20 CD-Box: JOSEPH HAYDN: Streichquartette Op. 9, 17, 20, 33, 42, 50, 54, 55, 64, 71, 74, 76, 77, „Die sieben Worte unseres Erlösers am Kreuze“ mit THE LONDON HAYDN QUARTET; hyperion

Gesamtausgabe zum 25-jährigen Jubiläum des London Haydn Quartets: Historisch informierte Lesart auf Originalinstrumenten – feinst ziseliert und extra dry
Das London Haydn Quartet wurde 2000 zu dem alleinigen Zweck gegründet, das innovative und umfangreiche Streichquartettschaffen des österreichischen Klassikers Joseph Haydn zur Gänze und in aller Bandbreite zu erkunden. Dabei wollten die Musikerinnen und Musiker nicht zuletzt erreichen, Haydn aus den „Einspiel- oder Aufwärmprogrammen“ heraus auf die, dem großen Komponisten einzig angemessene exklusive Bühne zu hieven. Und ihn und seine Musik klischeebefreit von altväterlichen Attitüden und Einordnungen zu präsentieren.
Dass Joseph Haydn der eigentliche Schöpfer und experimentelle Intellekt zur Ergründung der Kunstform Streichquartett war, will heute trotz vorhergehender Versuche für diese Besetzung etwa von Ignaz Holzbauer oder Georg Christoph Wagenseil niemand mehr ernsthaft anzweifeln. Die „Gehversuche“ der ‚Divertimenti a Quattro‘ Haydns (op. 1 und 2) nicht mitgerechnet, folgten in den Jahren 1769 bis 1772 rasch aufeinander die opp. 9, 17 und 20. Damit hatte sich eine neue Musikform etabliert, die bis heute nichts von ihrer Faszination für Komponisten inkl. immer neuer Interpretationsvarianten eingebüßt hat.
Das London Haydn Quartet nähert sich dem Kosmos der Haydnschen Streichquartette auf einem Instrumentarium der Entstehungszeit (Darmsaiten). Ihr Ansatz lebt von Transparenz, äußerst sparsam eingesetztem Vibrato und im Vergleich zu anderen Interpretationen wenig ausgereizten agogischen Vortragskontrasten, einer puritanisch ausgewogenen Balance in den Stimmen und glasklarem Strukturbewusstsein.
Von der rhetorisch und artikulatorisch klaren Unterhaltung der vier Instrumente, ob humorvoll oder ernst melancholisch gesetzt, profitieren die polyphon durchsetzten und komplexeren raschen Sätze. Da herrscht eine Luftigkeit bis zu schwebenden Klangmischungen, die einmalig sind. Diese Art der Interpretation bringt es auf der anderen Seite mit sich, dass die in den Tempi besonders langsam angegangenen Sätze in leisen Tönen vornehm flüstern, aber nicht unbedingt spannungsreich, geschweige denn emotional erklingen.
Klanglich genießerisches Musizieren als Wert an sich versagt sich das Ensemble. Einen anderen „Preis“, den das Ensemble mit seiner kompromisslos historischen Vision zahlt, ist, dass der Klang stets schlank, aber auch besonders hell ist. Aus jeglicher klassisch aufgefassten Balance der Stimmen folgt automatisch ein Primat der Violinen. Auch das muss man mögen.
Der beträchtliche Zeitraum der Aufnahmen von 2007 bis 2022 bedingte, dass es außer der Primgeigerin Catherine Manson verschiedene Besetzungen an den Pulten der zweiten Geige (Margaret Faultless, Michael Gurevich), an der Bratsche (James Boyd, John Crockatt) sowie am Cello (Jonathan Cohen, Richard Lester, Joanathan Manson) gibt.
Das 50-seitige Booklet ausschließlich in englischer Sprache enthält detaillierte Original-Beschreibungen des Richard Wigmore zu jedem einzelnen Satz der 57 Streichquartette. Eine Fundgrube.
Fazit: Technisch perfekt und in allen Stimmen austariert, mit allen Wiederholungen nach ausführlichsten Quellenstudien aufgenommen. Was für Puristen des Originalklangs eine Wonne sein wird, könnte auf andere Publikumsschichten, die etwa ein sanglicheres Musizieren und einen wärmeren Streicherklang bevorzugen, asketisch und kontrolliert wirken. Natürlich hängt die Apperzeption von Musik auch von der Verfasstheit und Konzentration des Hörenden ab. So hinterließen etwa die „Die sieben letzten Worte unseres Erlösers am Kreuze“ (Hob. XX:1) bei mir einen in ihrer Schlichtheit intensiv bewegenden Eindruck.
Dr. Ingobert Waltenberger

