REISE UND KULTUR: IM MOSTVIERTEL ZUR BIRNBAUMBLÜTE

Landesklinikum Mauer-Öhling. Foto: Robert Quitta
Die heurige niederösterreichische Landesausstellung findet im Landesklinikum Mauer-Öhling bei Amstetten statt. Für diesen Anlass wurde die von Carlo von Boog und Erich Gschöpf geplante Anstalt um 45 Millionen Euro auf das Sorgfältigste renoviert, und das Resultat ist jeden einzelnen Cent wert: denn das 1902 eröffnete, in Pavillion-Bauweise (Vorbild für Steinhof !) errichtete Jugendstil-Ensemble erstrahlt jetzt wieder im allerprächtigsten Glanz seiner Entstehungszeit. Kein Wunder, dass Kaiser Franz Joseph, der die Eröffnung vornahm, von diesem Ort soo begeistert war, dass er an Katharina Schratt darüber folgenden Brief schrieb:
„Ich brachte zwei Stunden in Mauer-Öhling zu, das ein sehr schönes, in schönem Walde gelegenes, mit allen Erfindungen der Neuzeit ausgestattetes Etablissement ist, mit Wirtschaftshof, Meierei, Feldern, Werkstätten etc. – Alles zum Besten der Narren. Es muß ein Hochgenuss sein, dort eingesperrt zu sein.“
Und wenn man selbst bei Sonnenschein und blauem Himmel durch das weitläufige Gelände wandert, kann man nicht umhin, ihm Recht zu geben: Selbst bei einem nur kurzen Aufenthalt fallen dabei alle Sorgen von einem ab, und man fühlt sich sofort geliebt und geheilt. Franzl, ich komme …!

Die Birnbäume. Foto: Robert Quitta
Wenn man schon den Weg nach Mauer-Öhling gefunden hat, wird man die Gelegenheit benützen, um auch das umliegende Mostviertel zu besichtigen, am besten zur derzeit stattfinden Birnbaumblüte. Denn das Mostviertel ist das größte zusammenhängende Mostbirnbaumgebiet Europas, und ein Besuch zu dieser Zeit ist ein so eindrückliches, überwältigendes und unvergessliches Erlebnis, dass man danach gar nicht mehr zur Kirschblüte nach Japan fahren will.

Grüne Hügel. Foto: Robert Quitta
Allein schon die Landschaft! Sanft gewellte Hügel mit ausgedehnten Streuobstwiesen, imposanten Vierkanthöfen, und dahinter die Kalkalpen und der schneebedeckte Ötscher (der hier liebevoll Vaterberg heißt). Eine Kombination, die ihresgleichen sucht…
In vielen Vierkantern befinden sich einladende Mostheurige, meistens von den sogenannten Mostbaronen geführt. Diese (derzeit 17 Mitglieder zählende) Gemeinschaft fand sich auf Initiative von Toni Distelberger um die Jahrtausendwende zusammen, um den aus der Mode gekommenen, als Arme-Leute-Billiggesöff verschrieenen Most (der damals nicht einmal mehr seine angestammte Bezeichnung tragen durfte, sondern sich Obstwein schimpfen musste) – nach dem Vorbild der postglykolischen Wachauer Winzer – wieder zu Qualität und Ansehen zu verhelfen. Was ihnen allen – das kann man mittlerweile mit gebührendem Abstand sagen – auf exorbitanteste Weise gelungen ist.

Heurigenjause. Foto: Robert Quitta
Daher ist Mostunkundigen (und das sind ja die meisten von uns) ein Besuch bei den diversen Heurigen nur wärmstens ans Herz und an den Gaumen zu legen: es wird sich ihnen ein ganz neuer Birnenhorizont und ein ganz neues Geschmacksuniversum eröffnen.
Von den ca. 300 bekannten Mostbirnensorten werden ungefähr 20 weiterverwertet. Die bekanntesten unter ihnen tragen so schöne Namen wie Speckbirne, Grüne Winawitzbirne, Kongressbirne, Stieglbirne, Knollbirne, Dorschbirne, Grüne Pichlbirne, Rote Pichlbirne, Kletzenbirne etc.etc.

Die Schnäpse. Foto: Robert Quitta
Was den Most betrifft, sind meine Favourites die Grüne Pichlbirne und die Dorschbirne (kommt nicht vom Fisch, sondern von dotschen = herunterfallen). Was den Schnaps betrifft, bin ich Team Speckbirne, Team Rote Pichlbirne und natürlich im Team des Champions aller Birnenklassen – der Kletzenbirne.
Die Heilige Birne ist im Mostviertel allgegenwärtig, nicht nur in natura auf den Bäumen, sondern in jeglicher Form wirklich überall: als Skulptur im Kreisverkehr, als zugeschnittener Zierbaum (mit Stiel !) vor dem Heurigen, als (kitschiges) Gemälde, als Hinterglasmalerei, als Symbol vor den Toiletten etc.etc.

Birnen im Kreisverkehr. Foto: Robert Quitta
Im religiöseren Indien hätte man ihr und dem Birnengott schon längst einen Tempel gewidmet…
Die Lebensleistung der dafür verantwortlichen Mostbrahmanen(vulgo Mostbaronen) kann gar nicht hoch genug eingeschätzt und hoch genug bewundert werden: ihr Mut, ihre Vision, ihre Einsatzfreude und Risikobereitschaft haben einer ganzen Region ein neues Leben und einen neuen Wohlstand beschert.
Wie froh die Mostviertler darüber sind und wie sehr sie das genießen, davon kann sich selbst bei einem der bummvollen Mostheurigen ein lebendiges Bild machen: beim Toni Distelbauer, beim Hans Hiebl „Hansbauer“, beim Karl Hauer etc.etc…Dort gibts zu den wunderbaren Getränken auch noch köstliche Heurigenschmankerln (Gefülltes Bratl, Most-Bratl, Birnen-Blunzn usw.usf, ) in riesigen Portionen zu lächerlichen Preisen.
Als ob die Mostbarone nicht schon genug geschaffen und geleistet hätten und auch noch schaffen und leisten, sind einige von ihnen auch noch künstlerisch tätig: der Eine singt bei Begräbnissen, der Andere bei lustigen Gottesdiensten. Wie machen die das nur ?
Und die Fackel, das Feuer, die Leidenschaft wird von der nächsten Generation auch noch weitergetragen: wie z.B.vom jungen Ehepaar Haselbergee, das einen weitaus herberen Most und einen Ein-Baum-Most macht oder von Joseph „Turbo“ Farthofer, der außer Mosten auch noch Whiskey, Gin und Vodka (der vor ein paar Jahren zum besten Vodka der Welt ! gewählt wurde) produziert und außerdem – so nebenbei – zusätzlich die Edelbäckereien Joseph Brot und Öfferl mit Malz beliefert…
Woher nehmen die Mostviertler nur alle diese schier unerschöpfliche Kraft und Lebensfreude her ? Ich packs ja nicht…
Mittlerweile glaube ich, dass unter dem Mostviertel ein riesiger noch aktiver Vulkan (wahrscheinlich in Birnenform) schlummert, der die Einwohner konstant mit seiner unerschöpflichen magmatischen Energie versorgt…Es kann sonst keine Erklärung geben.
Völlig erschlagen und geplättet von diesen unglaublichen vulkanischen Außerirdischen erhebe ich mein Glas Kletzenbirnenbrand auf den Heiligen Birnerich und wünsche den Mostviertlern alles Gute mit dem Original-Mostviertler Trinkspruch: Gesundheit ! Sollst leben !!
Robert Quitta, Mostviertel

