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BERLIN/ Deutsche Oper/ Staatsballett Berlin: FROM BERLIN WITH LOVE I, Ballett-Gala, 2. Abend

29.08.2020 | Ballett/Tanz

Berlin/ Staatsballett Berlin: FROM BERLIN WITH LOVE I, Ballett-Gala, 2. Abend, Deutsche Oper Berlin, 28.08.2020

Endlich wird wieder live getanzt und die Premiere namens FROM BERLIN WITH LOVE I selbstverständlich in der Deutschen Oper Berlin präsentiert. Eine Gala wird geboten, gespickt mit Deutschen Erstaufführungen und einer Uraufführung.

Dass gerade in diesem größten Berliner Opernhaus die Corona-Einschränkungen besonders auffallen, gehört zur neuen Normalität.  Nur 415 Plätze werden aus Abstandsgründen besetzt. Das sieht schon etwas traurig aus, ist aber nicht zu ändern. Da müssen wir alle halt durch, die auf der Bühne und die im Saal.

Dort sind die gesperrten Sitze mit schmalen, blütenweißen Tüchern drapiert ähnlich jenen, die die Keller in feinen Restaurants über dem Arm tragen, wenn sie Wein oder Champagner servieren. Das entfällt derzeit, denn die Gastronomie ist geschlossen und dermaßen elitär ging es dort ohnehin nicht zu.

Immerhin konnten sich die Gäste zuvor bei noch sommerlichen Temperaturen auf dem großen Platz vor dem Opernhaus erfrischen oder in Stimmung bringen. Die ist anfangs noch etwas verhalten, die lange Pause fordert ihren Tribut. Doch schnell gewinnen die Tänzerinnen und Tänzer das Publikum für sich.

Den Anfang macht ein Pas de quatre von Anton Dolin nach einer Choreografie von Jules Perrot, mit Liebreiz und Spitzentanz-Können dargeboten von den vier Solistinnen Jana Salenko,  Elisa Carrillo Cabrera, Yolanda Correa und Ksenia Ovsyanick. In ihren pastellfarbenen Tutus schweben sie trotz Tonbandmusik wie Waldfeen über die Bühne, mal als Solistinnen, mal gemeinsam.

Das ist Romantik in Reinkultur, da tropft sozusagen der Zuckerguss auf eine schon stark gesüßte Torte. Aber sind wir nicht im 21. Jahrhundert? Doch solches gehört halt zur Ballett-Historie, und auch das Publikum mag offenbar dieses Märchenhafte aus vergangenen Zeiten.

Der Beifall prasselt also nach jeder Szene. Eigentlich sollten alle vor dem Applaudieren den im Raum abgesetzten Mund-Nasen-Schutz wieder aufsetzen, hatte vorab Intendant Dietmar Schwarz per Tonband angeraten. Doch das wird bei den sehr großzügig bemessenen Abständen nicht für bare Münze genommen.

Trotz des Beifalls für dieses gerade erlebte Nummernballett zeigen sich die Unterschiede bei dem energischen Solo von Alexander Abdukarimov namens „Look out from the Silence“ sogleich. Auf stockdunkler Bühne agiert er zunächst nur von einer schwingenden Lampe beleuchtet.

Doch mit athletischem Ganzkörpereinsatz und einem vielseitigen Bewegungsvokabular arbeitet sich der junge Tänzer kraftvoll aus der Finsternis ins Licht. Dann aber fällt er wieder zurück ins dunkle Dasein. Er hat den Aufstieg nicht geschafft. Eine faszinierende, durchaus heutige  Parabel, zu Recht belohnt mit Jubel und Geschrei. 

Doch zurück zu den Märchen, und da gibt es halt Klassiker, die nie veralten, weil sie wie „Schwanensee“ auch Inhalt bieten. Genau diesen zeigen Jana Salenko und Marian Walter seit Jahren in Perfektion, nun beim Adagio im zweiten Akt dieser Patrice-Bart-Choreographie.

Zärtlichkeit pur, Hingabe und Begehren, oft schon von diesem Ehepaar gesehen und doch immer wieder sehr berührend und jetzt nun auch stimmungsvoll umrahmt von Violine, Cello und Klavier dreier  Interpreten.

Ein weiteres Ehepaar, zumindest der Mann, ist zum vorletzten Mal zu bewundern: Elisa Carrillo Cabrera und Mikhail Kaniskin, der auf eigenen Wunsch am 29. August verabschiedet wird. Auch Weggefährten werden anreisen.


Staatsballett Berlin mit Elisa Cabrillo Cabrera und Mikhail Kaniskin in Kazimirs Colours. Foto: Carlos Quezada

Der Körper gebiete das, so drückt es der 42Jährige aus, selbst wenn ihm das bei KAZIMIR’S COLOURS trotz der vielen Hebefiguren nicht anzumerken ist. Das Stück selbst wirkt allerdings etwas sperrig. Zum Good Bye wird aber noch einmal als „Onegin“, seiner Glanzrolle, brillieren.

Da in Coronazeiten auch sonstige, miteinander verbundene Paare einen Pas de Deux tanzen dürfen, ist das gleich dreifach im „Sommernachtstraum“ sehr schön zu erleben, einer Arbeit von Heinz Spoerli und fein umspielt durch Klänge von Philipp Glass, die von den 3 Musikern ebenfalls live gespielt werden.  

Doch es sind auch die fabelhaften Soli, die dieser Gala eine besondere Note verleihen und sie über das Alltägliche hinausheben. Polina Semionova ringt nach der Musik von Antonio Vivaldi (aus dem „Stabat Mater Dolorosa“) in CINQUE von Mauro Bigonzetti mit ihrem Schicksal und dem ihres Sohnes Jesus. Sie steht vermutlich unter dem Kreuz und biegt sich, ganz in schwarz gekleidet, vor lauter Schmerz. Auch hält sie sich mitunter den Mund zu, um nicht laut aufzuschreien.

Solches wischt alle gekünstelte Ballett-Lieblichkeit ebenso weg wie die Uraufführung von „Du bist die Ruh“, eine Choreographie  von Andreas Heise. Der Cellist Arne Christian Pelz spielt auf der Bühne sitzend Franz Schuberts wunderbares Lied.

Dennoch tobt Yolanda Correa weiterhin wie innerlich gepeinigt über die Bühne und braucht bis zum Schluss des Liedes, um endlich ihre eigene Ruhe zu finden. Sehr eindrucksvoll. – Das gilt auch für Ksenia Ovsyanick, die den konfuzianischen Begriff M-DAO interpretiert, der in etwa Weg, Straße, Pfad oder auch Prinzip bedeuten kann. Eine in sich leise und geheimnisvolle Choreographie von Yabin Wang.


Dinu Tamazlacaru in Les Bourgeois.Foto: Carlos Quezada

Doch einer gibt sich ganz locker und ist es auch: Dinu Tamazlacaru. Der trägt ein ganz natürliches Lächeln im Gesicht, und genau das dazu passende Stück – „Les Bourgeois“ – hat er sich ausgesucht.

Nach einem Song von Jacques Brel tanzt und torkelt er als Bon Vivant leichtfüßig über die Bühne, um dann zu seinen berühmten Sprüngen anzusetzen. Wie eine Erlösung scheint dieses Stück auf das Publikum zu wirken, das ihm zujubelt und mit Bravi überhäuft.

„Humor ist, wenn man trotzdem lacht“, scheint Dinus Prinzip zu sein.  Nach wie vor kann er jede Menge perfekt ausgeführter Sprünge aneinander reihen, als wäre es die leichteste Übung der Welt.


Variations for four mit Cameron Hunter und Daniil Simkin.Foto: Carlos Quezada

Beim Schlussstück „Variations for Four“, bleibt er wiederum derjenige, der alles mit Schwung und Witz zu Ende bringt. Tadellose Pirouetten steuert Daniil Simkin bei, während Cameron Hunter und Konstantin Lorenz eher auf die virile Karte setzen. Danach Salven der Begeisterung seitens des Publikums und viele Bravi.

Der Bann ist gebrochen, die relativ Wenigen gleichen mit ihrem kräftigen Applaus das Corona bedingte Fehlen der Anderen akustisch aus. Angehängt ist noch ein kurzer Film, der eindrucksvoll das Training der Tänzerinnen und Tänzer sowie ihre Leidenschaft für diesen Beruf zeigt. Erneut Riesenbeifall   

Doch das ist noch nicht alles! Es folgen noch „LAB_WORKS COVID_19“ vom 3. – 5. September in der Komischen Oper und die zweite Staffel  „From Berlin with Love“ vom 18.-20. September in der Berliner Staatsoper. Das Staatsballett Berlin, das auch den plötzlichen Weggang seiner beiden Intendanten verkraften musste, startet jetzt also voll durch.  

Ursula Wiegand

 

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