Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

WIEN/ Volksoper: LADY IN THE DARK von Kurt Weill. Vor-Premiere

14.12.2021 | Operette/Musical
lady1

Ensembleszene. Alle Fotos: Volksoper Wien / Petra Moser

WIEN / Volksoper: Premiere von Kurt Weills LADY IN THE DARK

Besucht wurde die Vor-Premiere am 13. Dezember 2021

Von Manfred A. Schmid

Lady in the Dark von Kurt Weill ist vieles, unter anderem auch ein Musical, und wäre damit doch nur unzureichend beschrieben. In gewissem Sinn ist es wohl d a s Musical, das der große, kürzlich verstorbene Stephen Sondheim immer schreiben wollte, aber nie geschrieben hat. Weil es der große Kurt Weill schon geschrieben hat. 1941! Nicht nur eine kühne Vorwegnahme späterer Entwicklungen, sondern mitunter auch charmant gestrig. Und das macht den besonderen Reiz dieses Werks nach einem Buch von Moss Hart aus. Es gibt kräftige Spurenelemente aus Operette, Swing, Singspiel, Revue, Broadway-Show, und natürlich ist auch des unverwechselbare Weill-Sound allgegenwärtig. Sogar eine kräftige Portion Drama ist darin enthalten: Welcher andere Musicalkomponist hätte es gewagt, sein Werk mit einer langen Sprechtheater-Episode – dem ersten Besuch der Lady beim Psychoanalytiker – beginnen zu lassen und den Großteil der Musik in die Traumsequenzen hineinzupacken, in denen sich die Klientin auf der Couch auf eine Reise in ihre Vergangenheit, bis hin zur traumatisch erlebten frühen Kindheit, begibt? Richtig: Außer Weill wäre so etwas wohl nur noch Sondheim zuzutrauen. Und wie bei diesem ist es die großartige, treffsichere und fein instrumentierte Musik, die das, was auseinanderzustreben droht, schlüssig zusammenhält. Chor und Orchester der Volksoper leisten dabei, unter der schwungvollen Leitung von James Holmes, ganze Arbeit.

lady2

Julia Koci (Liza Elliott), Ursula Pfitzner (Maggie Grant). Johanna Arrouas (Alison du Bois).

Allzu häufig freilich ist dieses Wunderwerk aus der Feder des genialen Kurt Weill und des kongenialen Ira Gershwin, von dem die Liedtexte stammen, auf den Spielplänen nicht zu finden. Der Handlung des am Broadway uraufgeführten „Musical Play“– eine beruflich erfolgreiche Frau, Herausgeberin einer glamourösen Modezeitschrift, sucht bei einem Psychoanalytiker Rat zur Lösung ihrer Selbstfindungskrise – mag in den 40er Jahren des vergangenen Jahrhunderts aufsehenerregend gewesen sein. Gut 70 Jahre später wirkt das Ganze – nicht zuletzt auch wegen der patriarchalisch-paternalistisch angelegten Figur des humorbefreiten Psychoanalytikers Dr. Brooks, besetzt eigenartigerweise mit Hausherrn Robert Meyer – ziemlich überholt. Ein Schicksal, das das Musical im Übrigen mit den 1945 von Alfred Hitchcock gedrehten Psychothriller Spellbound (Ich kämpfe um dich) teilt. Was Hitchcocks Film allerdings bis heute sehenswert macht, ist die schauspielerische Leistung Ingrid Bergmanns, die Gregory Peck ziemlich alt aussehen lässt. Und darin liegt auch die Chance des Musicals Lady in The Dark: Wenn es gelingt, die Figur von Liza Elliott glaubwürdig auf die Bühne zu bringen, dann läuft das Werkel schon fast wie von selbst.  Diese Bedingung effektvoll umzusetzen, ist dem Regisseur Matthias Davids und seinem Team an der Volksoper vollauf gelungen. Hier wird nichts zu hinterfragt, denn die Lösungsansätze, die hier angeboten werden, sind hoffnungslos veraltet. Stattdessen wird mit viel Fantasie und Einfallsreichtum ein buntes, in den musikalisch wie auch thematisch wichtigen Traumszenen von Florian Hurler genial choreographiertes Erfolgsmärchen auf die Bühne (von Hans Kudlich) gebracht. Alle Traumata sind am Schluss gelöst (oder auch nicht). Liza erkennt, dass es bei der Lösung ihres existenziellen Problems – Beruf oder Ehe – ein Sowohl als auch gibt. Ebenso pragmatisch löst sie die Frage, welchen der beiden Männer, zu denen sie sich hingezogen fühlt, letztendlich erwählen sollte: Sie wählt einfach einen dritten, den sie im Grunde ohnehin immer schon geliebt hat, ohne es ihm und sich selbst gegenüber je eingestanden zu haben. Einem Happyend steht damit nichts mehr im Wege. Außer dass sich die beiden, die da endlich zueinander gefunden haben, einander zu ähnlich sind, was dem Gesetz „Gegensätze ziehen sich an“ widerspricht und in weiterer Folge gewiss gehörig viel Konfliktpotenzial in sich birgt. Regisseur Davids deutet das im Schlussbild auch augenzwinkernd an: Charley Johnson, der neue Mann ihrer Träume, der sich immer schon für den Chefsessel prädestiniert sah, landet im Schoß der auf ihrem Chefsessel sitzenden und herumwirbelnden Liza. Ob das denn gutgeht? Diese Frage stellt sich aber ohnehin nicht. Betört von den szenisch wunderbar gelösten Traumsequenzen – ein Höhepunkt ist die Zirkusszene à la Tschaikowski mit dem großartigen Zirkusdirektor Jakob Semotan, der einen zungenbrecherische Litanei russischer Künstlernamen so gekonnt herunterrattert, dass ein Da Capo schon von Vornherein einkalkuliert ist, geht man nach Hause. Vollauf zufrieden, einen in der Tat unterhaltsamen und abwechslungsreichen Abend (Kostüme Susanne Hubrich) erlebt zu haben.

lady3

Ben Connor (Randy Curtis).

Julia Koci ist eine authentische wirkende Liza, der man gerne ihre latente Zerrissenheit zwischen ehrgeiziger Karriere- und Powerfrau und allzu lange unterdrückter Sehnsucht nach einem geglückten Eheleben abnimmt. Fast die meiste Zeit im Einsatz, erweist sie sich als stets präsent und wandlungsfähig. In der (geträumten) albtraumartigen, burlesken Gerichtsszene zieht sie alle Register ihrer vitalen Darstellungskunst und weiß auch stimmlich zu überzeugen. Drei Männer bringen sie an den Rand des Nervenzusammenbruchs und zwingen sie dazu, endlich nicht mehr vor sich selbst davonzulaufen und eine längst fällige Entscheidung zu treffen. Axel Herrig ist ihr soignierter langjähriger Geliebter Kendall Nesbitt, Big Daddy und Big Spender in einen, dessen Ehefrau endlich in eine Scheidung einwilligt und damit Liza gehörig unter Druck setzt. Der von der Damenwelt angehimmelte Cowboy-Darsteller Randy Curtis, der sich in Liza verliebt und in ihr wohl auch eine Art Mutterersatz gefunden zu haben glaubt, ist mit Ben Connor adäquat besetzt, kommt aber über die Klischeehaftigkeit eines eher unbedarften Hollywood-Schauspieler nicht hinaus. Eine vielschichtigere Persönlichkeit verschafft hingegen Christian Graf dem von ihm dargestellten Redaktionsmitglied Charley Johnson, der seit Jahren schon den Absprung plant, weil er seine Karrieremöglichkeiten eingeschränkt sieht und seine Zuneigung zu Liza hinter kränkenden Sarkasmus verbirgt, bis auch er endlich Farbe bekennt und seine Zuneigung offenbart. Profiliert dargestellt sind auch die übrigen Mitarbeiter aus dem beruflichen Umfeld von Liza Elliott: Marie-Christiane Nishimwe (Elinor Foster), Ursula Pfitzner (Maggie Grant) und Johanna Arrouas (Alison du Bois). Das komödiantische Talent Jakob Semotans als Zirkusdirektor/Richter wurde bereits hervorgehoben, er ist aber auch ein köstlicher Redaktionsfotograf. Zahlreiche weitere Mitwirkende aus dem Ensemble wären noch zu nennen, stellvertretend stehen hier Regula Rosin als Miss Bowers/Miss Sullivan und Finn Kossdorff als Laufbursche sowie der Kinderchor und die Kinderkomparserie der Volksoper.

Kurt Weills komplexes, nicht leicht umzusetzendes Musical auf die Bühne der Volksoper zu bringen, ist ein Wagnis, das sich gelohnt hat. Das Haus ist vollbesetzt – gut, es gab reduzierte Preise – und die Stimmung blendend. Begeisterter, lange anhaltender Applaus.

 

 

 

Diese Seite drucken