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CD: GEORG PHILIPP TELEMANN: CANTATAS FOR THE HANOVERIAN KINGS OF ENGLAND – barockwerk hamburg, Ira Hochmann

23.08.2021 | cd

CD: GEORG PHILIPP TELEMANN: CANTATAS FOR THE HANOVERIAN KINGS OF ENGLAND – barockwerk hamburg, Ira Hochmann

Georg Philipp Telemann: Kantaten "For the Hanoverian Kings of England" (CD)  – jpc

Telemannsche Welfen-Musik

Mit seiner neuesten beim Label cpo erschienen Einspielung folgt das barockwerk hamburg unter der musikalischen Leitung seiner Gründerin Ira Hochmann weiter seinem Ziel Musik aus dem Barockzeitalter wiederzuentdecken und zu neuem Leben zu erwecken und dabei aus der reichen hamburgischen Musik-Tradition des 17. und 18. Jahrhunderts zu schöpfen. Eingespielt wurden drei der fünf Welfenmusiken Telemanns, ein von zwei erhaltenen Kantaten aus dem sechsteiligen Festtagszyklus zur Hamburger Zweihundertjahrfeier der Augsburgischen Konfession am 25. Juni 1730 sowie eine Kantate der regulären Kirchenmusik, die, noch heute aktuell, Telemann eine Beschwerde beim geistlichen Ministerium Hamburgs einbrachte.

Den während des Siebenjährigen Kriegs (1756-1763) entstandenen Welfenmusiken gemeinsam ist jeweils der Bezug auf den herrschenden englischen König, der in Personalunion jeweils auch Kurfürst von Braunschweig-Lüneburg («Kurhannover») war und in den Kantaten stimmlich von einem Bass repräsentiert wird. In den Werken aus Telemanns später Schaffensphase tritt jeweils die Trompete als königliches Instrument auf. «Bleibe, lieber König, leben» (TVWV 13:21) entstand im Frühjahr 1760, einer Zeit als die Parteien im Siebenjährigen Krieg intensiv nach einer Friedensmöglichkeit suchten (»Schaffe Frieden auf der Erde! Gehe nicht vorher hinweg«), und ist König Georg II. (1727-1760) gewidmet. «Lieber König, du bist tot» (TVWV 4:15) ist die Trauermusik für Georg II., der am 25. Oktober 1760 verstorben war. Telemann datiert seinen Autographen am 19. November 1760. Die Geburtstagsmusik «Großmächtigster Monarch der Briten» (TVWV 12:11) wünscht dem englischen König zahlreiche Nachkommen: gewidmet ist sie Georg III. (1760-1801), dem Enkel und Nachfolger Georgs II. Entstanden ist die Kantate für die Feierlichkeiten am 4. Juni 1761 oder 1762. Allen drei Welfenmusik ist gemeinsam, dass der Komponist die Emotionen von Dankbarkeit, Trauer und Wertschätzung überzeugend in Musik umsetzt.

Die Kantate «Du bleibest dennoch unser Gott» (TVWV 13:9b) ist Teil eines in Telemanns Oeuvre singulären, sechsteiligen Festtagszyklus, der zur Hamburger Zweihundertjahrfeier der Augsburgischen Konfession am 25. Juni 1730 entstand. Von dem im Auftrag der Hamburger Hauptkirchen entstandenen Zyklus auf Texte von Johann Georg Hamann (1697-1733) sind heute nur zwei Kantaten erhalten. Die hier eingespielte Kantate wurden nach der Predigt in St. Kathrinen aufgeführt.

Die Kantate «Gib, dass ich mich nicht erhebe» (TVWV 1:621) für den 23. Sonntag nach Trinitatis des Jahres 1749 brachte Telemann auf Grund ihres damals als skandalös empfundenen Textes eine Beschwerde beim geistlichen Ministerium Hamburgs ein. In der ersten Arie der auf dem Gleichnis von Jesus und dem Zinsgroschen (Matthäus 22, 15-22) beklagt sich der personifizierte Undank über ein zu hohe Abgabenlast an Staat und Kirche, der er am liebsten mit Steuerflucht begegnen würde. Auch wenn das darauffolgende Rezitativ seiner Position gleich die Fürsorge der Obrigkeit gegenüberstellt, war der Text für einen angesehenen Kaufmann Grund genug für eine Klage beim geistlichen Ministerium, die der Nachwelt immerhin einen ganz konkreten Beweis für die Wirkmacht von Text und Musik schuf. Den «Engel-Jahrgang», aus dem die Kantate stammt, komponierte Telemann in den Jahren 1747 und 1748 und teilweise noch 1749. Der Hirschberger Dichter Daniel Stoppe (1697-1747), der Telemann die Texte lieferte, starb zur Jahresmitte 1747 und hatte erst die erste Hälfte des Jahrgangs vollendet. So stammen die Texte für die zweite Hälfte des Jahrgangs von einem unbekannten Pastor aus der Umgebung Hirschbergs (Schlesien, heute: Jelenia Góra). Weder der weit von Hamburg entfernt lebende Dichter noch der Hamburger Telemann realisierten, dass solche Gedanken in der Handels- und Finanzmetropole leicht missverstanden werden könnten. So kam es zum «Skandal». Die Kantate «Gib, dass ich mich nicht erhebe» gehört zur «regulären Kirchenmusik», rund zwanzig Kantaten-Jahrgängen, deren einzelne Werke Sonntag für Sonntag nach festgelegter Reihenfolge in einer der fünf Hauptkirchen Hamburgs gegeben wurden. Mit rund 1600 Werken ist die reguläre Kirchenmusik der grösste Teil von Telemanns Schaffen und in der Sicht des Komponisten auch der Wichtigste.

Die Sopranistin Hanna Zumsande und der Bass Dominik Wörner interpretieren Telemanns Kantaten mit absoluter Textverständlichkeit und wunderbar an barocker Kirchenmusik erprobten Stimmen. Das barockwerk hamburg unter Leitung von Ira Hochman trägt sie dabei auf Händen und begeistert mit kraftvollem Spiel.

Eine wertvolle Bereicherung der Telemann-Diskographie.

23.08.2021, Jan Krobot/Zürich

 

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