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YALOMS ANLEITUNG ZUM GLÜCKLICHSEIN

09.10.2014 | FILM/TV

FilmPlakat Yaloms Anleitung~1

Ab 10. Oktober 2014 in den österreichischen Kinos
YALOMS ANLEITUNG ZUM GLÜCKLICHSEIN
Yalom’s Cure  /  USA, Schweiz  /   2014
Drehbuch und Regie: Sabine Gisiger

Als Leser kennt man Irvin D. Yalom längst. Romane wie „Und Nietzsche weinte“, „Die rote Couch“ und „Die Schopenhauer-Kur“ sind ungemein anregende Lektüre, in denen sich Historie, Psychoanalyse und Literatur verbindet. Dass Irvin D. Yalom aktiver Psychotherapeut ist, weiß man auch. Näheres über ihn erfährt man nun in einer Dokumentation der Schweizer Filmemacherin Sabine Gisiger, die nicht nur viel über Yalom persönlich erzählt, sondern den 83jährigen (er wurde 1931 als Sohn polnisch-jüdischer Einwanderer in Washington geboren) auch seine gesammelten Lebensweisheiten verkünden lässt. Diese haben den Vorteil, auf lebenslanger Erfahrung mit Menschen zu beruhen und alles andere als platt zu sein.

Zuerst Yalom selbst: Das Porträt setzt sich aus einer Menge „Stimmungsbildern“ zusammen (gleich zu Beginn das sanfte Meer, von Griegs Peer Gynt-Melodien umspült), wobei gerade das Wasser eine große  Rolle spielt, weiters aus wackeligen Amateurfilmen, die sich wohl im Bestand jeder Familie findet, einiges an historischem Dokumentar-Filmmaterial (vor allem über das Leben der Juden in den USA vor dem Zweiten  Weltkrieg), Fernsehaufzeichnungen mit Yalom-Auftritten, dann zahlreiche Interviews, die er für diesen Film gegeben hat, desgleichen seine Frau, einige seiner vier Kinder und seiner Enkeln. Ein Puzzle, dessen technische Qualität in den meisten Fällen fraglich ist, aber darauf kommt es nicht: Der Mann interessiert, dazu braucht man keine Hochglanz-Präsentation.

Viele Erkenntnisse über Menschen hat Yalom aus seinem eigenen Leben geholt. Er hat eine tragische Beziehung zu seinen Eltern verarbeitet, wenn es auch noch den alten Mann, der er heute ist, schmerzt, sich daran zu erinnern – der schwächliche Vater, die geradezu grausame Mutter. Es war ein Arzt, der einmal zu dem kleinen Jungen freundlich war und ihm so den Weg in seinen künftigen Beruf wies. Dass die Auseinandersetzung mit den Eltern jegliches Menschenleben prägt und man versuchen sollte, den Teufelskreis zu brechen, ist eine tiefe Erkenntnis – zumal es so wenigen gelingt.

Yalom studierte Medizin zu einer Zeit, als es offenbar noch einen Numerus Clausus für Juden gab und es gar nicht so leicht war, aus den eigenen Ghettos heraus zu kommen. Er fand die Frau seines Lebens, als beide noch Teenager waren – auch Gattin Marilyn, ihres Zeichens Literaturprofessorin, ergreift oft das Wort, eine Frau, die zu ihm passt. Ein Paar, das trotz einiger sexueller Versuchungen auf beiden Seiten an seiner Beziehung unerschütterlich festgehalten hat, das es auch seinen Kindern insofern schwer machte, als die Ehe offenbar immer die stärkste Motivation in ihrem Leben war. Vier Kinder, alle geschieden, haben andere Prioritäten gesetzt, wie eine Tochter erzählt – Karriere, Kinder, dann erst die Ehe. Eine Enkelin meint, die Großeltern seien wohl eher das Vorbild als die Eltern – aber am Ende muss man es doch wohl selbst herausbekommen („at the end of the day you have to figure it our for yourself“).

Hauptsächlich geht es um Yaloms Arbeit, um die Erfahrungen, die er als Therapeut (keiner, der schweigend da sitzt, sondern einer, der eine ganz intensive Beziehung zu dem Patienten entwickelt, an die dieser sich anhalten kann – nicht nur beobachten, sondern auch teilnehmen sei seine Arbeit, sagt er) gewonnen hat, wobei es auch Bilder mitgefilmter Gruppentherapien gibt: Das ist dann fast peinlich, echtem Leid auf die Haut zu rücken (so sehr wir uns vom „gestalteten“ Leid in der Kunst rühren lassen…)

Einsamkeit, Ängste, die Suche nach dem Sinn des Lebens, das Bedürfnis nach Kontakt und die Schwierigkeit, die viele Menschen haben, ihn herzustellen… alles die Probleme, die Yalom kennt in seinem Bemühen „to fight darkness and to seek illumination“: Die Dunkelheit bekämpfen, Erkenntnis suchen und Menschen zu Einsichten bringen, was sie versäumt haben.

Denn jene, die das Gefühl haben, auf ein erfülltes Leben zurück zu blicken, fürchten sich auch weniger vor dem Tod („Der Himmel ist wohl nur ein schönes Märchen“, meint er, mit dem menschlichen Gehirn stirbt wohl auch definitiv das menschliche Bewusstsein). Wobei der 83jährige recht fröhlich ist: Mit den siebziger Jahren beginne der Körper den Menschen als verlässlicher Partner zu verlassen, meint er, aber er versichert, es schlage sich immer wieder ein neues Kapitel des Lebens auf, es gäbe noch immer Wunder des Lebens, die man bisher nicht wahrgenommen habe und erkennen könne – und möglicherweise stünden einem noch gute Dinge bevor…

Nicht alles, was Yalom sagt, kann für jeden gelten. Aber dass jeder irgendeine seiner Erkenntnisse für sich ganz persönlich anwenden kann, scheint sicher: Er teilt den Reichtum seines Wissens über Menschen mit den Menschen, die diesen Film sehen.

Renate Wagner

 

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