REISE UND KULTUR : DIE NEUE ALTE ALTSTADT VON WARSCHAU

Die Kathedrale. Foto: Robert Quitta

Die Visitantinnenkirche. Foto: Robert Quitta
Die Altstadt von Warschau wurde von den Nazis fast vollständig zerstört, zuerst durch Bombardements beim Einmarsch 1939, und dann nach Niederschlagung des Warschauer Aufstands 1944, als die Bevölkerung zur Gänze vertrieben wurde. Soweit, so katastrophal, aber im Zweiten Weltkrieg leider nichts Ungewöhnliches. Das Ungewöhnliche ist, dass die kommunistische (!) Regierung nach dem Krieg nicht etwa versucht hat, das verbliebene Trümmerfeld mittels Stadtautobahnen und Plattenbauten in eine Musterstadt für den Neuen Menschen umzuwandeln (wie in so vielen „sozialistischen Bruderstaaten“), sondern – wahrscheinlich aus polnischem Nationalstolz – damit begonnen hat, diese Altstadt nach erhaltenen Plänen so originalgetreu wie möglich wieder aufzubauen.

Jan Zachwatowicz-Denkmal. Foto: Robert Quitta
Mastermind dieses kühnen und einzigartigen Projekts war der Architekten Jan Zachwatowicz (dem deshalb völlig zu Recht auch ein eigenes Denkmal gewidmet ist).

Das Königsschloss. Foto: Robert Quitta
Dank ihm kann man jetzt auf einer Länge von 3,5 km vom Marktplatz bis zum Königsschloss zwischen historisch erscheinenden Bauten lustwandeln, die zwar manche immer noch als Potemkinsch beschimpfen, die aber in Wirklichkeit einen ungeheuren Triumph des menschlichen Überlebenswillens, des Geistes und der Schönheit über die schwarze Fratze der totalen Zerstörung darstellen.
Es gibt natürlich schon ein paar Downsides. Da in der Nachkriegszeit naturgemäß keine besonders hochwertigen Baumaterialien zur Verfügung standen, wirkt diese ganze verdienstvolle, heldenhafte Rekonstruktion schon ein wenig in die Jahre gekommen und bedürfte eigentlich schon einer Renovation.
Schlimmer erscheint mir aber, dass auf dem ganzen „Königsweg“ eigentlich keine normalen Geschäfte existieren, sondern sich nur ein Piroggenlokal ans andere reiht.
Es ist also mittlerweile eher ein „Touristenfressweg“ im Disnowskiland geworden. Eigentlich schade…
Die Polen lassen sichs aber nicht verdrießen, und rekonstruieren fleißig weiter.
Am Pilsudski-Platz ist man dabei, das Brühlsche Palais und das Sächsische Palais
trotz jahrzehntelanger politischer Widerstände wiederaufzubauen. Wird zwar noch ein bissl dauern, aber wir freuen uns schon sehr darauf…
Aber nicht nur in der Architektur, sondern auch in der Gastronomie besinnt man sich seiner historischen Wurzeln. So hat sich das Restaurant Eatery trad. zur Aufgabe gemacht, traditionelle polnische Gerichte der verschiedensten Einflüsse in höchster Qualität wiederzubeleben. Unbedingt zu probieren: das Kotlet Schabowy, eine Art Warschauer Wiener Schnitzel und die Pipkes, ein Gänsemagen in Preiselbeersauce mit Sauerrahm nach einem alten jiddischen Rezept. Eine kulinarische Zeitreise in die Vergangenheit, ein Abenteuer für den Gaumen, ein umwerfendes Geschmackserlebnis…

Kotlet Schabowy. Foto: Robert Quitta

Pipkes – ein Gänsemagen in Preiselbeersauce mit Sauerrahm nach einem alten jiddischen Rezept. Foto: Robert Quitta
Robert Quitta, Warschau

