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3 CD-Box: GEORG PHILIPP TELEMANN: „PARISER QUARTETTE“ – ENSEMBLE BAROCKIN‘; Raumklang

24.05.2026 | cd

3 CD-Box: GEORG PHILIPP TELEMANN: „PARISER QUARTETTE“ – ENSEMBLE BAROCKIN‘; Raumklang

baroki

Telemann als europäischer Innovator: Norddeutsche Polyphonie, italienische Bravour und Pariser Nonchalance

Das vorliegende Album enthält die Quadri á violino, flauto traverso, viola di gamba o violoncelle e fondamento (Hamburg 1730) sowie die Nouveaux Quatuors en six suites á une flûte traversière, un violon, une basse de viole, ou violoncel, et basse continue (Paris 1738).

Wie schon an den Sprachen der originalen Titel erkennbar wird, sind die beiden Zyklen unterschiedlichen Ursprungs und ihrem Wesen nach auch verschiedenen Umfangs. Die „echten“ Pariser sind fast doppelt so lange (CD 2 und 3). Bis auf das siebensätzige dritte Quartett hat sie Telemann – fünf davon sechssätzig – als Suiten gestaltet. Die Nouveaux Quatuors bestehen u.a. aus typisch französischen Tanzrhythmen wie Gigue, Bourrée, Gavotte oder Polonaise.

Und doch sind beide Zyklen einem einzigen, kreativ aus allen Nähten quellenden Tonsetzer zuzuordnen. Dieser 1681 in Magdeburg geborene Georg Philipp Telemann, lange überwiegend als Vielschreiber verschrien, wird zunehmend neu bewertet. Kein Wunder, wenn man sich diese unverschämt blümeranten, für höfische Verhältnisse ganz schön übermütigen Kammermusikwerke für Flöte, Streicher und basso continuo anhört. Nur zwischendurch trüben sich Harmonien als Spiegel unserer Verfasstheit melancholisch ein, ziehen zerklüftetere Gewitterschleier am Horizont auf, ohne sich zu entladen.

Was war und konnte Telemann nicht alles! Die Vielseitigkeit und Wandelbarkeit seines künstlerisch ergiebigen wie lebenstüchtig praktisch veranlagten Intellekts zeigt sich an einer prallen Wundertüte an Fertigkeiten und Funktionen: Telemann war Jurist, Sänger, künstlerischer Leiter der Leipziger Oper, Sekretär und Verwalter, Verlagsgründer, Herausgeber einer der ersten Musikzeitschriften („Der getreue Music-Meister), Konzertveranstalter, Texter, Operndirektor, Organist, Kapellmeister, Konzertmeister, Kirchenmusiker (davon alleine 1.400 erhaltene Kirchenkantaten!), beflissener Schreiber von 36 Opern, vielen Intermezzi, Oratorien, Orchestersuiten, Kammermusik sowie Musiktheoretiker („Neues musikalisches System“). Dazu sammelte er seltene Pflanzen, war ausgesprochen reisefreudig und verfasste nicht weniger als vier Autobiografien. Wer sich näher für das Werkverzeichnis interessiert, dem sei ein Blick in die Website https://www.klassika.info/Komponisten/Telemann/ empfohlen.

Laut Hamburger Telemann-Gesellschaft e.V. ist Telemann mit über 3.600 Werken einer der fruchtbarsten Komponisten ever. Er muss konzentriert und flott (expeditiv nennt man das heute) gearbeitet habe. Telemann konnte sich eines 86 Jahre langen Lebens erfreuen. 75 Jahre davon dauerte die musikalische Schaffensperiode, was ebenfalls zu solch einer schier unübersichtlichen Wertzahl beitrug.

Um ein solches Pensum zu schaffen, braucht es sicher mehr als Fleiß. Das zeigt sich schon an der vorliegenden Box, in der zwei instrumentale Werkfolgen exemplarisch für das kreative Genie Telemanns stehen. Die in Hamburg entstandenen Quartette bestehen aus zwei Concerti, zwei Balletti (=Suiten) und zwei Sonaten. Wie es Kozue Sato, Flötistin des Ensembles Barockin‘, auf den Punkt bringt, „verbinden sie als ein Musterbeispiel des réunion des goûts französische Eleganz, italienische Virtuosität und deutsche Kontrapunktkunst in satztechnisch höchst raffinierter Weise.“

Eine enge Verbindung entwickelte sich im Verlauf der Zeit zur Metropole an der Seine und dem französischen Hof im Besonderen. Dort sorgten Blavet, Guignon, Forqueray und Édouard mit der Aufführung von Telemanns Hamburger Quartetten für einen die ganze Stadt ergreifenden Enthusiasmus.

Telemann war Nutznießer eines ihm zuerkannten königlichen Privilegs für neue Quartette. Und das für nicht weniger als einen heute utopisch wirkenden Zeitraum von 20 Jahren, was sich gleichsam als die Geburtsstunde der Nouveaux Quatuors erwies. Wie sehr diese wundersamen Stücke die Musikwelt beeinflussten, dazu genügt ein kurzer Auszug aus der Liste der Subskribenten: Bach, Pisendel, Fasch, Blavet, Charpentier oder Mondonville, nicht gerechnet einflussreiche Persönlichkeiten des Adels und sonstige musikaffine Amateure.

Die Zyklen bezogen sich in ihrer Abfolge von Tanzsätzen, von Pastoralem, Suiten etc. aufeinander so sehr, dass die Musikgeschichte im 20.Jahrhundert sie kurzerhand als „12 Pariser Quartette“ zusammen dachte.

Das 2011 gegründete Ensemble Barockin‘ eint Musiker aus Russland, Japan und Deutschland. Mit original historischen aus dem 18. Jahrhundert (Violine, Cello) bzw. alten Vorbildern nachempfundenen modernen Instrumenten gelingen dem Ensemble spritzige, rhetorisch höchst lebendige, den Farbenreichtum der Musik ergiebig ausschöpfende Interpretationen. Selbstverständlich sind diesem Meisterensemble Tugenden wie ein knappes Vibrato, eine prononcierte artikulatorische Klangrede bei dennoch stets sonnigen Klangfarben, zudem ein nobel-delikates Ornamentieren zur zweiten Natur geworden.

Spannend ist, wie sehr das spätbarocke Experimentallabor eine sich anbahnende Empfindsamkeit vorwegzunehmen scheint. Der Reiz der Kompositionen wie der Wiedergabe speist sich nicht zuletzt daraus, dass die Flöte in einen permanenten Dialog, geistreichen Austausch mit den Streichern und dem als Stimme aufgewerteten basso continuo tritt. Dabei nutzt Telemann den sehnsuchtsvollen Blick auf ein idyllisches Landleben mit dem Duft grasender Schafherden und allerlei Schäferspielchen als auch die rituell gepflegte höfische Eleganz aristokratischer Salons als die zwei Seiten derselben Medaille.

Als Schlusswort noch einmal Kozue Sato: „Seine Musik atmet Leichtigkeit, Natürlichkeit und Glückseligkeit – Eigenschaften, die auch seine Persönlichkeit prägten. Telemann war ein Genie, jedoch ohne die Schwere und das Pathos, die mit diesem Begriff oft verbunden werden.“

Wie stets beim Label Raumklang, ist das audiophile Element fixer Bestandteil seiner Produkte. Dank der faszinierenden dreidimensionalen Tiefenstaffelung des Kangs, der aufgefächerten Präsenz der Instrumentalisten, dank ihres gleichberechtigten, auf Transparenz bauenden Miteinanders ist die verblüffend spontane Wirkung eines echten Konzerterlebnisses zum Greifen nah.

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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