20 SA-CD Box Herbert von Karajan & die Berliner Philharmoniker Vol.2 – Live in Berlin 1971-1979; Berliner Philharmoniker Recordings

Ende Februar 2025 veröffentlichten die Berliner Philharmoniker auf ihrem Eigenlabel den ersten Teil einer Herbert von Karajan & die Berliner Philharmoniker live in Berlin Edition, die auf 24 Super Audio CDs hauptsächlich bislang unveröffentlichte Konzert-Mitschnitte aus den Jahren 1953-1969 umfasste. Natürlich wurden die Rundfunk-Originalbänder nach heutigem Standard hochaufgelöst digitalisiert. Das Erlebnis war ein oft verblüffender Eindruck eines im Vergleich zu seinen Studioproduktionen vielleicht weniger perfektionistisch denn spontan unmittelbar mitreißenderen Pultstars.
Nun legen die Berliner Philharmoniker mit einer zweiten Tranche an Live-Aufnahmen aus den Jahren 1971-1979 nach. Auch hier wurden die analogen Tonträger des Rundfunks im Amerikanischen Sektor (RIAS) und des Sender Freies Berlin (SFB) digital in bestmöglicher Qualität aufbereitet. Chronologisch angeordnet, sind sämtliche noch erhaltenen „Lives“ aus Berlin in Stereo, beginnend mit dem Konzert vom 25.9.1971 nachzuhören. Somit ist die Ausschilderung der Edition mit dem Zeitraum 1970 bis 1979 etwas irreführend.
Es ist tatsächlich ein anderer Karajan, der hier im Vergleich zu den früheren „neusachlichen“, oftmals transparent strafferen Aufnahmen etwa der 50-er Jahre zu bestaunen ist. Im Wesentlichen bedeutet das der Legende nach grosso modo einen pompöseren Klang bei weniger kantigen Rhythmen. Dass das letztlich auch ein Klischee ist, beweist nicht nur die elektrisierende, in ihren Steigerungen phänomenale Aufnahme von Stravinskys „Le sacre du printemps“ aus dem Jahr 1977, sondern auch die hochdramatische Attitüde im ‚Trinklied vom Jammer der Erde‘ aus Mahlers „Lied von der Erde“.

Kurioserweise startete Karajan das Konzert vom 25.9.1971 mit Antonio Vivaldi. Wir lauschen einer eigenwilligen, jedoch abseits aller historischen Aufführungserkenntnisse dennoch nicht uninteressanten Wiedergabe der Sinfonia für Streicher in h-Moll, RV 169 „Al Santo Sepolcro“. Karajan ließ sich eben als nachschaffender Künstler nicht wirklich „einfangen“.
Dennoch gibt es objektivierbare Fakten etwa der Programmgestaltung. Bei dem enormen Pensum, das sich Karajan in den 70-er Jahren mit Konzert- und Operndirigaten, Schallplattenaufnahmen, Filmen, Salzburger Festspielen und Regiearbeiten auferlegte, musste er zeitökonomisch arbeiten, etwa bei der Probenarbeit, aber auch letztlich im Hinblick auf die Auswahl des Repertoires. Wo sich einige Lieblingsstücke – erst Recht, wenn man den Gesamtzeitraum der Karajan-Veröffentlichungen 1953 bis 1979 betrachtet – nach und nach immer wieder auf den Programmzetteln fanden.
Auf der gegenständlichen Tranche sind das etwa Anton Bruckners „Fünfte Symphonie“, (31.12.1972, 12.12.1976), Stravinskys „Le sacre du printemps“ (25.9.1971, 25.9.1977) und Mozarts „Jupiter“ Symphonie (8.9.1973, 31.12.1976).
Auf der anderen Seite war es auch in den siebziger Jahren, dass sich Karajan intensiv mit der Wiener Schule, besonders mit Musik von Arnold Schönberg, Anton Webern und Alban Berg im Studio und im Konzert befasste. Auf der Edition sind insbesondere die hochkarätig irisierenden Interpretationen von Schönbergs symphonischer Dichtung nach dem Drama von Maurice Maeterlinck „Pelleas und Melisande“, op. 5 (25.9.1974), Alban Bergs „Drei Stücke aus der Lyrischen Suite für Streichorchester“ (20.4.1975), dessen „Drei Orchesterstücke“ op. 6 (revidierte Fassung von 1929) sowie Anton von Weberns „Fünf Sätze für Streichorchester“, op. 5, Bearbeitung des Streichquartetts (27.1.1979) zu nennen.
Was die Probenarbeit anlangt, bin ich als ehemaliger Chorsänger im Singverein so etwas wie ein Zeitzeuge. Beim „Mozart-Requiem“ etwa in Wiener Musikverein (mit Filmmitschnitt und CD-Veröffentlichung) hat er der Maestro bei der Probe nur wenige knappe Sätze fallen lassen, die Mozarts Genie und die Solisten betrafen. Sonst galt die Devise: Hinschauen und Aufpassen. Auswendig musste jeder seinen Part sowieso können. Hat funktioniert.

Peter Uehling hat zu den vielen Eindrücken, die die Konzerte musikalisch vermitteln, Erhellendes unter der Überschrift „Wunder und Rätsel Karajan„ beigesteuert. „Angesichts der traumwandlerischen Sicherheit, mit der Karajan in den 1970-er Jahren musikalische Verläufe steuerte und klangliche Details zwar formt, aber nie aus dem ganzen Strom herausragen lässt, möchte man vermuten, dass es sich bei vielen Interpretationen um „Flow-Phänomene“ handelt, um absolute Vertiefung und Konzentration, und dass Karajan auf die häusliche Vorbereitung der ihm vertrauten Stücke kaum noch Zeit verwendete, sondern sich voll und ganz auf seine Fähigkeit verließ, durch konsequente Konzentration auf das Wesentliche ganze Symphoniesätze oder Opernakte im Kopf auf ein paar Minuten Dauer zu komprimieren. Damit erreichte er jene interpretatorische Geschlossenheit, die uns heute immer noch und immer wieder zu faszinieren vermag.“
Dieser Ansatz erklärt einiges, aber eben auch nicht, wie Karajan beispielsweise bei Mozarts Symphonie Nr. 41 C-Dur KV 551 „Jupiter“ (8.9.1873) oder Gustav Mahlers „Lied von der Erde“ – Symphonie für Tenor, Alt (Bariton) und Orchester auf Texte nach Gedichten aus Hans Bethges „Die chinesische Flöte“ mit den Solisten Hermann Winkler (Tenor) und der grandios orgelnden Agnes Baltsa (Mezzosopran) zu glühender Spannung und immer wieder intensiv ausdeutender Detailzeichnung fand.
Das Interesse der Box liegt neben manch atmosphärisch mitreißenden Abend an Werken, zu denen Karajan ein besonderes Näheverhältnis bzw. ein schlafwandlerisches Gespür hatte. Hier mögen beispielhaft etwa Jean Sibelius‘ Konzert für Violine und Orchester d-Moll op. 47 (Christian Ferras, Violine), dessen Symphonie Nr. 5 Es-Dur op. 82 und Finlandia (16.10.1976) oder Symphonie Nr. 4 a-Moll op. 63 (28.1.1978) genannt werden.
Wie schillernd klangmalerisch, leider viel zu selten, Karajan Werke des französischen Impressionismus interpretieren konnte, ist im Konzert vom 19.2.1972 mit Claude Debussys „Prélude à l’après-midi d’un faune“ und Maurice Ravels „Daphnis et Chloé“, Orchestersuite Nr. 2, nachzuhören.
Als instrumentalsolistische Partner sind neben dem bereits erwähnten Geiger Christian Ferras, Konzertmeister Leon Spierer in Krzysztof Pendereckis „Capriccio für Violine und Orchester“ (17.2.1974), der französische Pianist Jean-Bernard Pommier in Mozarts „Konzert für Klavier und Orchester“ Nr. 23 A-Dur KV 488 (25.9.1974) oder ebenfalls Konzertmeister Thomas Brandis (Violine) und Ottomar Borwitzky (Violoncello) in Brahms „Konzert für Violine, Violoncello und Orchester“ in a-Moll op. 102 (21.10.1977) zu erleben.
Was mit aber das Wichtigste an vorliegender wie der ersten Edition erscheint: Die nähere Beschäftigung mit diesen Konzerten offenbart, dass jede vorgefasste Meinung und jede idée fixe über Karajan als Dirigent und Musiker zu kurz greift und sich nach intensivem Hören stets aufs Neue in Luft auflöst. In all diesen Konzerten klingt im Gegensatz zu mancher überperfekter Studioeinspielung nichts glatt, steril oder poliert. Die Suggestivkraft Karajans ermöglichte magische Augenblicke der Interpretationsgeschichte, die sich unauslöschlich ins Gedächtnis brennen. Natürlich ist die stupende Orchesterkultur der Berliner Philharmonikern ein weiteres Argument sich diese Box anzuschaffen, auch wenn Karajans klangliche „Grundeinstellungen“, wie Uehling dies beschreibt, „gelegentlich stilistisch starr wirken.“
Die von Thomas Scheibitz gestaltete Hardcover-Box enthält neben den Mitschnitten auf 20 CD/SACD (Hybrid) ein ausführliches Begleitbuch. Außer einem Vorwort der Medienvorständen Philipp Bohnen (Violine) und Olaf Maninger (Solocellist) wird der Musikfreund insbesondere mit hervorragenden Analysen und Essays von Richard Osborne, Peter Uehling („Orientiert am Klang“) und Tobias Möller (Redaktionsleiter der Stiftung Berliner Philharmoniker) verwöhnt, die zusätzlich zur Musik spannenden Lesestoff bieten.

Inhalt der 20 Konzerte gegliedert alphabetisch nach Komponisten:
Johann Sebastian Bach
Brandenburgisches Konzert Nr. 1 F-Dur BWV 1046 (Thomas Brandis, Hansjörg Schellenberger, Burkhard Rohde, Heinrich Kärcher, Gerd Seifert, Dieter Fischer, Philipp Moll)
Brandenburgisches Konzert Nr. 3 G-Dur BWV 1048 (Michel Schwalbé, Léon Spierer, Wolfram Christ, Ottomar Borwitzky, Eberhard Finke, Friedrich Witt, Rainer Zepperitz, Herbert von Karajan)
Béla Bartók
Musik für Saiteninstrumente, Schlagzeug und Celesta Sz 106
Ludwig van Beethoven
Symphonie Nr. 3 Es-Dur op. 55 »Eroica«
Symphonie Nr. 7 A-Dur op. 92
Alban Berg
Drei Stücke aus der Lyrischen Suite für Streichorchester
Drei Orchesterstücke op. 6
Hector Berlioz
Symphonie fantastique op. 14
Johannes Brahms
Symphonie Nr. 2 D-Dur op. 73
Konzert für Violine, Violoncello und Orchester a-Moll op. 102 (Thomas Brandis, Ottomar Borwitzky)
Anton Bruckner
Symphonie Nr. 4 Es-Dur »Romantische« (2. Fassung von 1878/80)
Symphonie Nr. 5 B-Dur
Claude Debussy
Prélude à l’après-midi d’un faune
Antonín Dvořák
Symphonie Nr. 8 G-Dur op. 88
Symphonie Nr. 9 e-Moll op. 95 »Aus der Neuen Welt«
Gustav Mahler
Das Lied von der Erde (Agnes Baltsa, Hermann Winkler)
Felix Mendelssohn Bartholdy
Symphonie Nr. 3 a-Moll op. 56 »Schottische«
Wolfgang Amadeus Mozart
Symphonie Nr. 41 C-Dur KV 551 »Jupiter«
Konzert für Klavier und Orchester Nr. 23 A-Dur KV 488 (Jean-Bernard Pommier)
Sinfonia concertante für vier Bläser Es-Dur KV 297b (Karl Steins, Karl Leister, Gerd Seifert, Manfred Braun)
Modest Mussorgsky
Bilder einer Ausstellung (Bearbeitung: M. Ravel)
Krzysztof Penderecki
Capriccio für Violine und Orchester (Leon Spierer)
Maurice Ravel
Daphnis et Chloé, Suite Nr. 2
Arnold Schönberg
Pelleas und Melisande op. 5
Franz Schubert
Symphonie Nr. 7 h-Moll D 759 »Unvollendete«
Robert Schumann
Symphonie Nr. 4 d-Moll op. 120
Jean Sibelius
Symphonie Nr. 4 a-Moll op. 63
Symphonie Nr. 5 Es-Dur op. 82
Konzert für Violine und Orchester d-Moll op. 47 (Christian Ferras)
Finlandia op. 26
Richard Strauss
Metamorphosen, Studie für 23 Solostreicher
Also sprach Zarathustra op. 30
Ein Heldenleben op. 40
Igor Strawinsky
Le Sacre du printemps
Werner Thärichen
Batrachomyomachia op. 55 (Werner Thärichen, Oswald Vogler, Walton Grönroos, Kammerchor Ernst Senff, Ernst Senff)
Peter Tschaikowsky
Symphonie Nr. 5 e-Moll op. 64
Konzert für Klavier und Orchester Nr. 1 b-Moll op. 23 (Mark Zeltser)
Antonio Vivaldi
Sinfonia für Streicher h-Moll, RV 169 »Al Santo Sepolcro«
Anton Webern
Fünf Sätze für Streichorchester op. 5
Gerhard Wimberger
Plays für 12 Solo-Violoncelli, Bläser und Schlagzeug (Die 12 Cellisten der Berliner Philharmoniker)
Fotos: Berliner Philharmoniker Recordings
Dr. Ingobert Waltenberger

