REISE UND KULTUR: BAGNO VIGNONI

Bagno Vignoni. Foto: Robert Quitta
Alle italienischen Dörfer und Städte haben eine Piazza. Auch der toskanische Ort Bagno Vignoni hat eine, diese ist allerdings „invertiert“, „umgedreht“,„überschwemmt“ : d.h. sie besteht aus einem einzigen riesigen Thermalwasserbecken. Das gibt es sonst nirgends, das ist nicht nur in Italien, sondern auf der ganzen Welt einzigartig.
Das heiße Wasser wird aus Quellen des benachbarten „erloschenen“ Vulkans, dem Monte Amiata, gespeist, und schon die Etrusker wussten um seine heilsamen Qualitäten. In der „Wasserpiazza“ badeten unter anderem Lorenzo de Medici, der hier seine Schmerzen lindern wollte, und Caterina di Siena, die ganz im Gegenteil hier ihre Schmerzen steigern wollte, indem sie möglichst nahe an die 45 Grad heiße Quelle schwamm, um so ihre Haut zu verbrennen und dadurch ihre Fleischeslust abzutöten und ihre Heiligmässigkeit zu erhöhen.

La Piazza. Foto: Robert Quitta
Bis ins 19.Jahrhundert hinein konnte das Wasserbecken auch von allen Einwohnern einfach so benützt werden, bevor das dann unter fadenscheinigen „hygienischen “ Vorwänden verboten wurde.
Lange Zeit lag Bagnoni im nassen Dornröschenschlaf, bis dann der russische Regisseur Andrej Tarkowski seinen Film „Nostalghia“ da drehte. Und wer je die legendäre zehnminütige Schlussssequenz gesehen hat, in der der Protagonist versucht, das (ausgetrocknete) Becken mit einer Kerze zu durchqueren, ohne dabei die Flamme erlöschen zu lassen, wird sofort verstehen, warum daraufhin viele viele Menschen aus der ganzen Welt nach Bagno Vignoni kommen wollten (und bis heute kommen wollen), um dessen unvergleichliche mystische Atmosphäre selbst zu erleben.

Hotel La Posta. Foto: Robert Quitta
Weil man die Piazza ja leider nicht mehr zum Baden benützen kann, empfiehlt es sich, sich im 100 Meter entfernten Hotel La Posta einzuquartieren. Dort hat nämlich Signora Licia, die Gründungsmutter des Hotels (gegen den anfänglichen Widerstand ihres Gatten) in einem ehemaligen Weinberg ein riesiges Thermalbecken installieren lassen.
Und wem es je vergönnt war, darin bei 37 Grad sozusagen direkt in die Landschaft des Val d‘Orcia mit seinen grünen Hügeln und mittelalterlichen Burgen hinauszuschwimmen, wird das sein Leben lang nicht vergessen.

La Piscina. Foto: Robert Quitta
Es ist schwer, dieses Erlebnis zu beschreiben, und man soll ja mit großen Worten vorsichtig sein, aber die Gegend hier ist einfach magisch. Das Val d‘Orcia scheint nicht von dieser Welt zu sein, es fühlt sich eher an wie eine Insel der Seligen, die zwischen Himmel und Erde schwebt. Man ist hier entrückt, man lebt, man schwimmt in einer anderen Dimension. Man kann sich keine Wirklichkeit mehr außerhalb des Tales vorstellen. Das Leben ist schön, das Leben ist friedlich, das Leben ist erfüllt. Man ist so glücklich wie ein Embryo im Fruchtwasser. Man will hier nie wieder weg, man will vor allem nicht mehr h i n a u s…
Dass die Götter dem Val d‘Orcia gewogen sind und es permanent küssen, merkt man auch am Schicksal des Hotels La Posta. Als die Gründerfamilie Marcucci dieses Juwel, diese Oase, dieses Kleinod nicht mehr weiterführen konnte, hätte ja viel Schlimmes passieren können. Durch eine schon wieder mystisch zu nennende Kette an unglaublichen glücklichen Koinzidenzen fand sich jedoch die Familie Michil und Giovanna Costa aus Südtirol (die in den Dolomiten die Casa Costa betreiben), die das Erbe voller Liebe und Respekt vor der Lebensleistung der Marcucci fortführen, gleichzeitig aber das Hotek auch noch verschönern und verbessern.
La Posta ist eigentlich kein Hotel, sondern ein Zweitwohnsitz, ein Urlaub bei Freunden.
Es gibt Zeitungen (!), Bücher, Spielzimmer, analoge Plattenspieler usw.usf…und natürlich ein Spa mit diversen Massagen und einer speziellen Gutschlaf-Behandlung. Man ist hier wie zuhause und schläft wie ein Kleinkind.
Aber es ist natürlich trotzdem ein Hotel mit allen seinen hervorragenden Services. Das Team ist in allen Positionen von so ausgesuchter Freundlichkeit, dass es selbst von Taxifahrern der Umgebung (gerade im Gegensatz zu einem anderen, auch von Südtirolern geführten Hotel in Vignoni) ungefragt besonders gelobt wird.
Das leibliche Wohl kommt natürlich (wir sind ja in Italien!) auch nicht zu kurz. Im wunderbaren hoteleigenen Restaurant La Rocca (mit demselben großartigen Ausblick wie aus dem Pool, nur einen Stock höher) widmet sich Küchenchef Matteo den klassischen toskanischen Spezialitäten wie einer Auswahl von Salumi e Formaggi, der Ribollita (Brotsuppe), den Pici (eine typische, sehr dicke Pasta), dem Stracotto di Cinta Sienese (laange geschmortes Fleisch des schwarzen Schweins mit dem weißen Streifen) und selbstverständlich der Tagliata di Chianina (jener legendären Rinderrasse, die so sensibel ist, dass sie schlechteres Fleisch gibt, wenn der Besitzer wechselt …) etc.etc.

Pici. Foto: Robert Quitta
Dazu ein Brunello di Montalcino oder ein Vino Nobile di Montalcino und als krönenden Abschluss ein dazupassender Grappa di Brunello.
Felicità !
Robert Quitta, Bagno Vignoni

