Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

WIEN/ Staatsoper: LOHENGRIN

Warum so spät, mein lieber Schwan?

23.10.2018 | Oper


Andreas Schager (Lohengrin). Copyright: Wiener Staatsoper/ Michael Pöhn

WIEN/Staatsoper: WAGNERS LOHENGRIN IN NEUER BESETZUNG

Warum so spät, mein lieber Schwan?

23.10.2018

Von Manfred A. Schmid

In der vergangenen Saison kam der aus Niederösterreich gebürtige Heldentenor in der Richard-Strauss-Oper Daphne sowie in der Premierenbesetzung von Webers Freischütz als Max erstmals auf der Bühne der Staatsoper zum Einsatz(warum so spät?),jetzt ist er hier endlich auch in dem Fach zu erleben, in dem er international – jüngst in Paris in Tristan und Isolde – längst Furore gemacht hat: Andreas Schager ist einer der gefragtesten Wagnersänger der Gegenwart und in der Titelpartie des Lohengrin derzeit in Wien zu Gast.

Die personelle Auffrischung – u.a. ist auch die Elsa neu besetzt – tut der krachledernen Wirtshausatmosphäre, in die die Handlung in dieser Inszenierung getunkt ist, gut, weil man sich so gebannt auf die Performance der Neulinge konzentrieren kann und das ärgerliche Drumherum nur noch achselzuckend zur Kenntnis nimmt (Regie Andrea Homoki,Wolfgang Gussmann Ausstattung). Und dann kann man sogar einige inszenatorische Gegebenheiten, so nebenbei, als durchaus gelungen und förderlich erkennen: Dass die Auftritte der großen Chorformationen in der Gaststube räumlich gut geplant und klug aufgeteilt sind, zum Beispiel.Was sich an diesem Abend auf der Bühne tut und was aus dem Orchestergraben kommt, verdient hingegen höchste Aufmerksamkeit und zieht das Publikum bis zum Schlussvorhang in seinen Bann.

Da ist einmal der – oben bereits erwähnte – Staatsopernchor zu nennen, der in dieser Oper so viel zu tun hat wie in kaum einer anderen und seine Aufgabe bravourös meistert, ob es sich nun um kriegsbegeisterte Männerchöre handelt, um sanft-feierliche Ständchen der Frauen zum Hochzeitsfest  oder den vereinigten Jubelchor zur Feier des Königs sowie des Schützers von Brabant. Einen großen Anteil am Erfolg der 18. Aufführung dieser Produktion hat auch die musikalische Leiterin Simone Young. Konstatiert man im von sphärischen Streicherklängen in hoher Lage geprägten Vorspiel zunächst noch minimale Abstimmungsprobleme, so entwickelt sich alsbald ein Klangzauber, der der von Nietzsche beschriebenen„blauen, opiatischen, narkotischen Wirkung“ dieser Musik sehr nahekommt. Fesselnd umgesetzt wird auch das energische, froh und hell gestimmte Vorspiel zum 3. Akt, dessen überbordende Feierlaune das heraufdämmernde tragische Ende zunächst noch einmal vergessen macht.

Kwangchoul Youn ist mit seinem profunden Bass ein stimmgewaltiger, souveräner Heinrich der Vogler – von Indisponiertheit keine Spur. Clemens Unterreiners Rollendebüt als Heerrufer gerät formidabel und unterstreicht seine vielseitige Einsetzbarkeit. Wohltönend, selbstbewusst und von großer Wortdeutlichkeit. Die ausgewiesene Wagnersängerin Petra Lang liefert erneut den Beweis dafür, dass es derzeit wohl kaum eine bessere Ortrud gibt als sie. Die anspruchsvolle Sopranpartie, die in der tiefen Lage zuweilen Mezzodimensionen erreicht, meistert sie mühelos. Dazu kommt ein ausdrucksstarkes Spiel: Sie ist eine mit zauberischen Kräften ausgestattete Intrigantin, die das Handwerk der Verführung und Manipulation, dem sowohl ihr Mann als auch Elsa letztendlich nicht widerstehen können, perfekt beherrscht. Von einschmeichelnden Beteuerungen über das Verabreichen feinster Nadelstiche bis hin zu psychologisch nachhaltigen Aufrufen zur Aktion reicht die Palette ihrer dabei eingesetzten Werkzeuge.


Evgenij Nikitin. Copyright: Wiener Staatsoper/ Michael Pöhn

Die Partie von Ortruds Gemahl und Partner im Intrigenspiel, Friedrich von Telramund, ist einem weiteren Rollendebütanten anvertraut. Evgeny Nikitin verleiht dieser Figur, die oft nur als willenloses Instrument für Ortruds Pläne gezeichnet wird, ein starkes, eigenständiges Profil. Er ist kein Spiel in einem Ränkespiel, sondern einer, der das Heft des Handelns auch selbst in die Hand nehmen kann. Sein Telramund ist auch nicht einfach nur ein Bösewicht, sondern offenbart in seinem Inneren eine zutiefst verletzte, in ihrem Ehrgeiz gekränkte Seele.

Die in Wien bisher nicht in Hauptrollen besetzte, aus Südafrika stammende Sopranistin Elza van den Heever – hier war sie Ännchen im Freischützam Theater an der Wien und Ellen Orford in Peter Grimes an der Staatsoper – feiert ihr Rollendebüt als Elsa, eine Partie, die sie mit Erfolg bereits in Zürich gesungen hat. Sie bringt alles mit, was dafür nötig ist – einen fein timbrierten Sopran und ein beherztes Spiel. Die Elsa der Elza ist eine starke Frau, die aus ihrer Liebesfähigkeit und Liebesbedürftigkeit keinen Hehl macht, ihr fatales Einknicken gegenüber der Verführungskunst Ortruds bitter bereut und trotzdem am Ende sich selbstbewusst hinstellt und die für ihren Bruder bestimmten Insignien der Macht demonstrativ in ihren Händen hält und hochstreckt.

Der lang erwartete Auftritt Andreas Schagers in einer Wagnerpartie in Wien gerät zu einem wahren Triumph. Da passt jeder Ton, jede Stimm- und Stimmungslage, auch die Zeichnung dieser Figur weiß zu berühren. Schagers Lohengrin ist ein formidabler Held, der aber auch zu zarten, kantablen Melodien fähig ist. Seine Gralserzählung ist hinreißend gestaltet und der absolute Höhepunkt der Aufführung. Dass er am Anfang, bei seiner Ankunft in Brabant, hilflos und ratlos, in einem Nachthemd gekleidet, auf dem Boden der Wirtsstube liegt (was für ein dämlicher Einfall der Regie), hat man dann schon längst vergessen, und man sieht auch schon kaum mehr, dass er gleich darauf ständig in Tracht und Lederhose auftreten muss. Ein Musterbeispiel für rascheste Integration eines Migranten? Sei´s drum. An Andreas Schagers bühnenstarker Präsenz prallt derlei ohnehin ab. Was bleibt ist ein richtiges Stimmwunder.

Der Schlussbeifall war für alle Beteiligten groß, es hagelte förmlich Bravorufe. Aber – wie in letzter Zeit häufig zu beobachten – nach rund fünf Minuten war es vorbei. Das mag diesmal mit der Dauer der Vorstellung zu tun haben, die fast viereinhalb Stunden beanspruchte. Aber, wie gesagt, die Applausdauer scheint sich allgemein auf einen Richtwert von fünf bis achte Minuten einzupendeln, auch wenn die allgemeine Begeisterung eigentlich spürbar groß ist und man dementsprechend mehr Nachdruck erwarten würde. Das wären dann Verhältnisse, wie sie z.B. in London schon längst üblich sind. Vielleicht werden wir uns daran gewöhnen müssen.

Ein Tipp: Am 21.11. gibt der Tenor ein Solistenkonzert in der Staatsoper, gemeinsam mit seiner Frau, der Geigerin Lidia Baich, und Matthias Fletzberger am Klavier.

24.10.2018

 

 

Diese Seite drucken