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Film: 100 DINGE

05.12.2018 | FILM/TV, KRITIKEN

Filmstart: 7. Dezember 2018
100 DINGE
Deutschland / 2018
Drehbuch und Regie: Florian David Fitz
Mit: Florian David Fitz, Matthias Schweighöfer, Miriam Stein, Hannelore Elsner, Katharina Thalbach, Sarah Viktoria Frick u.a.

Keine Frage, dass Florian David Fitz & Matthias Schweighöfer ein gutes Leinwand-„Paar“ (nicht so) abgeben (wie schon in „Der geilste Tag“, 2016) – man glaubt ihnen die „Buddies“, die eng zusammen geschweißten und dennoch konkurrierenden Freunde… hätte Florian David Fitz den Film, den er (Drehbuch und Regie) rund herum gedreht hat, nicht dermaßen überlastet, wäre ihm das Drehbuch nicht so außer Form geraten, man hätte vielleicht mehr Spaß an der ganzen Sache.

Dabei hat Fitz versucht, ein paar (vielleicht ein paar zu viel) durchaus relevante Themen hier zu verpacken: Der Konsumwahn unserer Welt, der in Kaufrausch ausarten kann und viele Menschen dazu bringt, sich manisch Dinge zuzulegen, die sie nicht brauchen. Schuldenfalle, verstopftes Leben und verklebte Hirne sind die Folgen. Aber es geht auch um die „Verführer“, die via Laptop und Smartphones dauernd mit Angeboten locken, bis Mann/Frau nicht mehr widerstehen kann. Und es geht um die Frage, wie viel man davon braucht – und was wichtig ist im Leben… Ganz schön überfrachtet.

Zuerst sind die beiden – Paul (Fitz) und Toni (Schweighöfer) – nur die typischen Start-Up-Fritzen, die mit einem Team wie wahnsinnig an einer App arbeiten: Sie soll als verführerische Stimme aus dem Smart-Phone jener Kommunikationsersatz sein, den man braucht, wenn jeder Mensch nicht mehr mit anderen Menschen, sondern nur noch mit Geräten interagiert. Dafür bringt das Fitz-Drehbuch einen „David Zuckerman“ (Artjom Gilz) auf die Leinwand, der einem gewissen Mark Zuckerberg sogar ähnlich sieht – und der diese App um ein Vermögen kauft. Weil er damit die Menschen noch besser manipulieren kann…

Aber das ist nur ein Seitenelement des überfrachteten Streifens: Die beiden „Chefs“ lassen sich von ihrem Personal nämlich in eine Wette treiben, die Dinge, die wir besitzen, auf ihre Lebensnotwendigkeit zu überprüfen. Beginnend mit Null, dürfen sie hundert Tage lang täglich nur ein Objekt dazu bekommen – eine komplizierte und gar nicht überzeugende Idee, es sei denn, sie gehe darum, die beiden durchaus noch knackigen Darsteller (Florian David Fitz ist 44, die man ihm nicht ansieht, Matthias Schweighöfer 37), die durchaus noch „jung“ wirken, auch ziemlich oft nackt vorzuführen…

Zu diesem „Was brauche ich?“ (das Smartphone kommt bald an die Reihe) hakt sich noch die komplizierte Liebesgeschichte von Toni zu einer geheimnisvollen Fremden (Miriam Stein als Lucy), die zwar zu Liebe, aber nicht zu einer Beziehung bereit ist, weil sie ein „schreckliches“ Geheimnis hütet… Die ultimative Liebeserklärung des plötzlich zu Gefühlen erblühten Karriere-Maniac erfolgt wieder nackt…

Schöne Nebenrollen bieten Hannelore Elsner als Pauls Mutter und die köstlich parodistisch überzeichnete Katharina Thalbach als Pauls Oma Konaske – Frauen aus anderen Generationen und Welten, die mit ihrer Erdung die Digital-Männer manchmal auf den Boden zurückholen. Ganz aus dieser Welt ist jedoch das geld- und erfolgssüchtige Programmierer-Girl, das Burgschauspielerin Sarah Viktoria Frick (neuerdings immer wieder in Kino-Nebenrollen zu sehen) auf die Leinwand bringt.

Die beiden Hauptfiguren sind natürlich prächtige Rollen für Florian David Fitz, der sich das besinnlichere Naturell auf den Leib geschrieben hat, während Matthias Schweighöfer endlich ganz weit vom blonden Ideal-Schwiegersohn abrückt und einen glatten Karriere-Freak spielt, der zur Menschlichkeit erwacht… wie es halt so üblich ist. Dabei haben sie bei aller Verbundenheit immer noch Konkurrenzgehabe zu durchleiden und spielen da auf der Psychogeige der (nicht schwulen) Männergefühle. Am Ende wird dann eine Aussteiger-Romantik beschworen, die von vorgestern ist.

Aber der Film geht so überzeugend mit den Schauspielern um, bietet ausreichend Humor und Selbstironie und hat trotz seiner Handlung, die dauernd um Ecken führt und dort anstößt, dennoch so viel zum Denken zu bieten, dass man sich die „100 Dinge“ durchaus ansehen kann – wenn man die Worte aus Goethes „Vorspiel auf dem Theater“ auch nicht hätte so pedantisch erfüllen müssen: „In bunten Bildern wenig Klarheit, viel Irrtum und ein Fünkchen Wahrheit…“

Renate Wagner

 

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