsärger jeder Art ist man gewöhnt.

Nun hörte man vom Wiener Abigail-Debut der Anna Netrebko vor vier Tagen Unterschiedliches, durchaus Begeisterung in manchem Journal, aber auch Einschränkendes – wäre es möglich, dass es sogar Unmutsäußerungen gegeben haben soll? Jedenfalls war man entsprechend neugierig auf die zweite Vorstellung.

Dass Anna Netrebko „beleidigt“ absagen würde, war nicht zu erwarten, mutig war sie immer, sonst hätte sie all die Attacken, die nach dem Überfall Russlands auf die Ukraine auf sie abgefeuert wurden, nicht so verletzungsfrei überstanden. Also machte man sich wohlgemut in die Staatsoper auf, kein Hauch von Unruhe hier, kein rosa Umbesetzungszettel beim Abendplakat, das Publikum strömte erwartungsvoll  in Scharen ins Haus.  Man kauft den 2 Euro Programm-Zettel, der Anna Netrebko als Abigail anführt. Dann zum Lift, um festzustellen, dass der auf der rechten Seite  nicht funktioniert. Durchgewurstel durch den lebensgefährlichen engen Buffet-Bereich unten, um zu erkennen, dass sich vor dem anderen Lift Menschentrauben gebildet haben. Also zu Fu0 bis zur Galerie hoch, was nur sportgestählten Opernfreunden Freude machen wird.

Warten auf die Vorstellung. Doch dann… Die Beleuchtung kündigt den „Vor dem Vorhang“ vor der Vorstellung an. Ein Herr, den ich für Bogdan Roscic halte (die Galerie ist ja doch sehr hoch), aber einer der Lang-Brüder ist (wie mir eine Freundin später sagt),  tritt vor und erzählt uns, was für einen schrecklichen Tag man in der Oper gehabt habe Stundenlang mit Anna Netrebko, die schon bei der ersten Vorstellung gesundheitlich angeschlagen war, darum zu bangen, ob sie abends die Abigail singen kann. Am Nachmittag war denn klar: ausgeschlossen. Immerhin dürfte man schon rechtzeitig Eliška Weissová aus Prag herbeigeordert haben, die nun als „Retterin“ fürchterlich zum Handkuss kam.

Denn zumindest der Stehplatz empfand die Methode des Direktors, eine Umbesetzung, die seit Stunden bekannt war, erst in buchstäblich letzter Minute anzukündigen, als indiskutabel  – viele „Stehplatzler“ hätten sich den Abend mit einiger Sicherheit geschenkt, hätten sie das gewusst. Und die Rache war fürchterlich .

Nun wird kein Opernfreund, der ein bißchen Ahnung vom Metier hat, das Einspringen unterschätzen (zumal, wenn man von einer Stadt zur anderen dafür hetzt). Die Abigail ist auch keine Partie, die jede Sängerin kann, und selbst wenn, hat man sie vielleicht nicht ganz parat. Und wenn man dann auch selbst vielleicht wetterbedingt nicht in bester Form ist… Was soll man sagen? Selbst die allerheiserste Netrebko hätte vermutlich nicht schlimmer geklungen als Eliška Weissová, und vor allem der Galeriestehplatz tobte mit Buh-Rufen in ihre Arie im zweiten Akt hinein, so dass man sich wie in der italienischen Provinz fühlte, wo diese Temperamentsausbrüche noch eher üblich sind.

Die Sängerin bewies bewundernswert Nerven, ging nicht weinend von der Bühne ab (wie Sharon Stone vom Opernball), sondern hielt durch, sang allerdings nicht mehr alle Noten, was egal war, denn die Leistung war… na ja, wenigstens im zweiten Teil des Abends, wo sie durch die Rolle segelte, halbwegs erträglich. Halbwegs. Halb halbwegs. Das Haus war jedenfalls zum Schlachtfeld geworden,

…..

Held des Abends war Marco Armiliato am Pult, der einen so differenzierten, dabei spannenden und klangschönen Abend zauberte, sodass man ihm und seinem Orchester rundum bessere Bedingungen gewünscht hätte.

Was bleibt als Erkenntnis? Die Dame neben mir, die nach ein paar Minuten Abigail-Tönen hörbar geknurrt hatte „Ich geh‘ in der Pause“, tat dies auch und war nicht die Einzige (schon in der ersten Lichtpause gab es Abwanderungen). Der wütende Stehplatzbesucher hinter mir auf der Galerie, der „Geld zurück!“ brüllte, hatte so unrecht nicht. Und der Direktor, der das Publikum düpiert hat?

Bogdan Roscic, der sich selbst für viele Leute  schon mit seinem „Schwein“-Plakat aus dem Spiel genommen hat, sollte vorsichtig sein und sein Blatt nicht weiter überreizen. Der Fall Hinterhäuser (sein Bruder im Geist) zeigt nämlich, wenn sich Feinde entschlossen zusammen rotten, dann reicht jeder Vorwand, um jemanden zu Fall zu bringen…

https://onlinemerker.com/wien-staatsoper-nabucco-10/

 

00 26238 1500x644px taw2526 hauptope crn 9 loperaseria~1

Wien / Musiktheater an der Wien: L’OPERA SERIA

Mit einer vergessenen Buffa des gleichfalls vergessenen Komponisten Florian Leopold Gassmann konnte das MusikTheater an der Wien dank der brillanten Regie von Laurent Pelly einen hoch vergnüglichen Abend bieten, der auch von der Kritik wohlwollend aufgenommen wurde.

02 l'opera seria c(c) werner kmetitsch 12~1

Bis die Opernwelt zusammenkracht!
Florian Leopold Gassmanns „L’opera seria“ amüsiert nach 257 Jahren wieder die Wiener. Eine laut akklamierte Koproduktion mit der Mailänder Scala macht es möglich

https://www.krone.at/4062680

Der Impresario ist immer der Esel
Es ist mehr als eine Parodie auf eine Spielart der Oper, die damals gerade gründlich aus der Mode gekommen war. Ranieri de‘ Calzabigi hatte sieben Jahre zuvor das Libretto für Glucks Orfeo ed Euridice geschrieben. Jetzt war er der Librettist von Florian Leopold Gassmanns Opernsatire L’opera seria https://www.drehpunktkultur.at/index.php/rest-der-welt/oesterreich/der-impresario-ist-immer-der-esel

Die Oper auf die Schaufel genommen:
„L’opera seria“ im Theater an der Wien Eine Ausgrabung, die Freude macht: Florian Leopold Gassmanns Genre-Satire sorgt im Theater an der Wien für Lacher https://www.derstandard.at/story/3000000310619/die-oper-auf-die-schaufel-genommen-lopera-seria-im-theater-an-der-wien

L’opera seria“, Theater an der Wien,
Premiere Das Theater an der Wien hat den Februar mit einer vergnüglichen Opernparodie von Florian Leopold Gassmann ausklingen lassen. „L’opera seria“ nimmt nach allen Regeln der Kunst die Opera seria und den Opernbetrieb auf die Schaufel. Die Premiere war vorzüglich gearbeitet und ein voller Erfolg.

http://www.operinwien.at/werkverz/gassmann/aseria.htm

 

haydn ccn~1

Wien / Konzerthaus: Joseph Haydns „Messe in Zeiten des Krieges“,

Keiner schreit lauter nach Frieden wie Haydn in dieser Messe

Das Wiener Kammerorchester spielte am Wochenende Haydns „Messe in Zeiten des Krieges“, am Sonntag zumindest leidenschaftlich und teils ordentlich gesungen.

Als zufällig hochaktuell stellte sich die Wahl des Wiener Kammerorchesters heraus, Samstag- und Sonntagabend die „Paukenmesse“ im Konzerthaus zu spielen – Haydns „Messe in Zeiten des Krieges“. Unter Berufung auf Menschenrechte waren damals Herrscher ermordet worden – und es wütete der Erste Koalitionskrieg schon einige Jahre in Europa als Haydn 1796 aus London in ein sich auf Krieg vorbereitendes Wien zurückkehrte. Die allgemeine Mobilmachung war ausgerufen worden und die Zensur verbot alleine nur die Erwähnung des Wortes „Frieden“, bevor Frankreich und sein aufstrebender General Napoleon nicht besiegt waren. Aber keiner schreit lauter – „Allegro con spirito“ – nach Frieden als Haydn, im Agnus Dei dieser Messe.

https://www.diepresse.com/20641295/konzerthaus-keiner-schreit-lauter-nach-frieden-wie-haydn-in-dieser

 

Salzburg
Neuinszenierung von „Eugen Onegin“
Kritik „Eugen Onegin“ am Salzburger Landestheater: Im Niemandsland der Gefühle  (Bezahlartikel) Warum eigentlich „Eugen Onegin“? Am Salzburger Landestheater steht Tatjana im Zentrum.

https://www.sn.at/kultur/musik/kritik-eugen-onegin-am-salzburger-landestheater-im-niemandsland-der-gefuehle-art-638110

 

brüggemann 025 08 31 um 14.47.05~1

Dass Axel Brüggemann mit Markus Hinterhäuser ein Hühnchen zu rupfen hat, ist bekannt. Darum zählt er nicht – wie etwa  Heinz Sichrovsky – zu jenen Journalisten, die anlässlich von dessen bevorstehendem Abgang in Klagegesänge ausbrechen…

Klassik-Woche: Das Ende der Klassik-Könige!

Willkommen in der neuen Klassik-Woche, heute mit einem Showdown in Salzburg, einem merkwürdigen Vogelfänger, mit Zoff um Karajan und endlich einer neuen Podcast-Folge von Takt&taktlos. 

https://backstageclassical.com/das-ende-der-klassik-koenige/

 

 wagner richard

Ausstellung in Graupa bei Dresden:
Richard Wagner und das Judentum
Der Komponist Richard Wagner war ein Antisemit. Bis heute ist sein Werk in Israel besonders umstritten. Eine Sonderausstellung zeigt jetzt jüdische Perspektiven auf den Musiker.

https://www.sueddeutsche.de/kultur/ausstellungen-ausstellung-richard-wagner-und-das-judentum-dpa.urn-newsml-dpa-com-20090101-260302-930-756235

 

 rembrand cest afp

Amsterdam: Neues Rembrandt-Gemälde entdeckt

Spektakuläre Entdeckung in den Niederlanden: Kunstexperten des Rijksmuseums in Amsterdam haben das Gemälde “Vision von Zacharias im Tempel” eindeutig dem niederländischen Meister Rembrandt zuordnen können. Das Museum teilte am Montag mit, dank fortschrittlichster Scanner-Technik und Stilanalysen hätten die Wissenschafter nachgewiesen, dass das Gemälde aus dem Jahr 1633 ein echter Rembrandt sei. Als Langzeitleihgabe soll es nun ab Mittwoch im Rijksmuseum ausgestellt werden.

https://www.vol.at/neues-rembrandt-gemaelde-entdeckt/10021973

Renate Wagner

___________________________________________________________________________

CD „CHAOS“ – CHAOS STRING QUARTET spielt Musik von Haydn, J. S. Bach, Rebel, Ligeti, Schnittke und Beethoven; Solo Musica

Musikalische Visitenkarte als Zustandsortung der Welt

unbenannt

Das Chaos in der Musik als amorpher Beginn von Gottes Schöpfung oder Teil des Zyklus „Les Élements“ ist uns durch die Kompositionen von Joseph Haydn und Jean-Féry Rebel ein Begriff. Allerdings als Orchestermusik. In den Arrangements für Streichquartett gewinnen beide Klangwerdungen scheinbarer Unordnung an Kühnheit und messerscharfer Artikulation.

Aus gestaltlosen Urmassen formt sich das Universum. Chaos kann – durchaus auch politisch verstanden — einen Übergang zu neuen Ordnungen bedeuten. Es gibt Chaosforschung und sogenannte Schmetterlingseffekte: Geringste Änderungen von Anfangsbedingungen in deterministischen, nichtlinearen Systemen, die klaren mathematischen Regeln folgen, können äußerst empfindliche Konsequenzen für den Verlauf im System führen. Wetter- oder Kapitalmarktentwicklungen gehören etwa dazu. Das Quartett versteht Chaos „als Schöpfung selbst, als Ausgangspunkt von allem. Diese Idee prägt ihr musikalisches Schaffen, in dem raffiniertes Ensemblespiel auf feurige Energie und Abenteuerlust trifft.“

Das 2019 in Wien gegründete Chaos Quartet mit Susanne Schäfer (Violine), Eszter Kruchió (Violine), Sara Marzadori (Viola), und Bas Jongen (Cello) widmet sich in seinem Album „Chaos“ den Phänomenen der Musik aus mythischem Urgrund und in Zusammenhang mit allen Elementen in freiem Zusammenspiel. Dabei mischen sie Barockes (Bach, Haydn, Rebel, Rameau) mit Klassik (Beethoven) und klassischer Moderne (Ligeti, Schnittke), hochemotional wach auf die Spitze getrieben. Der zeitgenössische ungarische Komponist Samu Gryllus sorgt für die Grundlage zu improvisierten Interludien, welche die einzelnen Programmpunkte locker verbinden.

Experimentelles und Avantgardistisches reizen das Chaos String Quartet ebenso wie unerwartete, schrill aufeinanderprallende Klangvisionen und vielleicht als schräg empfundene musikalische Kombinationen. So sind kaum extremere Kontraste als zwischen György Ligetis karstig schroffem zweiten Streichquartett und Jean-Philippe Rameaus höfischer Ouvertüre zur Zauberoper „Zaïs“ (1748) denkbar. Bei ersterem flackern und knirschen Klangflächen aufeinander, scheinen Insekten ihre Antennen zu rupfen, zu flüstern und raunen, bevor sie im Nichts vergehen, während bei Rameau ein Geisterkönig märchenhaft die Unordnung besänftigt. Dazwischen interessieren sich die „Chaoten“ für die verstörend multiplen Wirkungen von Kontrapunktik am Beispiel von Bachs „Die Kunst der Fuge“ und Beethovens “Großer Fuge“.

Was wirklich anders ist und einen spannenden Einblick in Interpretationsmöglichkeiten je nach Lichteinfall und Annäherungswinkel erlaubt, ist die mit dem Begriff Chaos verwobene DNA-Programmatik des Quartetts, die uns Bach und vor allem Beethoven höchst faszinierend in völlig ungewohnter Umgebung begegnen lässt. Auch geht das Chaos Quartet im neuen Album bis an die Grenzen dessen und darüber hinaus, was klanglich mit einem Streichquartett assoziiert wird. Neben Vokalisen sind das Pfeiftöne, Quietschen und nicht näher zuordenbare kosmische Geräusche. Das vibratoarme Spiel, à la historisch informiert, verstärkt in den Transitions A bis E noch einen bisweilen Elektro imitierenden Sound.

Fazit: Ein hochgradig präzises und zartforsches Album von suchenden Formgebern und wagemutigen Klangbildhauern. Wenn man die skurrilen Fotomontagen im Booklet als offenkundig ironische Selbstsicht der Vier mit einbezieht, haben wir es zudem mit einem durchaus humorgewürzten Abenteuer zu tun.

Dr. Ingobert Waltenberger

 

 

 

Diese Seite drucken