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WHERE I BELONG

13.08.2013 | FILM/TV

Ab 15. August 2013 in den österreichischen Kinos
WHERE I BELONG
GB, Österreich  /   2012
Drehbuch und Regie: Fritz Urschitz
Mit: Natalie Press, Johannes Krisch, Matthias Habich, Branko Samarovski, Karl Fischer, Cornelius Obonya u.a.

Man begegnet hier dem ersten Spielfilm eines aus Graz stammenden österreichischen Regisseurs, Fritz Urschitz, von dem man im Internet nicht viel mehr erfährt, als dass er in London lebt. In „Where I Belong“ schlägt schon der Titel das Thema der geteilten bzw. unsicheren Identitäten an: Wo gehöre ich hin? Das ist ein schweres Problem, und von der ersten bis zur letzten Minute begleitet den Kinobesucher eine düster-graue Stimmung, die immer wieder ins still Melodramatische umschlägt (auch das gibt es).

Die Handlung spielt in England in den fünfziger Jahren, die dort offenbar ebenso stickig waren wie bei uns und auf der Leinwand äußerst stimmig beschworen werden. Es geht um Emigranten der ersten Generation und ihrer Nachkommen: Der Jude Friedrich Kohschitz (Matthias Habich mit meist vorwurfsvoller Miene) lebt in England in den schäbigsten Verhältnissen und träumt davon, sein Haus in der Wiener Gusshausstraße wieder zu bekommen, was von den österreichischen Behörden offenbar immer wieder abschlägig beschieden wird. Für die Existenz der Mini-Familie sorgt die loyale Tochter Rosemarie („Rose“ für die Engländer), mit der der Vater Deutsch spricht und sie nicht zuletzt damit davon abhält, sich gänzlich in ihre Umwelt zu integrieren. Die Briten sind zwar auf ihre zurückhaltende Art höflich, aber so richtig herzlich ist man zu den „Fremden“ auch nicht. Rose, schwer unter Druck, schafft das Leben zwischen dem Stoffladen, wo sie arbeitet, der Abendschule mit Maschinschreibkurs, wo sie auf eine bessere Berufszukunft hinarbeitet, und dem Vater, der wie ein Zentnergewicht auf ihr liegt, nicht wirklich.

Mit diesem Ausgangspunkt erfasst Fritz Urschitz die Heimatlosigkeit von Menschen, die im Grunde von niemandem angenommen werden. Aber es ist nicht der alte Mann, der hoffnungslose Jude mit seiner Österreich-Sehnsucht und seinen Lebenslügen, dem sich die Geschichte zuwendet, sondern die Tochter. Deren Leben ändert sich, als mit Anton ein wesentlich jüngerer Bekannter des Vaters auftaucht, der einst mit diesem gemeinsam im Auffanglager war.

Natalie Press ist eine englische Schauspielerin, die wesentlich jünger wirkt als ihre 33 Jahre, die als frühe Zwanzigjährige durchgeht, ein von Trauer durchdrungenes Geschöpf, das nicht weiß, was aus ihr werden soll. (Deutsch spricht sie mit deutlich englischem Akzent, wie auch anders als Britin, aber nicht ganz logisch für die Tochter eines österreichischen Vaters, die ihre Muttersprache spricht.) Die zage Hoffnung, die sie durchströmt, als Anton in ihr Leben trifft, bringt sie minimalistisch wunderbar heraus, obwohl Johannes Krisch nicht weniger düster umflort ist als ihr Vater und die Rätselhaftigkeit seines Charakters mit Vordergründigkeit vor sich herträgt. Die Liebesbeziehung, die er ganz vorsichtig beginnt, ist nicht wirklich glaubwürdig. Dass er Frau und Kind hat, verwundert allerdings nicht.

Die Geschichte gerät dramaturgisch ins Schwanken – die elementare Krise mit Papa, nur weil sie nachts später heimgekommen ist, ihre Reise nach Wien, nur um vom Haus in der Gusshausstraße weggeschickt zu werden (Karl Fischer als der grobe Wiener, der das Judenhaus als das Seine betrachtet, Cornelius Obonya als der Arzt, der ihr nach einem Zusammenbruch sagt, dass sie schwanger ist), Rückkehr nach England, Tod des Vaters (was Rose ganz aus dem Themenkreis „jüdische Emigranten in England“ holt), das tapfere Auf-Sich-Nehmen des Schicksals, obwohl angedeutet wird, dass sie ja auch ins Wasser gehen könnte. Aber nein, sie gibt nicht auf: Branko Samarovski ist Mr. Bernstein, ein Jude, der es geschafft hat (er darf sogar nett jüdeln) und Rose eine Stellung gibt, obwohl sie ehrlich zugibt, schwanger zu sein…

Und dann hat sie ihren Sohn Frederick, „Vater unbekannt“ – aber sie schreibt Anton einen Brief, er darf sie in der kleinen Wohnung besuchen, sein Kind sehen, sie schließt ihn in die Arme – und schickt ihn wieder zu seiner Frau. Und man fragt sich, was aus diesem Film geworden ist, der von Exilantengeschichten und deren Psychologie ausging und am Ende in der Marlitt-Geschichte „Tapfere junge Frau kämpft sich durch und bewältigt das Leben mit all seinen Schwierigkeiten…“ gelandet ist…

Renate Wagner

 

 

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