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WIEN/ Staatsoper: SIMON BOCCANEGRA

Zwei erprobte Schlachtrösser und ein frisches Liebespaar

26.03.2019 | Oper

Eleonora BURATTO, Amelia und Francesco MELI, Gabriele Adorno   Foto:Ashley-Wr.Staatsoper

Zwei erprobte Schlachtrösser und ein frisches Liebespaar
Simon Boccanegra von Giuseppe Verdi in der Wiener Staatsoper
85. Aufführung in dieser Inszenierung

Montag, 25. März 2019         Von Manfred A. Schmid

Vor zehn Jahren, im Oktober 2009, feierte Placido Domino an der Berliner Staatsoper sein mit Spannung erwartetes Welt-Debüt als Bariton. Ausgesucht hatte er sich dafür die Partie des von persönlichen Schicksalsschlägen und politischen Zwängen zerrissenen Genueser Dogen Simon Boccanegra. Die Wahl war wohl überlegt, denn die Partie des Boccanegra ist – abgesehen von dramatischen Zuspitzungen wie „Plebe! Patrizi! Popolo!“, seinem verzweifelten Schrei nach Frieden und Eintracht – großteils eher lyrisch angelegt. So konnte man den Fachwechsel des Tenors, der ursprünglich sogar als Bariton angefangen hatte und dessen Timbre – trotz der Leichtigkeit beim Erreichen strahlender Spitzentöne – immer schon etwas baritonal eingefärbt klang, durchaus auch als Art stimmige Weiterentwicklung sehen. Von Vorteil ist zudem, dass in dieser Oper Simon Boccanegra für die Titelpartie keine Soloarie vorgesehen ist. Auf Verdis Weg zum durchkomponierten musikalischen Drama tritt hier das Arioso – als musikalisch angereichertes Rezitativ – an die Stelle der traditionellen Arie.

 Inzwischen tourt Domingo in dieser und ausgewählten anderen Baritonrollen durch die Welt. Auch in Wien machte er – in der nun schon zehn Jahre währenden Spielverlängerung seiner Karriere als Bariton – wiederholt Station, u.a. im Juni des Vorjahres als Vater Germont in der Traviata. Da war unüberhörbar, dass seine unverwechselbare Stimme, mit ihrem charakteristischen, metallisch aufgerauten, glanzvollen Klang, an Tragkraft weiter eingebüßt hat. Der stimmliche Erosionsprozess hat naturgemäß nicht aufgehört, was bei einem Sänger von inzwischen (offiziell) 78 Jahren kaum verwundern sollte. Im Vergleich dazu fällt sein Simon Boccanegra in der derzeit in Wien laufenden Aufführungsserie – berichtet wird von der zweiten Vorstellung – dank seiner enormen Bühnenpräsenz und darstellerischen Erfahrung besser aus. Domingo als Boccanegra ist das, was man ein Ereignis zu nennen pflegt: Intensiv in seinen Aktionen als Doge, packend bei der Wiedererkennungsszene mit seiner verschollenen geglaubten Tochter, zu Tränen rührend in der breit ausgespielten Sterbeszene. Die Begeisterung im Publikum ist groß. Was Domingo an Stimmmaterial, Technik und Gestaltungskunst noch immer zur Verfügung steht, ist außergewöhnlich. Aber man darf wohl davon ausgehen, dass die Begeisterung zudem auch gespeist ist aus dem Gefühl unendlicher Dankbarkeit ob vieler in der Vergangenheit erlebter Sternstunden, sowie aus dem Gefühl großer Wehmut heraus. Und das Wiener Publikum ist bekannt dafür, ein treues Publikum zu sein. Das hat es eben erst beim Solistenkonzert des 77-jährigen Leo Nucci unter Beweis gestellt.

Placido DOMINGO als Simone mit Tochter Eleonora BURATTO   Foto:Ashley

Kwangchul Youn ist Boccanegras Gegenspieler Fiesco. Auch seinem mächtigen Bass hat der Lauf der Zeit zugesetzt und wirkt, vor allem an den Stimmrändern, ausgefranst und dünn. Imposant sind seine Auftritte aber weiterhin. Da prallen mit Domingo und Youn zwei erfahrene Schlachtrösser aufeinander, und die Funken von Hass und Vergeltung sprühen noch immer. Wie dann beide über ihre Schatten springen und sich zur Versöhnung die Hand reichen, geht unter die Haut.

Das Liebespaar Amelia und Gabriele Adorno ist mit jungen, stimmsicheren und darstellerisch überzeugenden Kräften besetzt. Um es – anknüpfend an eine inzwischen im Netz aufgetauchte Kontroverse – kurz zu machen: Eleonora Buratto ist tatsächlich sensationell, stellt mit ihrem Sopran fast alles andere in den Schatten, hat keine der Höhe überstrapazierten Stimme und klingt auch in der Mittellage volltönig und weit. Auch Francesco Melis Tenor tönt weder eng noch gepresst, sondern liefert ein leuchtendes Exempel italienischer Gesangskultur. Das Duett „Parla, in tuo cor virgineo“ wird voll Inbrunst gesungen, und wenn in „Perdono, perdono“ auch Domingo einstimmt, ergibt das ein überraschend ausgewogenes Terzett. Buratto und Meli werden zu Recht gefeiert, wobei der Beifall für die Sopranistin etwas stärker ausfällt.

Marco Caria verleiht mit seinem energischen Bariton der Nebenrolle des sinistren Verschwörers etwas mehr Gewicht als üblich, der stets verlässliche Dan Paul Dumitrescu als Pietro, Lukhanyo Moyako als Hauptmann sowie Lydia Rathkolb als Dienerin komplettieren das Ensemble.

Philippe Auguin ist ein treffsicherer musikalischer Leiter der Aufführung, er lässt es krachen, wo es nötig ist, legt sein Augenmerk aber auch auf die von Verdi dem Orchester anvertraute, fein instrumentierte Schilderung des Meeres, dessen Rauschen und Anblick den Protagonisten stets Trost und Erquickung zu bieten scheint. Dem Komponisten Luigi Dallapiccola zufolge handelt es sich dabei um „eines der größten Beispiele von musikalischer Landschaftsmalerei oder Naturlauten, die man in der Geschichte der Oper finden kann“. Wer die Ohren spitzt, kann das an diesem Abend auch nachvollziehen.

Der Jubel ist – erwartungsgemäß – beträchtlich.  Er verdreifacht locker die inzwischen schon gewohnten fünf Minuten Schlussapplaus bei Repertoirevorstellungen. Noch eine Meisterleistung verdient Erwähnung: Der Mann in der ersten Reihe Parkett, der den Hauptdarstellern nach und nach die Buketts über den Orchestergraben hinweg zuwirft, ist ein bewundernswert zielsicherer Könner seines Fachs!

Manfred A. Schmid

 

 

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