REISE UND KULTUR: DAS ADAM MICKIEWICZ MUSEUM IN WARSCHAU
Viele literarische Nationalhelden überschreiten schlecht die Grenzen. Man kennt zwar ihre Namen irgendwie, aber man entwickelt kein Gefühl dafür, was sie für die einzelnen Völker bedeuten und warum Millionen von Menschen ihre Werke auswendig können.
Das liegt natürlich auch, dass vor allem Versepen (Puschkin, Dante, Byron etc.) schlicht und einfach unübersetzbar sind.

Das Adam Mickiewicz-Denkmal . Foto: Robert Quitta
Der polnische Nationaldichter Adam Mickiewicz (1798-1855) ist auch so ein Fall. Seine Denkmäler finden sich in jeder polnischen Stadt, die etwas auf sich hält, Straßen und Plätze wurden nach ihm benannt, und im Frühstücksraum meines Hotel fand sich sogar eine Gesamtausgabe seiner Werke. Aber was verbinden Sie mit seinem Namen ? Haben irgendetwas von ihm gelesen ? Verstehen Sie ansatzweise, was er für die polnische Nation bedeutet?
Natürlich nicht. Ich natürlich auch nicht.
Um ansatzweise einen Hauch einer Lösung dieses Rätsels zu finden, begab ich mich in das sorgfältig gestaltete Adam Mickiewicz Museum am Alten Markt.

Der junge Adam Mickiewicz. Foto: Robert Quitta
Mickiewicz‘ Leben war ungefähr so abenteuerlich wie das der polnischen Nation. Noch unter der Zarenherrschaft geboren, wurde er an der Universität Wilna wegen nationalistischer Umtriebe verhaft und nach Zentralrussland in die Verbannung geschickt. Aus der Verbannung entlassen, blieb er dennoch in Russland, vor allem in Moskau und Sankt Petersburg und machte sich dort auch viele Freunde im literarischen Milieu, vor allem auch mit Alexander Puschkin (von dem der dessen Backenbart übernahm).
Danach reiste er zwei Jahre lang durch Westeuropa ( Berlin, Venedig, Florenz, Neapel, Rom etc.) und besuchte auch Johann Wolfgang von Goethe.

Die Johann Wolfgang von Goethe-Andachtsecke im Adam Mickiewicz-Museum. Foto: Robert Quitta
Als er davon erfuhr, dass in Polen der Novemberaufstand ausgebrochen war, reiste er an die polnische Grenze, hütete sich aber sehr davor, das sichere Preussen zu verlassen. Nach der brutalen Niederschlagung der Rebellion begab er sich so wie viele seiner Landsleute ins Exil nach Paris. Sein berühmtestes Werk ist das 12bändige Versepos Pan Tadeusz, das auf für uns unvorstellbare Weise in Polen Gemeingut ist.

Die Muse Maria Agata Szymanowska, Pianistin und Komponistin. Foto: Robert Quitta
Nun gut, wir haben uns bemüht, wir haben das Museum besucht, wir haben uns mit seiner Bio befasst, wir haben uns den Inhalt seiner bekanntesten Werke erzählen und Teile davon rezitieren lassen…aber der Lösung des Rätsels sind wir in keinster Weise näher gekommen. Im Gegenteil: es taten sich immer neue Mysterien um den Menschen Mickiewicz auf: warum heiratet er aus einer Laune heraus die geisteskranke Tochter seiner Muse, die ihm das Leben zur Hölle macht, warum tritt er nicht nur der Sekte des schwindligen „Messias“ Andrzej Towianski bei, sondern wird auch gleich für fünf Jahre (!) dessen Privatsekretär und veröffentlich sogar ein umfangreiche Propagandaschrift über ihn und seinen „Messianismus“ ?

Schriften Messianismus. Foto: Robert Quitta
Und vor allem: warum reist er nach dem Tod seiner Frau unter Zurücklassung der minderjährigen Kinder nach Istanbul (!), um dort eine Polnische Legion zum Kampf gegen die verhassten Russen im Krimkrieg aufzustellen ?
Er, gerade er, der Poet, der trotz aller leidenschaftlicher Aufrufe zum Befreiungskampf bisher nie daran dachte zur Waffe zu greifen und auch nie nur in die Nähe einer Waffe kam ?
Ist es so abwegig, in dieser Wahnsinnsunternehmung so etwas wie einen erweiterten Selbstmordversuch zu sehen (so wie Lord Byron einst zum Befreiungskampf der Griechen gegen die Türken nach Missolonghi aufbrach, wo der dann auch prompt an Sumpffieber verendete)

Der große Bazar in Istanbul. Foto: Robert Quitta

Der alte Adam Mickiewicz. Foto: Robert Quitta
Auch Mickiewicz ist sein Vorhaben gelungen: binnen kürzester Zeit stirbt Adam M. mit 58 Jahren „aufgrund der hygienischen Verhältnisse“ an Cholera in Istanbul. Man soll halt im Großen Bazar nichts essen…
Robert Quitta, Warschau

