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16 CD-Box: MIKHAIL PLETNEV – The Erato Recordings 1988-2001

05.02.2026 | cd

16 CD-Box: MIKHAIL PLETNEV – The Erato Recordings 1988-2001

Editorische Großtat: Unaufdringlich schillernder Gigant als Pianist, Komponist und Dirigent

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Im Dezember 2025 hat Mikhail Pletnev auf seinem Shigeru-Kawai-Flügel nach zwei Jahrzehnten Absenz ein musikweltbewegendes Album für die Deutsche Grammophon eingespielt. Auf dem Programm: Frederic Chopins Préludes Nr. 1-24. op. 28 Nr. 1-24 und Alexander Scriabin: Préludes op. 11 Nr. 1-24. Ein Album, das als Konzertaufnahme geplant und schließlich zu einer Studioaufnahme wurde. Ein Wunder an pianistischem Wetterpolarleuchten. In meiner Besprechung vom 30.12. habe ich hervorgehoben, dass die atmosphärisch unendlich wandelbaren, in Licht- und Schattenspiele getauchten Wiedergaben aus einem Stück Sehnsuchtsholz geschnitzt seien. Die Miniaturen würden – ihrer Bekanntheit ungeachtet – eine beinahe kindliche Freude und Zauberkraft entfalten, als ob ein neuer Kontinent sich aus dem Meer erhöbe. Als müsste es so sein, vermeintlich konventionell und doch so eigenwillig.

Erato hat ebenfalls 2025 in einer reichhaltigen Box die für das ehemalige Label Virgin Classics – es wurde am 7. Februar 2013 an die Warner Music Groupe verkauft – entstandenen Aufnahmen Pletnevs der Jahre 1988 bis 2001 als Pianist, Arrangeur (Tchaikovsky Dornröschen) und Dirigent (Tchaikovsky Sechste Symphonie ‚Pathétique‘ mit dem Russischen Nationalorchester) in einer einzigen Box gebündelt.

Was läge näher, als sich im Lichte des jüngsten künstlerischen Triumphes wieder einmal oder zum ersten Mal die Aufnahmen des jüngeren Pletnev anzuhören? Was ich hiermit nachdrücklich empfehle, wenn Sie einen viel zu wenig beachteten Pianisten entdecken wollen, technisch so souverän wie Daniil Trifonov und – auf seine Weise – interpretatorisch ebenso atemberaubend.

Zu den Standardfakten gehört, dass Mikhail Pletnev als 21-Jähriger 1978 den Internationalen Tschaikowsky-Klavierwettbewerb gewann. 1990 begründete Pletnev mit dem Russischen Nationalorchester eines ohne staatliche Subventionen auskommendes Sinfonieorchester der postsowjetischen Zeit. Von Ende 2006 bis April 2013 zog sich Pletnev von seinen pianistischen Konzertverpflichtungen zurück, dirigierte Oper und Konzerte. 2022 gründete Pletnev in Bratislava das „Rachmaninoff International Orchestra“ mit Instrumentalisten aus Österreich, der Slowakei, Russland und der Ukraine.

Mit der pauschalen Zuschreibung von technischer Perfektion ist es bei Pletnev bei weitem nicht getan. Eine spezifische Besonderheit des Pianisten liegt – ähnlich wie bei seinen Kollegen Glenn Gould und Friedrich Gulda – in der wachsamen Behandlung des Pedals (das laut dem französischen Dirigenten Marc Trautmann so viele Pianisten „krampfhaft benutzen, um Effekte wie übertönenden Klang und billige Großsprecherei zu erhaschen“) und von Rubati, einer ausgeprägten analytischen Ader sowie der Vermeidung martialischer Fortedrescherei. Jede Art von Aufmerksamkeitshascherei ist diesem Künstler wesensfremd.

Der 1957 in Arkhangelsk geborene, nun in Luzern lebende Musiker hat in Sachen Transparenz sine ira et studio vorgelebt, was andere erst später zu einer pianistischen Mode erhoben. Man höre sich die beiden Alben mit Sonaten von Domenico Scarlatti (1994) oder die drei Joseph Haydn Sonaten Nr. 33, 60 und 62 (1988) an. Wie belebend und abwechslungsreich Pletnev hier alleine durch glasklare rasierklingenpräzise Anschlagsnuancen im Piano und Mezzofortebereich ein Universum an Klängen mit selbstverständlicher Bravour zaubert, ist ereignishaft. Wer jedoch glaubt, dass Pletnev mit einer Masche das bequeme Fundament für seinen Erfolg gelegt hätte, der irrt gründlich. Denn Pletnev kennt keine Masche.

Selbstverständlich weiß Pletnev um die Bedeutung von Tempowahl, dessen Rückungen und dynamischer Individualität. Der dann und wann zu Unrecht der Coolness verdächtigte Pianist legt so auf der anderen Seite der Skala eine lyrische Leuchtkraft und eine sensible poetische Durchdringung in sein Spiel, das berauscht und direkt in den siebten Himmel zu entschweben scheint. Ohne Übertreibungen und pathetischer Aufrüstung.

Als Beispiele mögen das Klavierkonzert Nr. 1 in fis-Moll, op.1 und die Rhapsody über ein Thema von Paganini, op. 43 von Sergej Rachmaninov dienen, aufgenommen 1987 in London mit dem Philharmonia Orchestra unter der Leitung von Libor Pešek. Auch in den drei Klavierkonzerten von Tchaikovsky (1990, ebenfalls mit dem Philharmonia Orchestra, aber unter Vladimir Fedoseyev) bilden das sprühende Perlé, das aus der Melodie geschöpfte, gebundene Phrasieren, die federnde Leichtigkeit des Spiels Merkmale einer Kunst, die aus sich selbst schöpft. Kontrast zum Ernst der Musik? Gerade solch eine sanfte Ironisierung, Distanzierung und sangliche Fraktur ohne brachial-pathetische Würze kommt den viel gehörten Stücken unerhört entgegen.

Einen Glanzpunkt der Box bilden die Klavierkonzerte von Haydn (Hob. XVIII:4, 7 und 11) und Mozart (Nr. 9, 20, 23 und 24, KV. 271, 466, 488, 491), ohne Dirigenten mit der Deutschen Kammerphilharmonie musiziert (1991/95). Wenig ist so wie bei den anderen. Bei allem klanglichen Feintuning ist es ein (auch in den Kadenzen) reduzierter, zerbrechlicherer Mozart, als wir ihn überwiegend gewohnt sind. Die Läufe kommen ungeheuer leicht und ohne viel Aufhebens daher, dann wieder scheint Pletnevs Spiel in Nachdenklichkeit zu verharren, wechseln Sachlichkeit, Aufklärerisches und der Röntgenblick in die frühromantische Zukunft einander ab.

Wer Mikhail Pletnev als fast schon verstörenden musikalischen Exzentriker erleben will, sollte sich die karstige Wiedergabe der zweiten Klaviersonate von Frédéric Chopin oder die geschwindigkeitsrasante zweisätzige Konzertfantasie für Klavier und Orchester, op. 56 von Tchaikovsky zu Gemüte führen.

Fazit: Einer der besten Pianisten der Jetztzeit mit den klangtechnisch brillanten und interpretatorisch genialen Virgin Classic-Aufnahmen zu einem fairen Preis.

Inhalt der Box

  • Domenico Scarlatti: Klaviersonaten Kk. 1, 3, 8, 9, 11, 17, 24, 25, 27, 29, 87, 96, 113, 141, 146, 173, 213, 214, 247, 259, 268, 283, 284, 380, 386, 387, 404, 443, 519, 520, 523
  • Joseph Haydn: Klavierkonzerte H18 Nr. 4, 7, 11; Klaviersonaten H16 Nr. 50 und 52; Andante mit Variationen f-Moll, H18 Nr. 6
  • Wolfgang Amadeus Mozart: Klavierkonzerte Nr. 9, 20, 23, 24, KV 271, 466, 488, 491
  • Ludwig van Beethoven: Klaviersonaten Nr. 14, 21, 23
  • Frédéric Chopin: Klaviersonate Nr. 2 op. 35; Barcarolle op. 60; Scherzo Nr. 2; Nocturnes Nr. 1, 2, 18, 20
  • Johannes Brahms: Klarinettensonaten op. 120 Nr. 1 & 2
  • Carl Maria von Weber: Grand Duo concertant Es-Dur op. 48 für Klarinette und Klavier
  • Modest Mussorgsky: Bilder einer Ausstellung (Klavierfassung)
  • P.I. Tchaikovsky: Klavierkonzerte Nr. 1-3; Fantasie op. 56 für Klavier und Orchester; Symphonie Nr. 6 ‚Pathétique‘; Slawischer Marsch op. 31; Die Jahreszeiten op. 37b; Morceaux op. 21 Nr. 1-6; Dornröschen-Suite für Klavier
  • Alexander Scriabin: Préludes op. 11 Nr. 1-24; op. 49 Nr. 2; op. 51 Nr. 2; Klaviersonaten Nr. 4, 10; Reverie op. 49 Nr. 3; Morceaux op. 45, 57; Poèrme languide op. 52 Nr. 3; Danse languide op. 51 Nr. 4
  • Sergej Rachmaninov: Klavierkonzert Nr. 1; Paganini-Rhapsodie op. 43 für Klavier und Orchester

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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