Wien / Festival Fremde Erde: Gedenken an eine vergangene Kultur 28.4.20326

Verloren gegangen ist diese hochgeistige Kultur, welche vor mehr als hundert Jahren sich nach der Hochblüte der späten Romantik in den meisten Ländern Europas entwickeln konnte. Das Festival Fremde Erde, von den beiden Viva la Classica–Gründern Gerald Buchas und der Sängerin Julitta Dominika Walder seit drei Jahren geleitet, lässt solch eines spüren. Nicht nur wegen der in diesem alljährlichen Wiener Kulturfest vorgestellten Musik jüdischer Komponisten, welche sich in der Zeit der Hitler-Diktatur dieser durch Flucht entziehen konnten oder während dieser getötet wurden. Auch ähnliche so wie hier subtil arrangierte Kammermusikprogramme sind bereits in den heimischen Kulturstätten zu wahren Raritäten geworden.
„Leben, Traum und Tod“ hat es im Kosmos Theater geheissen. Von Julitta Dominika Walder singend angeführt haben Geiger Mateus Kasprzak-Labudzinski, Klarinettist Piotr Lato und die Pianistin Dominika Peszko durch die kammermusikalischen Seelenlandschaften ermordeter (Jósef Koffler, Viktor Ullmann) oder überlebender Komponisten wie sensibel komponierender Damen (Rosy Wertheim, die ins Exil geflüchteten Wiener Vally Weigl, Walter Arlen, Erich Zeisl, Egon Wellesz sowie Alexandre Tansman, Mieczyslaw Weinberg, Karol Rathaus). Liedtitel wie „Ah, who can cure me“ oder „Along the moving darknesse“ sind zu hören gewesen; „Romance“ oder „Song of the Autumn“ hat es bei den Instrumentalisten geheißen. Immer mit einer sehr persönlich formulierten, immer auch einer verinnerlichten Aussage. Solch ein Geschrei und unerbittlichen Marketing-Werbewalzen wie heute hatte es anno dazumal nicht gegeben.
Meinhard Rüdenauer

