18 CD-Box ALFONS & ALOYS KONTARSKY – Recordings on Deutsche Grammophon

Es waren drei Brüder: Alfons, Aloys und Bernhard Kontarsky. Alle drei wurden Musiker, Pianisten, Pädagogen. Zwei davon beschlossen, ihren Lebensweg gemeinsam als Klavierduo zu gestalten: Alfons & Aloys Kontarsky. Also studierten die 1931 und 1932 im sauerländischen Iserlohn Geborenen zuerst an der Musikhochschule Köln bei Else Schmitz-Gohr, sodann beim lettisch-deutschen Komponisten, Pianisten und Polyhistoriker Eduard Erdmann. Das intellektuell analytische Musizieren dürfte ihnen in die Wiege gelegt sein, dennoch reifte die Sachlichkeit in der Interpretation als auch der für ein Duo so bedeutende Gleichschritt in der pianistischen Technik unter der fürsorglichen musikalischen Anleitung und Aufsicht durch Erdmann zu der erstaunlichsten internationalen Karriere eines Klavierduos überhaupt.
Denn Aloys & Alfons Kontarsky spielten virtuos wie kein anderes Duo zuvor und danach. Dieses Alleinstellungsmerkmal galt auch für die Breite des Repertoires. Sie schufen ein völlig einzigartiges Verständnis der einschlägigen Klavierliteratur von Franz Schubert, Johannes Brahms, Antonín Dvořák, Georges Bizet, Gabriel Fauré, Camille Saint-Saëns, Claude Debussy und Maurice Ravel.
Für ein Schubladendenken eignen sich die Kontarskys nicht! Franz Schuberts „Divertissement á la hongroise“ in g-Moll, D 818 etwa servieren sie mit feinfühliger Präzision, gezielter Pranke, ungarisch-folkloristischem Paprika und Hintersinn. Mit einem Satz: Unsentimental, aber doch voll von Witz und Gefühl, das koboldisch aus der musikalischen Struktur hervorlugt. Grandios.
Was in der künstlerischen Biografie des Gespanns bedeutend ist: Sie vertraten die musikalische Avantgarde mit einem völlig ungezwungenen Eifer, einer stupenden Technik und einer perkussiven Akkuratesse sondergleichen. Das beginnt schon bei den bis heute unübertroffenen Interpretationen von Werken der klassischen Moderne, wie der Sonate für zwei Klaviere und Schlagzeug von Béla Bartók oder dem Konzert sowie der Sonate für zwei Klaviere bzw. der Suite aus der „Geschichte vom Soldaten“ von Igor Stravinsky.
Den Mount Everest der nunmehr auf 18 CDs gebündelten diskografischen Hinterlassenschaft stellen aber die von erzener Energie und gläserner Klarheit zeugenden Wiedergaben der Werke von György Ligeti („Monument. Selbstporträt. Bewegung“), Bernd Alois Zimmermann („Perspektiven“, „Monologe“, „Présence“), Milko Kelemen („Composé für zwei Klaviere und Orchesterguppen“), Oliver Messiaen („Quatuor pour la fin du temps“), Richard Dünser („Tage- und Nachtbücher“) oder Pierre Boulez („Structures“) dar.
Die Verbindung zur Neuen Musik festigte sich bereits Mitte der Fünfziger Jahre, als die beiden kurz vor der Uraufführung von Bernd Alois Zimmermanns „Perspektiven“ unerschrocken einsprangen und siegten. Unzählige zeitgenössische Komponisten ihrer Zeit schrieben für das Duo Werke, darunter Zimmermann, Stockhausen (vor allem Aloys Kontarsky), Ligeti oder Rihm. Allerdings verstanden es die beiden, um das Publikum nicht vor den Kopf zu stoßen, wohl dosiert gemischte Programme zu konzipieren, die raffiniert Klassisches von Mozart bis Brahms und französischen Impressionisten mit den komplexesten Neutöner-Schöpfungen verbanden.
Alfons & Aloys Kontarsky beschränkten sich nicht auf genuine Literatur für zwei Klaviere. Sie führten jede Menge an Arrangements von Orchesterwerken für eben diese Formation auf und auch Trios lagen Ihnen am Herzen. Ein Beispiel für Letzteres bildet etwa die auf der Box präsente Aufnahme von Beethovens „Trio für Klavier, Flöte und Fagott“ in G-Dur (Aloys Kontarsky Klavier, Karlheinz Zoeller Flöte, Klaus Thunemann Fagott).
Eine Besonderheit bildet Camille Saint-Saëns „Karneval der Tiere“, der in sage und schreibe drei märchenhaft ausgeloteten Einspielungen vorliegt. Da liegt der Schalk frei. Wir hören eine Version ohne Worte, die zweite mit Hermione Gingold als englischsprachiger Erzählerin (Text Ogden Nash) und die tollste mit den Wiener Philharmonikern (Cellosolo Wolfgang Herzer) unter der musikalischen Leitung von Karl Böhm mit dessen Sohn Karlheinz Böhm als Sprecher der Texte von Loriot.
Im Web habe ich einen wunderbar pointierten Nachruf des deutschen Komponisten, Pianisten und Dirigenten Steffen Schleiermacher auf Aloys Kontarsky gefunden, der sich auf die Natur des Unterrichtes und die besondere genießerische Ader des Pianisten bezieht: „Ich hatte das Glück, in den Wendewirren 1989/90 ein Semester Student bei Aloys Kontarsky zu sein. Da war er allerdings schon durch einen schweren Schlaganfall stark gezeichnet (Anm: der Vorfall ereignete sich 1983 und lähmte seinen rechten Arm); an eigenes Konzertieren war nicht mehr zu denken. Umso intensiver unterrichtete er: mit Händen und Füßen fuchtelnd, singend, brummend, grummelnd, schimpfend.“ Um kurz darauf zu ergänzen: „Er war ein Feinschmecker ohnegleichen! So bekam ich im Anschluss an die Klavierstunde stets noch Unterweisungen in Brotkunde, Weinlehre, Käsewissenschaft, Schinkenanalyse…“
Letztere Facette fand zuweilen auch in der Musik ihre unverkennbare Handschrift. Wie Peter Uehlung in seinem anschaulichen Aufsatz „Musikalische Universalisten an zwei Klavieren“ betont, legte das Duo auf Konzertreisen nicht nur auf die besten Restaurants Wert, die Aufnahmen der Tänze von Brahms und Dvořák zeigen, „wie liebevoll und kulinarisch“ ihr Spiel sein konnte.“
Dem stimme ich voll zu. Hatte mich die Sonate für zwei Klaviere op. 34b nach dem Klavierquintett op. 34 von Johannes Brahms und besonders dessen „Haydn Variationen“ in der Version für zwei Klaviere in ihrem spannungsgeladenen Run und der gnadenlosen Anschlagsschärfe förmlich von Sessel gehauen, so kann man bei den Walzern, op. 39, und vor allem der „Souvenir de la Russie“ (‚sechs Phantasien über russische Melodien und Zigeunerweisen für Klavier vierhändig‘) von Johannes Brahms die ausgesprochen lust- und temperamentvolle Seite der beiden Musiker entdecken.
28 forschungsfreudige wie intensive Jahre dauerte die künstlerische Partnerschaft der Brüder Kontarsky. Neben Konzerten war das Duo vom Label Deutsche Grammophon ermutigt worden, zahlreiche Werke für die Schallplatte aufzunehmen. So entstanden zwischen 1959 und 1983 die Alben, die nun in der vorliegenden Box zusammengefasst sind. Etliche davon werden nun erstmals auf CD in technisch gemasterter Form angeboten.
Der in Sachen Edition qualitätvoller Boxen und Gesamtpräsentationen der klassischen Sparte von Universal Music umtriebige und unermüdliche Markus Kettner gibt in seinem Exposé „Ein Pianist in zwei Körpern“ Aufschluss über die Arbeit an dieser jüngsten Kontarsky-Publikation: „Grundsätzlich wurde versucht, die ursprünglichen Koppelungen der LPs originalgetreu abzubilden. Es bot sich aber beispielsweise auch an, Miko Kelemens „Composé“, Henri Pousseurs „Mobile“ und Pierre Boulez „Structures“ aus dem Philips Katalog zu ergänzen.“
Darunter fallen auch Live-Mitschnitte von Aloys Kontarsky aus dem burgenländischen Lockenhaus: Johann Schrammels Marsch „Wien bleibt Wien“ sowie eine kauzige Wiedergabe von Mozarts „Sonate facile“, bearbeitet für zwei Klaviere von Edvard Grieg mit András Schiff als prominentem Klavierpartner. Aufnahmen aus dem Katalog von ECM und Koch Schwann (u.a. Stücke für Klavier und Violine von Henri Vieuxtemps mit Alfons Kontarsky) fanden ebenso Eingang in die Box. Die Wiederveröffentlichung von bei der Deutsche Grammophon erschienenen Werken von Karlheinz Stockhausen scheiterte hingegen an den Erben des Komponisten
Besondere Erwähnung verdient das Album mit Mauricio Kagels „1898“ für Kinderstimmen und Instrumente in zwei Sätzen. Dies deshalb, weil es von der Deutschen Grammophon zum 75-jährigen Firmenjubiläum in Auftrag gegeben wurde und von einem Foto aus dem Jahr 1910 inspiriert ist. Das zeigt ein dicht zusammengepferchtes Orchester. Ausgehend von den angebildeten „Strohgeigen“ (Anm.: Geigen ohne Resonanzkörper bis 1920. Die Saitenschwingung der Geige wurde auf eine Membran übertragen und von einem Schalltrichter verstärkt. Ein kleinerer Schalltrichter diente dazu, dem Geiger die Kontrolle seines Spiels zu ermöglichen) sah auch der Komponist Schalltrichter für Geige, Bratsche, Cello und Kontrabass vor.
Fazit: Ein der aufregendsten Boxen mit Klaviermusik der letzten Jahre: Pianistisch fulminant, horizonterweiternd, stilbildend, Brücken zwischen Tradition und Moderne bauend. Uneingerschränkte Riesenempfehlung!
Werke
- Béla Bartók: Sonate für 2 Klaviere & Percussion
- Igor Stravinsky: Konzert für 2 Klaviere; Sonate für 2 Klaviere; Histoire du Soldat-Suite für Klarinette, Violine, Klavier
- Johannes Brahms: Ungarische Tänze Nr. 1-21 für 2 Klaviere; Haydn-Variationen op. 56b für 2 Klaviere; Sonate für 2 Klaviere (arr. Klavierquintett op. 34); Walzer op. 39 für Klavier 4-händig; Souvenir de la Russie op. 151 für Klavier 4-händig; Schumann-Variationen Es-Dur op. 23 für 2 Klaviere
- Claude Debussy: En blanc et noir; Petite Suite; Lindaraja; Cortège et Air de danse; Ballade slave; 6 Epigraphes antiques; Symphonie h-moll für Klavier 4-händig; Marche écossaise sur un thème populaire; Prélude a l’après-midi d’un faune
- Maurice Ravel; Ma mère l’oye; Rapsodie espagnole; Entre cloches; Frontispice
- Antonín Dvořák: Ungarische Tänze Nr. 1-16
- Maurizio Kagel: 1898 für Kinderstimmen und Instrumente; Unguis incarnatus est für Cello und Klavier
- György Ligeti: Monument; Selbstportrait; Bewegung
- Bernd Alois Zimmermann: Perspektiven; Monolog; Presence; Intercomunicazione für Cello und Klavier; 4 Kurze Studien für Cello und Klavier
- Milko Kelemen: Composé
- Olivier Messiaen: Quatuor pour la fin du temps
- Richard Dünser: Tage- und Nachtbücher für Klarinette, Cello, Klavier
- Camille Saint-Saëns: Karneval der Tiere (Version 1 ohne Text, Version 2 mit englischem Text, Version 3 mit deutschem Text von Loriot, Wiener Philharmoniker, Karl Böhm)
- Franz Schubert: Divertissement à l’hongroise g-moll D. 818; Arpeggione-Sonate D. 821 für Viola da gamba und Klavier; Introduktion, Thema und Variationen D. 802 über „Trockne Blumen“ für Flöte & Klavier; Sonate C-Dur D. 812 für Klavier 4-händig „Grand Duo“; Fantasie f-moll D. 940 für Klavier 4-händig
- Ludwig van Beethoven: Trio G-Dur WoO. 37 für Klavier, Flöte, Fagott
- Henri Vieuxtemps: Werke für Violine und Klavier (Ernani-Fantasie op. 29; Bohemienne op. 40 Nr. 3; Rondino op. 32 Nr. 2; Serenite op. 45; Gavotte op. 43 Nr. 4; Hilarite op. 8 Nr. 1; Air Savoyard op. 8 Nr. 4; Lamento op. 48 Nr. 18)
- Henri Pousseur: Mobile
- Pierre Boulez: Structures Livre I
- Georges Bizet: Jeux d’enfants
- Darius Milhaud: Scaramouche
- Gabriel Fauré: Dolly-Suite
- Wolfgang Amadeus Mozart, arr. Edvard Grieg: Klaviersonate Nr. 16 C-Dur KV 545 (mit Begleitung eines zweiten Klaviers)
- Johann Schrammel: Wien bleibt Wien
- Anton Webern: Cellosonate; 3 Kleine Stücke op. 11 für Cello & Klavier
- Iannis Xenakis: Nomos Alpha für Cello & Klavier
- Krzysztof Penderecki: Capriccio per Siegfried Palm für Cello & Klavier
- Earle Brown: Music für Cello & Klavier
- Isang Yun: Gliessees
Dr. Ingobert Waltenberger

