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SKYFALL

28.10.2012 | FILM/TV

Ab 1. November 2012 in den österreichischen Kinos
SKYFALL
USA, GB  /  2012
Regie: Sam Mendes
Mit: Daniel Craig, Judi Dench, Javier Bardem, Ralph Fiennes, Naomie Harris, Ben Whishaw u.a.

Wer hätte sich das schon träumen lassen, damals im Oktober 1962, als in London der erste James-Bond-Film mit Sean Connery herauskam – dass es diesen James Bond fünfzig Jahre später (wenn auch in seiner bereits sechsten Gestalt) noch immer geben würde. Man hält bei Film Nr. 23, und dieser ist – wohl zum Jubiläum – besonders gut ausgefallen.

Mittlerweile hat man sich auch daran gewöhnt, dass Bond selbst noch immer so aussieht wie der beste blonde, osteuropäische Bond-Bösewicht es tun würde: Aber der mittlerweile 44jährige Daniel Craig hat einiges an britischer Noblesse zugelegt. Die trocknen One-Liner, mit denen er und „M“ ihren verbalen Schlagabtausch würzen, bringt er so locker wie nur einer (er ist ja schließlich gebürtiger Brite, wenn auch keinesfalls aus der Oberschicht). Und die Coolness für die Rolle hatte er ja immer…

Warum ist dieser „Skyfall“-Bond so interessant? Möglicherweise, weil Regisseur Sam Mendes ihn so schön düster gehalten hat. Die Zeiten, wo man nur chic von einem Schauplatz zum anderen jagte, der Martini geschüttelt, nicht gerührt sein musste (auf diesen Gag wird total verzichtet, obwohl es zum „Fünfziger“ viele andere Zitate aus früheren Zeiten gibt), wo die Girls unirdisch sexy waren und Bond mit ihnen endlich zwischen die seidenen Laken durfte, sind vorbei. Es scheint, dass es hier eine einzige gemeinsame Szene zwischen der Skyfall-Schönheit (die eigentlich eine ganz kleine Rolle hat) und Bond unter der Dusche nur deshalb gibt, um quasi als Zitat anzubringen, dass der Mann einst als Sexsymbol über die Leinwand schritt (oder tänzelte – je nach Interpreten). Kurz, der Held und sein Film haben ein neues Profil erhalten. Relaunch tut gut, wenn er gut gemacht ist.

Auch das Auskosten der pittoresken Schauplätze, früher ein Haupt-Markenzeichen der Bond-Filme, spielt keine besondere Rolle mehr – der Auftakt könnte bald wo spielen, Istanbul hat hier so wenig zu vermelden wie später Shanghai. Eine einsame Insel, Londoner U-Bahn-Schächte und am Ende ein schaurig-verlassenes Herrenhaus im schottischen Hochland spiegeln die Stimmung schon besser wieder, innerhalb derer sich dieser Bond-Film atmosphärisch stark bewegt.

Filme dieser Art haben eine wilde Action-Sequenz als Prolog. Diese ist so gut, dass man sie ruhig als Finale verwenden könnte (wo an sich das „Unübertreffliche“ angesagt ist, das hier vergleichsweise bescheiden ausfällt, ein explodierendes Herrenhaus, na und?): Bond rast zu Beginn hinter einem anderen Agenten her, von dem wir später erfahren, dass er eine Diskette mit den Namen aller britischen Undercover-Agenten bei sich trägt: Da geht es wirklich wild zu, wie üblich durch den Basar gerast und alles zerstört, dann Motorräder, am Ende auf einem dahinrasenden Zug auf dessen Dach aufgefahren, Handgemenge… und ein Schuss. Ein Schuss, den „M“, die Leiterin von MI6, der Agentin Eve befiehlt, die ihrerseits Bond auf den Fersen bleibt. Ein riskanter Schuss. Man verrät in diesem Fall nicht zu viel: Bond wird getroffen. Sinkt in Wassertiefen. Fällt vom Himmel. Man hält ihn für tot.

Dass er nicht tot sein kann – klare Sache. Und als er wieder auftaucht, weil „M“ schreckliche Probleme hat, beweist eigentlich seine Gutmütigkeit. (Man muss gar nicht schildern, was in dem Film alles in die Luft geht, der Zuschauer soll sich doch an Krach und Zerstörung überrascht freuen können.) Ein anderer Agent, den sie einst auch „geopfert“ hat, war nicht zur Verzeihung geneigt. Es dauert fast eine Stunde, bevor der „Bösewicht“ voll von rasenden Rachegelüsten gegen „M“ auftaucht, aber dann hat er sich gewaschen.

Ein Bond-Bösewicht, das ist schon etwas, und das verlangt Gewicht – Gert Fröbe hatte es einst, Curd Jürgens, auch Lotte Lenya. Im Bond „aus der Reihe“, den Connery sich gab, war es Brandauer. Die beiden „Bösewichte“, denen Daniel Craig bisher begegnete (Mads Mikkelsen 2006 in „Casino Royale“, Mathieu Amalric 2008 in „Ein Quantum Trost“) waren an sich glänzende Schauspieler, aber in diesem Genre einfach zu leichtgewichtig. Vergessenswert.

Das wird Javier Bardem als „Raoul Silva“, mit blondem Haar, breitem, ekligem Grinsen und eiserner Entschlossenheit eine Riesenshow abzuziehend, nicht passieren: Der Mann hat als Bond-Gegner Format, Charisma und abgründigen Humor. Dem glaubt man wieder einmal, dass er alles kaputt machen möchte, was ihm unter die Finger kommt. Gut, Bardem übertreibt schamlos. Aber wenn man es kann, wird auch das groß.

Die bekannte Dramaturgie der Bond-Frauen (sprich: besonders „Bond-Girls“, von Ursula Andress bis Halle Berry, wobei man die wenigsten noch per Namen kennt) ist in diesem Film gänzlich aufgeweicht. Die reizvolle, kaffeebraune Eve, der man anfangs begegnet (Naomie Harris, hier viel hübscher als in den „Piraten der Karibik“, wo sie abenteuerlich geschminkt war), ist am Ende für eine wunderbare Pointe gut: Sie entscheidet sich für einen Schreibtischjob – ja, wir haben wieder eine Miss Moneypenny, die in den letzten Filmen fehlte. Künftig wird sie ganz ohne Zweifel die nächsten Bond-Abenteuer so attraktiv schmücken wie keine ihrer Vorgängerinnen.

Das „Bond-Girl“, wenn man das Opfer des Bösewichts so nennen darf, ist diesmal in ein paar kurzen Auftritten Bérénice Marlohe – kaum gesehen, schon vergessen. Nur dass Bond, wie erwähnt, mit ihr unter die Dusche darf. So viel Zeit muss sein.

Nein, die weibliche Hauptrolle in diesem Film spielt eindeutig „M“ – Judi Dench, die Leiterin von MI6, die alte Dame, die so tough ist und in Bezug auf ihre Agenten so grausame Entscheidungen fällen muss. Tatsächlich will man sie, da sie ja nun nicht mehr die Jüngste ist, los werden – und Ralph Fiennes steht als, wie es scheint, total humorloser Beamter schon parat, sie bei nächster Gelegenheit zu feuern. Und Bond gleich dazu, den man nach seinem „Tod“ nicht mehr für fit genug hält. Aber so leicht wird man die beiden nicht los. Quasi aneinander gekettet, stehen sie das Abenteuer bis zum Shootout im schottischen Hochland durch. Man muss wirklich sehr froh sein, dass Judi Dench, eine der größten Darstellerinnen des britischen Theaters, ihre früher verkündete Abneigung gegen die Kunstform Film überwunden hat. Sie hat mit ihren Auftritten als „M“ nicht nur die Bond-Filme, sondern auch die eigene Karriere geschmückt.

Da es, wie erwähnt, eine Menge amüsanter Pointen in Richtung früherer Bond-Filme gibt (am Ende kommt noch der schnittige Uralt-Rennwagen zu Ehren), hat man auch „Q“ wieder belebt. Er hat, wie man sich mit Vergnügen erinnert, Bond in vielen Filmen (lange in Gestalt des weißhaarigen Desmond Llewelyn, dann zweimal als John Cleese in dieser Funktion) mit seinen abenteuerlichen „Spielzeugen“ ausgestattet. Nun hat Ben Whishaw (der schon durch das „Parfum“ irrlichterte) einen jung gewordenen „Q“ übernommen, spielt ihn als eine Art verrückten Wissenschaftler und ist auf der nicht eben stark besetzten Humorseite des Films zu buchen. Kaum zu erkennen übrigens der alte Hüter von Bonds Haus seiner Jugend (es heißt übrigens „Skyfall“), so sehr hat sich Albert Finney verändert. Aber wenn es darum geht, die Phalanx von Silvas Privatarmee abzuwehren, ist er voll dabei…

Das Ende ist „traurig“, so wie die einst stets so flotte Action durch Regisseur Sam Mendes eindeutig so etwas wie Tiefgang bekommen hat. Aber schließlich gibt es wieder Moneypenny, der Nachfolger von „M“-Judi (die noch für eine post mortem-Pointe gut ist) dürfte wahrscheinlich auch ein ganz patenter Kerl sein, und Commander Bond steht, wie ganz deutlich gesagt wird, zur Verfügung.

Angeblich will man sich bis zum nächsten Teil nicht so viel Zeit lassen wie zuletzt, da doch vier Jahre dazwischen lagen. Wenn es gelingt, das Niveau zu halten – nur zu.

Renate Wagner

 

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