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BERLIN/ Komische Oper: SINFONIEKOZERT MIT BERNSTEIN UND BRUCKNER

24.11.2018 | Konzert/Liederabende

Berlin / Komische Oper: SINFONIEKONZERT mit Bernstein und Bruckner, 23.11.2018

 Endlich mal was anderes! Dafür sorgt Leonard Bernstein, dessen 100. Geburtstag in diesem Jahr gefeiert wird. In der Philharmonie dirigierte Gustavo Dudamel kürzlich seinen „Jeremiah“ und ging u.a. damit auf eine Asien-Konzertreise.

Jetzt startet die Komische Oper Berlin ein ganzes Festival zu Ehren dieses US-Musikgenies. Ein willkommener Anlass, die Werke eines in Europa zu wenig Beachteten zu bestaunen und zu würdigen. Nur seine schmissige „West Side Story“ kennen und lieben viele. Die ist ein Dauerbrenner und wurde jetzt an diesem Haus erneut auf den Spielplan gesetzt.

Bernsteins Sinfonien fanden dagegen bislang kaum Eingang in die europäischen Konzertsäle. Hoffentlich ist das jetzt ein Weckruf. Statt ständig Mozart, Beethoven, Brahms, Mahler usw. präsentiert zu bekommen, nun auch mal etwas Frisches aus der Neuen Welt, also Bernsteins „Sinfonie Nr. 2 The Age of Anxiety“, komponiert 1948/49.

Uraufgeführt wurde sie in der revidierter Fassung von 1965 vom russisch-US-amerikanischen Dirigenten Sergei Alexandrowitsch Kussewizki in Boston, dem Bernstein diese Sinfonie gewidmet hatte. Er selbst spielte den Klavierpart, und oft ist es im Verlauf der Mann am Flügel, der die Richtung vorgibt. An diesem Abend macht das ganz fabelhaft Fazil Say, bekannt als Pianist, Komponist und Dirigent.  

Leider passt die Benennung dieser 2. Sinfonie – übersetzt das „Zeitalter der Angst“ – voll ins Heute, wenngleich diese Furcht vielerorts und gerade vor Weihnachten vom Konsum- und Reiserausch überdeckt wird, während woanders die Bomben hageln.

Diese Bernstein-Sinfonie, die sich an der gleichnamigen Monumentaldichtung von Wystan Hugh Auden orientiert, beginnt zart und fast wie ein schubertsches Kinderlied, doch schnell werden die Traumata aus dem gerade beendeten 2. Weltkrieg in den anschließenden sieben Variationen des ersten Teils hörbar.

Deutlich braut sich Unheil zusammen, vor allem in den Seelen der einzelnen, sich verlassen fühlenden Menschen. Dirigent Ainārs Rubiķis, seit dieser Saison der GMD der Komischen Oper, und das engagiert aufspielende Orchester des Hauses folgen Bernsteins Angstträumen, die sich in immer mehr Dissonanzen und Rhythmen-Verschiebungen äußern.

Dieses Sich-Hineinfinden kommt vor allem dem Klagelied und dem ungemütlichen Maskenball im 2. Teil zugute. Zum Höhepunkt wird dort jedoch der jazzige Klavierpart, der etwas an Gershwins „Rhapsodie in Blue“ erinnert. Fay zelebriert ihn mal gefühlvoll, um ihn ein andermal, dem Schicksal der Leidenden Widerstand leistend, in die Tasten zu hämmern. Hier wehren sich die Menschen gegen die Ängste und gewinnen schließlich wieder einige Zukunftshoffnungen.  

Der vehemente Beifall veranlasst Fay zu einer großartigen Zugabe. Er spielt seine eigene Variation von Gershwins „Summertime“, die von 2005 nur für Klavier. Jetzt ist er ganz in seinem Element, bringt jazzig brausenden Liebesjubel und zarte Gefühlsarabesken. Vieles in atemberaubender Geschwindigkeit, aber jeden Ton genau pointierend. Das wird der frühe, mit explodierendem Jubel gefeierte Höhepunkt des Abends.

Oder vielleicht doch nicht? Denn nach der Pause wird die Moderne mit ausufernder Hochromantik konfrontiert. Auf dem Programm steht nun Anton Bruckners „Sinfonie Nr. 7 E-Dur“ WAB 107, ein Riesenwerk voller Hochgefühl auf dem Programm. Für den 60jährigen Bruckner – nach einer Laufbahn als Musiklehrer sowie als Organist in St. Florian und im Dom von Linz – war diese Siebte der Durchbruch als Komponist und wird für Ainārs Rubiķis zum Test seines Könnens. Wie sehr ihm diese Sinfonie am Herzen liegt, ist bald deutlich zu merken.

Das Werk hatte Bruckner König Ludwig II von Bayern gewidmet, der wie er selbst für Richard Wagner schwärmte. Daher klingt bei Bruckner so manches – zumal wenn sich die Klangkaskaden aufrauschen – als würden König Ludwig und Richard Wagner gemeinsam zum Festgottesdienst durch den Dom schreiten.

Aufgrund dessen dominieren die Bläser und das Blech ganz besonders. Sogar 4 Wagner-Tuben hat Bruckner vorgesehen, um den vollsten musikalischen Glanz zu erzeugen. Um es gleich zu sagen: die Bläser des Orchesters präsentieren sich in Hochform. Das gleißt und strahlt wie Weihnachten und Ostern zusammen. Und Ainārs Rubiķis holt alles an Prachtentfaltung bei den zahlreich hineinkomponierten Steigerungen heraus.

Das sehr bekannte, innige Adagio, von Bruckner als „feierlich und sehr langsam“ vorgegeben, hat er – vielleicht in einer gewissen Ahnung – kurz vor Wagners Tod komponiert. Es ist wie ein vorzeitiger Abschied von seinem Idol. Hier hätte ich mir manchmal etwas mehr Wärme und Gesanglichkeit gewünscht.

Doch insgesamt geht Rubiķis kenntnisreiche und temperamentgeladene Interpretation voll in Ordnung. Hier kann er – anders als bei der Begleitung von Opernsängern und –sängerinnen in die Vollen gehen und tut es. Einige applaudieren schon nach dem 1. und dem 3. Satz, dem schwungvollen Scherzo. Doch erst nach dem brillanten Finale – „bewegt doch nicht schnell“ – können alle ihren Jubel äußern und tun es vehement. Rubiķis hat alles gegeben und bedankt sich herzlich bei den Musikerinnen und Musikern, insbesondere und zu Recht jedoch bei den großartigen Bläsern. 

Ursula Wiegand

 

 

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