11 CD-Box GUSTAV MAHLER Symphonien Nr. 1-9, SEMYON BYCHKOV dirigiert das CZECH PHILHARMONIC; Pentatone
Breit getragen und pompös irrlichternd, vergleichsweise nicht mein Fall

„Alle, die Mahler lieben, wissen warum, auch wenn sie es nicht immer erklären können. Sie laufen Gefahr, an einer Überdosis zu sterben, aber es ist ihnen egal. Sie haben recht.“ Semyon Bychkov, seit 2018/19 Chefdirigent der Tschechischen Philharmonie
Die Tschechische Philharmonie kann auf eine lange Dvořák- und Smetana-, aber ebenso eine intensive Mahler-Tradition im besten Sinn des Wortes verweisen. Dirigenten wie Sir John Barbirolli, Karel Ančerl, Vaclav Neumann, Zdeněk Mácal, Eliahu Inbal oder nun Semyon Bychkov geben mit ihren individuell immens ausgeprägten Aufnahmen jederzeit nachprüfbar Ausschluss darüber. Vaclav Neumann wagte sich mit „seinem Orchester“ bei Supraphon sogar zweimal an den Zyklus, wobei der spätere unvollendet blieb.
Gustav Mahler wurde im zentraltschechischen Kaliště geboren und ist kurz danach mit seinen Eltern nach Jihlava gezogen. Ihm war das böhmisch-mährische Idiom, die Volksmusik mit ihren Ländlern und Polkas, die Orchesterlyrik mit dunklen bis erdigen Streichern, rundsaftigem Blech und edel näselndem Holz sozusagen in die Wiege gelegt. Da ich in Niederösterreich direkt am Stacheldraht 60 km südlich von Brünn die ersten 17 Lebensjahre verbracht habe, ist das Atmosphärische von Landschaft und Menschen, von Löss und Granit, kleinen Flüsschen und Karpfenteichen, und die tschechische Musik, nicht zuletzt dank der vielen Supraphon Schallplatten, die es zu Hause gab, ebenfalls vertraut.
Aufgenommen zwischen November 2018 und Juni 2025, ist die Lesart von Semyon Bychkov, der bei seinen Wagner-Dirigaten in der weitesten Staffelung stilistisch wesentlich näher an Knapperstbusch als am (mir persönlich näherstehenden) Antipoden Boulez einzuordnen ist, bedächtig sowie auf das Ziehen langer Spannungsbögen denn auf kleine instrumentale und rhythmische Details bedacht, für die Fangemeinde sicher eindrücklich.
Bychkov bevorzugt einen sinnlichen Mischklang, Transparenz des Klangs ist seine Sache nicht. Er geht es episch an, dreht unversehens ins dramatisch Volle und vermag es, in den großen Steigerungen bis zu den famosen Kulminationspunkten die Spannung trotz der durchwegs breiten Tempi (für die Dritte braucht er mit 100 Minuten ca. 10 Minuten länger als etwa Vaclav Neumann in der Aufnahme vom Dezember 1981 mit Christa Ludwig als Solistin) zu schürzen. Darin Celibidache nicht unähnlich, scheint er den Klang bisweilen auffächernd zu zelebrieren und sich an dessen purer Schönheit zu erfreuen. Das romantische Magma dieser Symphonien, ihre liedhafte Wunderhornnaivität kommen damit vorzüglich zur Geltung, das Groteske, das teuflisch Sarkastische, das ausufernd Kosmische, das grell Plakative, der existenzielle Aufschrei weniger.
Ich will nicht sagen, dass es nicht kunstvoll gedrechselte (5. Satz der „Dritten“) und seligmachende Sätze (das Adagietto der „Fünften“ bzw. das Adagio der „Neunten“ tun auch so ihre Wirkung) gibt. Nur mir fehlt im Wesentlichen das innere Glühen und Brennen, die beinahe unaushaltbare Binnenspannung, das vulkanisch Eruptive, das die Welt von den Beinen auf den Kopf zu stellen scheint, alles hinterfragt und an den Widersprüchen krachend zu scheitern bereit ist. Wenn sich Bychov auf die prophetische Dimension Mahlers beruft, dann wäre zur Veranschaulichung eine drastischere, ja exzessivere Interpretation eher angebracht gewesen. Ich glaube nicht, dass weder die Katastrophen des 20. und 21. Jahrhunderts noch düstere Aussichten die Menschen auf dem Planeten einander nähergebracht haben. Im Gegenteil. An der Schiller’schen Verbrüderungsutopie ist schon Beethoven gewaltig gescheitert.
Was die vokale Seite der Symphonien Nr. 2., 3, 4 und 8 anlangt, so ist alles zum Besten bestellt. Insbesondere das Wiederhören mit Elisabeth Kulman im „Urlicht“ und mit „O glaube, mein Herz, o glaube“ („Auferstehungssymphonie“ in c-Moll) beschert einen Moment der Einkehr, der berückendsten Stimmschönheit, aber auch der Melancholie. Da wird auf einmal offenkundig, welche unschließbare Lücke diese Sängerin mit ihrer zu respektierenden Entscheidung 2021, sich künstlerisch komplett zurückzuziehen, hinterlassen hat.
Aber auch Christiane Karg (Kulmans Partnerin in der „Zweiten“), Catriona Morison („Dritte“), Chen Reiss („Vierte“) sowie die Solisten der „Symphony der Tausend“ = der “Achten“ in Es-Dur (Sarah Wegener, Kateřina Kněžíková, Miriam Kutrowatz, Stefanie Irányi, Jennifer Jphnstoin, David Butt Philip, Adam Plachteka und David Steffens) machen einen ausgezeichneten Job. Der Philharmonische Chor Prag ist sowieso eine Klasse für sich und steht mit den allerbesten Profichören der Welt wie dem Chor des BR auf einer Stufe.
Mir ist bewusst, wie sehr individuelle Erwartungen und Empfindungen die Entscheidung oder die – objektiv oft nicht verifizierbare – Begeisterung für die eine oder andere Interpretation gerade bei Mahler begünstigen. Das heißt nicht¸ dass meine bevorzugten Mahler-Dirigenten (u.a. Haitink, Klemperer, Boulez, Gielen, Karajan) für alle das Optimum sind. Für nicht wenige unter uns wird es Semyon Bychkov sein. Daher gibt es am Ende dieser Besprechung auch keine Empfehlung weder in die eine noch in die andere Richtung, sondern nur die obige Annäherung an eine Beschreibung, die meinem musikalischen Instinkt folgt.
Dr. Ingobert Waltenberger

