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CD „MUSIC OF THE SPHERES“ – AURORA ORCHESTRA; Deutsche Grammophon

Kometen, Meteore, Asteroide oder doch musikalische Raketen?

01.09.2020 | cd

CD „MUSIC OF THE SPHERES“ – AURORA ORCHESTRA; Deutsche Grammophon

Kometen, Meteore, Asteroide oder doch musikalische Raketen?

Das Cover mit stylish geometrisch arrangierter Sonnen- und Mondhälfte könnte so etwas wie ein esoterisch psychedelisches Klangbad erwarten lassen, zumal nicht sofort preisgegeben wird, welche Musik sich wirklich hinter dem intergalaktischen Programm-Motto des neuen Albums verbirgt. Nur Spezialisten wissen, dass das 2005 von Nicholas Collon gegründete, in London beheimatete Aurora Orchestra ein wunderbares Kammerorchester ist, das höchsten Standards gerecht wird. Das Orchester ist zudem für ausgefallene Programme bekannt, gespielt wird im Stehen.

Wer hätte gedacht, dass die CD mit einer (unter den historisch informierten Lesarten) der aufregendsten und spannendsten Interpretationen von Mozarts „Jupiter Symphonie“ startet? Zurückgegriffen wird hier auf ein musikalisches Experiment aus dem Jahr 2014. Da hat das Orchester die g-Moll Symphonie von Mozart live bei den BBC-Proms auswendig vorgetragen. Nun wurde dieser Ansatz zum ersten Mal mit Studiobedingungen erprobt. Es hat sich gelohnt. Das intensive Miteinander, unbeeinträchtigt durch das Starren in (oft schlecht gelernte) Noten, die immense Spielfreude und Energie, die 100%ige Konzentration ausschließlich auf den innersten Kern der Musik lässt diese so oft gehörte Symphonie wirklich abheben wie eine Raumkapsel. Im Weltraum-Originalklang-Gepäck mit dabei sind Naturhörner und Naturtrompeten.

Die Bezeichnung „Jupiter“ für Mozarts Symphonie Nr. 41 in C-Dur stammt von einem Unbekannten und ist nicht nur dem wichtigsten römischen Gott, sondern auch dem größten Planeten unseres Sonnensystems verpflichtet. Was die Musiker und folglich die Marketingleute vom Gelblabel willig aufgegriffen haben. Von Kurt Pahlen stammt folgendes Zitat, das die Klammer der Musik zur Gewalt der Schöpfung gut herstellt: „Hier kann uns Mozart selbst als Gott erscheinen, der nach freiem Willen Sternbilder in der Unendlichkeit des Weltraums schafft, zusammenfügt und lenkt. Die Großartigkeit dieses (4.) Satzes entgeht keinem Hörer; aber sein volles Verständnis erschließt sich nur den Eingeweihten, die diesem vollendeten polyphonen Geflecht, den Stimmen und Themen folgen können.“

Von solchen Höhen aus weitere passende himmlische Klangvisionen zu finden, die Pythagoras Theorie der „Sphärenklänge“ als mathematischem, astronomischem und philosophischem Amalgam gerecht werden, ist gar nicht so einfach. Das Aurora Orchestra wurde bei Max RichterJohn DowlandThomas Adès und David Bowie fündig.

Max Richters „Journey“ (CP1919) macht sich das „Was wäre wenn?“ Prinzip zu Eigen: Wir finden uns entbunden der Schwerkraft in einer Aufwärtsbewegung zu den Umlaufbahnen der Planeten und in völliger Finsternis wieder. Rauf und raus sozusagen. Es gibt Himmelskörper, deren rhythmische Dimension in der Komposition imitiert wird, die sogenannten „Pulsar Planeten“. Sie werden über die Pulsar-Timing-Methode aufgespürt, also über Unregelmäßigkeiten der Puls-Periode. Der Name des Stücks bezieht sich auf den ersten 1967 von Jocelyn Bell Burnell entdeckten Pulsar, der als CP1919 klassifiziert wurde. Dieser Stern, der jede 1,33 Sekunde pulsiert, ist die imaginäre Destination der musikalischen Reise. Gute Fahrt!

John Dowlands „“Time stands still“ aus dem dritten und letzten Liederbuch von 1603 in einem Arrangement von Nico Muhly wird vom Countertenor Iestyn Davies gesungen. Das Liebesgeflüster unterliegt in der vorliegenden Bearbeitung instrumental leicht versetzten Harmonien, was den surrealen Traumcharakter unter Einsatz von Harfe, Celesta und Glockenspiel noch unterstreichen soll.

Thomas Adès kommt mit seinem in der Form eines Triptychons gestalteten Violinkonzert „Concentric Paths“ aus dem Jahr 2005 zu kosmischen Ehren. Geiger, Dirigent und Komponist Pekka Kuusisto ist der Solist, der den ekstatischen und melancholischen Empfindungen auf den wackelnden, dann zunehmend ruhigeren Pfaden der sich mit- und gegeneinander bewegenden Kreise nachspürt. 

Das Album schließt mit einer von John Barber realisierten Version von David Bowies Hit „Life on Mars?“ aus dem 1971 erschienenen Album „Hunky Dory“. Ein Hauch von Pop-Musik in der Aurora-Hemisphäre, gesungen und am Klavier begleitet vom Stern Sam Swallow. Worum geht’s? „You fall in love, you write a love song. This is a love song.“

Beruhigend, dass dieser überwiegend orchestrale Raumflug ohne Hummeln oder Wespen auskommt und mit einem Hymnus an das edelste aller menschlichen Gefühle endet. Irgendwie ist der Höher dann verzückt, aber doch wieder auf der Erde gelandet, ein seliges Lächeln um die Lippen. Falls die Kerze während Max Richters „Journey“ gelöscht worden ist, darf sie nach Eintritt in die Atmosphäre jetzt wieder angezündet werden.

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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