Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

CD VÍKINGUR ÓLAFSSON spielt DEBUSSY und RAMEAU; Deutsche Grammophon

„Ars longa, vita brevis“: Von Farben und Klängen - ein pianistisches Fest der Sinne

28.03.2020 | cd

CD VÍKINGUR ÓLAFSSON spielt DEBUSSY und RAMEAU; Deutsche Grammophon

„Ars longa, vita brevis“: Von Farben und Klängen – ein pianistisches Fest der Sinne

Manchmal kann eine (freiwillige) berufliche Pause zumindest in der Kunst zu etwas nütze sein. Der isländische Pianist Víkingur Ólafsson verzichtete im Frühjahr 2019 einige Wochen auf Konzerte, weil seine Frau ein Kind erwartete. Das gab ihm die Gelegenheit, alle veröffentlichten Klavierwerke Rameaus zu studieren. Er lernte eine Fülle beeindruckend vielfältiger und einfallsreicher Stücke kennen, die kaum im Konzert und noch seltener auf modernen Instrumenten gespielt werden.

Die Kombination von Klavierwerken Jean-Philippe Rameaus mit ausgewählten von Debussy macht nicht nur deshalb Sinn, weil der französische Impressionist nach einer Aufführung von Rameaus Oper „Castor et Pollux“ von der Musik als so persönlich im Aufbau schwärmte, dass Zeit und Raum aufgehoben wären und Rameau wie ein Zeitgenosse wirke. Ólafsson sieht in beiden Komponisten Revolutionäre, Individualisten und Außenseiter, beide begabt mit einer seltenen Form von unnachgiebiger geistiger Unabhängigkeit – jener Form, die Paradigmen verschiebt. „Nebeneinander gestellt erlauben uns diese Klavierwerke, die köstlichen Widersprüche großer Musik zu genießen. Rameaus unbändige Fortschrittlichkeit wird durch Debussys historisch informierten Sinn für Details und Proportionen beleuchtet und umgekehrt.“ Außerdem haben diese beiden Giganten der französischen Musik den Hang zur Synästhesie sowie eine intensive theatralische und poetische Natur gemeinsam.

Die Verschmelzung sinnlicher Erfahrungen aus verschiedenen Bereiche der Kunst äußerte sich bei Debussy insofern, als er sich nicht nur mit Dichtern und Malern umgab, sondern sich auch von symbolistischer Dichtung bis zu japanischen Holzdrucken von einer Vielzahl an Eindrücken inspirieren ließ. Rameau wiederum interessierte sich wissenschaftlich für die Farben der Klänge und das Licht. Für die Zusammenstellung war Ólafsson zudem wichtig, dass beide Tonsetzer die meisten ihrer auf der CD zu hörenden Kompositionen mit bildhaften bis programmatischen Titeln („Le Rappel des oiseaux“, „Jardin sous la pluie“, „La Poule“, „Les Sauvages“, „L’Égyptienne“ oder „Des pas sur la neige“) versahen, die die Fantasie anregen.

Das nunmehr dritte Soloalbum des Isländers für die Deutsche Grammophon (nach Glass und Bach) startet mit der für Klavier transkribierten Prélude zu Debussys Kantate „La Demoiselle élue“. Wie hier der einsam noch lebende Liebende den Blick seiner gestorbenen Angebeteten vom Himmel spürt, kann als sinnstiftende Parallele zu der CD gesehen werden, wo eine ebenso irreale Konversation zwischen Debussy und Rameau stattfindet.

Dann folgen jeweils Blöcke mit Werken von Rameau (Pièces de clavecin) und Debussy (Estampes, Préludes, Images). Bei Rameau sind es die Vögel, die rufen, oder spottende Dorfmädchen und quäkende Dudelsäcke, die den Ton bestimmen. Debussy kleidet die verregneten Gärten der Normandie in schillernde Farbtöne, in den Ausschnitten seiner Klaviersuite „Children’s Corner“ werden wir akustische Zeugen einer Serenade für eine Puppe und von tanzendem Schnee.

Ólafsson selbst hat das Zwischenspiel “Auftritt der Musen, Zephyre, Jahreszeiten, Stunden und der Künste“ aus Rameaus letzter Oper „Les Boréades“ für Klavier transkribiert. Seine reichhaltigen Harmonien mit Nonen- und Undezimenvorhalten lassen für Ólafsson an den Mahler des späten 19. Jahrhunderts denken. Rameau, den „Newton der Harmonie“, sieht er mit seinen Landszenen generell näher an Schubert als an der Polyphonie Bachs. Der Musiker bezeichnet das Ergebnis seiner Bearbeitung als „The Arts and the Hours“ unter Anspielung auf den Aphorismus „Ars longa, vita brevis“.

Das Album endet – wie könnte es anders sein – mit Debussys „Hommage á Rameau“ aus den Images, erstes Buch, einer respektvollen Verbeugung eines Künstlers vor dem anderen.

Víkingur Ólafsson hat bereits in seinen früheren Alben sein enormes pianistisches Können unter Beweis gestellt. Dieser mit dem Instrument quasi singende Stimmenimitator und Feinmechaniker in Sachen Klavierkunst setzt mit diesem musikalisch mutigen und intellektuell herausfordernden Album neue Maßstäbe. Seine zwischen innerer Freiheit und großer Disziplin angesiedelten Interpretationen atmen eine spezifische Intensität sowie eine unbändige Neugier. Sein neues Album ist jedenfalls auch sein bislang bestes.

Ein Sonderlob gebührt dem Design des Covers, wo der Künstler mit den Fingern kräftige Farben auf eine Glasplatte schmiert, hinter der er selbst wie ein selbstporträtierender Maler mit ernster Miene posiert. Das Motiv wird im Booklet noch variiert. (Fotos Ari Magg). Halt eben ein Maler auf dem Klavier. Wie passend.

Anmerkung: Ólafsson leitet als künstlerischer Leiter das von ihm gegründete Kammermusik-Festival Reykjavik Midsummer Music und seit 2016 das Vinterfest in Schweden.

Dr. Ingobert Waltenberger

 

Diese Seite drucken