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Salzburg Festspiele 2018: Gedanken zu…“DIE ZAUBERFLÖTE“ Ein Feuilleton

Barbara Krafft: Portrait von Wolfgang Amadeus Mozart (Ausschnitt)
Wikimedia Commons

Gedanken zu… »Die Zauberflöte«
28. Juli 2018 Salzburger Festspiele

Von Thomas Prochazka

I.
Die Opernproduktionen der diesjährigen Salzburger Festspiele begannen — eigentlich — mit einem Etikettenschwindel. Denn angekündigt worden war Die Zauberflöte. Glaubt man dem Urtext der Neuen Mozart-Ausgabe, »eine deutsche Oper in zwei Akten« auf ein »Libretto von Emanuel Schikaneder«. Von einer »Fassung«, die zur Aufführung kommen werde, war nichts zu lesen gewesen in der Programmvorschau der Festspiele (S. 11ff).

II.
Einzig Bruno Ganz’s Rolle eines Erzählers konnte stutzig machen. Allerdings: Die Zauberflöte enthält soviele Dialogstellen, welche immer gestrichen werden. Warum also nicht charmanter Weise einmal diese Passagen in erzählerischer Form zu Gehör bringen? Damit würde z.B. für viele Besucher nachvollziehbar, warum Papageno in den Diensten der sternflammenden Königin steht.

Solches — nämlich die »Fassung« — nicht angekündigt zu haben: Etikettenschwindel.
(Ich bleibe dabei.)

III.
Man strich die Dialoge bis auf wenige Zeilen und ersetzte sie durch eine Rahmenhandlung. Was in der Programmvorschau noch als »Erzähler« firmierte, endete als »Großvater«, der seinen drei Enkel­kindern — den Drei Knaben — die Handlung erzählte. Märchenstunde mit Großvater Petz.

Klaus Maria Brandauer, für Bruno Ganz eingesprungen, vermochte dem Umstand wenig entgegenzusetzen, daß die seit Jahrzehnten in den U.S. Platz gegriffen habende Infantilisierung der Gesellschaft längst auch in unseren Breiten seßhaft geworden ist. Daß Brandauer am Beginn des zweiten Teils, bei der Versammlung der Priester Sarastros, aus William Shakespeares Der Kauf­mann von Venedig Teile aus Shylocks Monolog im dritten Akt rezitierte1, gestaltete die Ange­legenheit nicht erträglicher. Nicht einmal vor dem Rundfunkgerät. (Weder die Programm­vorschau noch die Website der Salzburger Festspiele geben übrigens Auskunft darüber, wer der Urheber der neuen Texte ist.)

Auch bedenke man, daß die Sänger in der Regel ihre Partien mit den Dialogen studieren. Fallen diese weg, fehlen viele neuronale Wegweiser für den Fortgang der Rollen. Das macht die Ange­legenheit für die Sänger nicht einfacher, erhöht den Stress am Premièren-Abend. Man hörte es. 

IV.
Darüberhinaus gab man sich politisch korrekt, strich Monostatos den Mohr und beförderte Schikaneders Sklaven zum »Diener«. (Dies freilich, ohne auf die 77 Sohlenstreiche zu verzichten, welche doch dann das Delikt der Körperverletzung nach § 83 StGB begründen.)

Folgerichtig hieß es in Monostatos’ Arie »weil ein Diener häßlich ist« (anstelle von »ein Schwarzer«) und »eine Schöne nahm mich ein« (anstelle von »eine Weiße«). Daß sich Michael Porter versingt, ihm im Laufe des Abends mindestens einmal ein »Mohr« entschlüpft: eine Wohl­tat. Daß Monostatos in seiner Arie »Alles fühlt der Liebe Freuden« im Kern jene Gleich­berechtigung einfordert, welche ihr die in vorauseilendem Gehorsam fehlgeleitete political correctness absurder Weise vorenthält, daß seine Arie nur Sinn ergibt, wenn er »anders« ist: welch’ eine — wenn auch unfreiwillige — Pointe!

V.
Musik wurde auch gemacht an diesem Abend.

Constantinos Carydis reihte sich ein in die Liste derer, welche das Fehlen jeglicher Tempo-Dramaturgie als neu und damit gut, jedenfalls aber als Vorteil, herausstreichen gegenüber ihren Vorgängern am Pult. Bereits in der Ouverture ließ der Grieche keine Zweifel an seinen Qualitäten als Mozart-Dirigent. Das einleitende Adagio schleppte sich. Im Allegro ließ Carydis alle Zügel und jede Hoffnung auf einen musikalisch erbaulichen Abend fahren, so gehetzt und oberflächlich polterte es dahin. — Agogik? Dynamische Abstufungen? Fehlanzeige.

Später wird Carydis in das dräuend langweilige Larghetto der Bildnis-Arie einen Allegro-Teil schmuggeln, Albina Shagimuratova als sternflammende Königin ungeachtet der Tempo­bezeichnungen Andante und Allegro moderato durch ihre erste Arie hetzen. Und Bariton Matthias Goerne, der es sicher schon bereut, die Baß-Partie des Sarastro übernommen zu haben, in seinen Arien an die Grenzen des Singbaren manövrieren.
(Hinzu kommt, daß die gesanglichen Leistungen des Abends generell nicht dazu angetan sind, Enthusiasmus für diese Zauberflöte zu entfachen.) 

Und: Darf man »im Jahr zwei nach Nikolaus Harnoncourt«, will man als ernstzunehmender Mozart-Dirigent gelten, ein Publikum glauben machen wollen, Allegro assai sei ein schnelles Allegro (anstatt ein sich dem Allegretto annäherndes)?

VI.
Vielleicht sollte man es im nächsten Jahr einmal nur mit Musizieren versuchen (anstatt fort­gesetzt Werke »deuten« zu wollen)?

Ein Gastkommentar von Thomas Prochazka von „Der Merker“

 

*William Shakespeare: Der Kaufmann von Venedig; 3. Akt, 1. Szene: »[…] Wenn ihr uns stecht, bluten wir nicht? Wenn ihr uns kitzelt, lachen wir nicht? Wenn ihr uns vergiftet, sterben wir nicht? Und wenn ihr uns Unrecht tut, sollen wir uns nicht rächen?«
Das Ethos in diesem Werk Shakespeares: eine Kette von Erbärmlichkeiten. Ein Tagedieb, der sich über­nommen hat und kraft einer Hochzeit bereichern will. Sein Freund, der bei einem Gegner (welchen er zuvor bespien) Kredit kauft. Ein weiterer Edler, der entführt. Und der vermeintliche Wucherer entpuppt sich als der einzige Ehrenmann des Stücks…

 

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