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12 CD-Box GUSTAV MAHLER Die Symphonien 1 bis 10, ANDRIS NELSONS und die WIENER PHILHARMONIKER; Deutsche Grammophon

23.10.2026 | cd

12 CD-Box GUSTAV MAHLER Die Symphonien 1 bis 10, ANDRIS NELSONS und die WIENER PHILHARMONIKER; Deutsche Grammophon

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Klangliche Opulenz und Brillanz – Live Mitschnitte der Jahre 2018 bis 2026 von den Salzburger Festspielen, aus dem Wiener Musikverein und Konzerthaus

Die Wiener Philharmoniker und Gustav Mahler verbindet eine historisch künstlerische Bindung in der Art einer Hassliebe. Mahler übernahm 1897 die Leitung der Wiener Hofoper und hatte sie bis 1901 inne. Als Dirigent bestand er auf einer hingebungsvollen Probenarbeit, Disziplin und Präzision. Oder wie Wolfgang Stähr das anschaulicher im Booklet beschreibt: „Mahler schützte und schikanierte seine Musiker, er beflügelte sie und befehligte sie, er reizte sie bis aufs Blut.“ Dankte ihnen aber auch respektvoll nach getaner künstlerischer Arbeit.

Nach dem Zweiten Weltkrieg war die Aufführung von Mahlers Werk erst allmählich in die Gänge gekommen. Nach Bruno Walter und Dimitri Mitropoulos war Leonard Bernstein sicher die prägende Figur. Er brachte nicht kampflos, dafür aber umso beständiger das Kunststück zustande, den Wiener Spitzenklangkörper auf das symphonische Vermächtnis so einzuschwören, dass expressiv bis zum Anschlag passionierte, ja ekstatisch aufgeladene Aufführungen und Einspielungen daraus hervorgingen.

Allerdings gibt es keinen geschlossenen Mahler-Zyklus mit den Wiener Philharmonikern und Bernstein. Die Unitel hat die Symphonien Nr. Eins und Drei bis zum Adagio der Zehnten mit Bernstein und den Wiener Philharmonikern auf Zelluloid gebannt. Die Zweite allerdings unternahm Bernstein mit dem London Symphony Orchestra. Bernsteins abermaliger Anlauf in den 80-Jahren für die Deutsche Grammophon wurde teils mit den Wiener Philharmonikern, teils mit dem New York Philharmonic und dem Concertgebouw Amsterdam realisiert.

Lorin Maazel nahm den ersten kompletten Zyklus mit dem berühmten Wiener Orchester für Sony auf. 1992 gab es eine Sonderedition der Box zum 150-jährigen Geburtstag der Wiener Philharmoniker. Gegründet wurde das Orchester 1842 von Otto Nicolai. Weitere bedeutende Mahler Dirigenten der Wiener Philharmoniker waren Claudio Abbado, Pierre Boulez, Bernard Haitink und ist bis heute Sir Simon Rattle.

Andris Nelsons darf sich stolz als zweiter Dirigent nennen, der ca. 40 Jahre nach Maazel eine vollständige Ausgabe aller Mahler-Sinfonien mit den Wienern vorlegt. Gleich wie Maazel ist Nelsons primär auf kultivierte, feinst kalibrierte (Schön)Klanguniversen fokussiert, wobei sich der Pultstar aus Riga als der organisch fühlendere, lebhaftere, spontanere und intensivere Musiker erweist. Der gelernte Trompeter setzt auf eine spätromantisch Daseins-Konflikte durchschreitende Reifung, breite Tempi und einen weit gespannten symphonischen Atem. Wer analytisch zerklüftete, die Modernität der Partituren betonte oder die Emotionen, ja die Bodenlosigkeit der Partituren bis an die Grenze des Aushaltbaren ausreizende Lesarten bevorzugt, wird mit Nelsons nicht glücklich.

Nelsons Mahler-Zyklus hat andere, ureigene Vorzüge: In den „Wunderhorn Sinfonien“ 2-4 evoziert Nelsons geheimnisvolle Legenden, lässt die Natur in atmosphärisch fantastischen Klanglandschaften erstehen, lotet die mystischen und metaphysischen Dimensionen in der Auferstehungssymphonie sowie erst Recht in der Dritten aus. Dass unter Nelsons lyrischer Erzählweise die Adagio-Sätze besonders innig durchhört das Wunderbare streifen, ergibt sich aus dieser Haltung.

Als Gegenpol durchlebt Nelsons großformatig monumental Einleitungssätze und Finali, integriert Variationen und Kontrapunktisches in den symphonischen Fluss. Er lässt in der besonders überzeugend gelungenen Sechsten „Tragischen“ die ungeheuren Kontraste aus der schillernden Färbung der Instrumente erstehen, Kammermusikalisches dialogisch aussingen. Dabei fällt auf, dass Nelsons die archaisch bis harmonisch postwagnerischen Klangmuster auffächert, wie dies einst Celibidache bei Bruckner zur Vollendung brachte.

Insgesamt ist von einer klanggenüsslichen wie musikalisch aus sich selbst schöpfenden symphonischen Utopie zu berichten, die in Erinnerungen verklärt eine versunkene Welt feiert. Aus allem subjektiven Schmerzensleid, dem Todes- und Erlösungssehen in himmlisch spirituellen Visionen erwächst hier eine Apotheose in Versöhnung. Zugeneigt spottende Ländler, Walzer und Kuhglocken mögen als Fingerzeig des Komponisten dienen, auch seine symphonisch dunkelst durchlebten Momente am Ende ja nicht als schwarz depressiv aufzufassen. Immerhin standen bei Mahlers Tod die beiden Weltkriege noch bevor.

Nicht zuletzt kann der betörend flirrende Klang der Wiener Streicher sowie die charaktervollen Eigenarten von Oboe, Klarinette, des Wiener Horns, der F-Tuba, Trompeten und Pauken in einer Ära musikalischer Nivellierung gar nicht hoch genug gewürdigt werden. Dazu gesellt sich eine stupende Klangqualität, die neue Maßstäbe setzt.

Von den Solisten der zweiten, dritten und achten Symphonie möchte ich besonders Ekaterina Gubanova, Wiebke Lehmkuhl, Christiane Karg, Ying Fang und Beth Talyor hervorheben.

Der Chor des Bayerischen Rundfunks (2. Symphonie), der Singverein der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien, die Wiener Singakademie und die Wiener Sängerknaben tragen mit Höchstleistungen an Chorkultur und Ausdruck entscheidend zum gesamthaften Gelingen des Zyklus bei.

Der Mahler Zyklus ist auf CD und digital erhältlich, aufgeteilt in drei Veröffentlichungen (Symphonien 1–4; 5–7; 8–10).

Dr. Ingobert Waltenberger

 

 

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