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PARADIES: GLAUBE

09.01.2013 | FILM/TV

Ab 11. Jänner 2013 in den österreichischen Kinos
PARADIES: GLAUBE
Österreich / 2012
Regie: Ulrich Seidl
Mit: Maria Hofstätter, Nabil Saleh u.a.

Dass die „Paradiese“ von Ulrich Seidl weit eher Höllen gleichsehen, war schon nach „Paradies: Liebe“ klar. Dabei hatte dieser erste Film der Trilogie eine so ärgerliche Vorgabe, dass es lächerlich erschien, ihn ernst zu nehmen: Wie dumm, nein blöd müsste eine Frau sein, die schließlich kein Teenager mehr ist, wenn sie sich auf der Suche nach „echten Gefühlen“ (!) einen Gigolo, sprich: einen männlichen Prostituierten, zum „Partner“ wählt. Zumal einen der schwarzen Beach Boys in Kenia, von denen jeder weiß, dass sie ihr Geschäft „professionell“, also nur gegen harte Münze  betreiben. Als Seidl hier seine Heldin auf der Suche nach Gefühlen in den schwarzen Kontinent hetzte, hat er sie weit weniger als arme Haut, denn als Idiotin preisgegeben.

„Paradies: Glaube“ ist da anders, ist uns auch näher, nicht nur, weil die Handlung in unseren Breiten spielt. Gerade in ländlichen Regionen mag es ein fast naives Gottvertrauen geben, mag der Dialog mit einem persönlich empfundenen Gott (oder Jesus oder der Muttergottes) Teil der Existenz sein, möglicherweise auch ein hilfreicher.

Natürlich bringt Ulrich Seidl wie immer den denkbar exzessivsten Ausschnitt der möglichen Wirklichkeit, schockhaft alles Häßliche und Perverse übersteigernd – und den Einzelfall quasi als Paradigma hinstellend, was natürlich nie stimmt. Fundamentalisten gibt es immer: An der Figur der Anna Maria wird das Abstoßende in jeder Hinsicht ausgereizt. Im Gegensatz zu „Paradies: Liebe“, wo die Heldin von einem unappetitlichen Abenteuer ins nächste taumelte, verschränkt Seidl beim „Glauben“ das Schicksal seiner Heldin auf drei Ebenen, durchaus geschickt, aber so ausführlich (und einförmig), dass die Geschichte am Ende weidlich überfrachtet scheint – in jeder Hinsicht eine Mühe, sie anzusehen.

Die Frau, die sich zu Beginn vor dem Kruzifix geißelt, die irgendwann das Kruzifix hernimmt und sich damit befriedigt (ja, es ist ein Akt reiner Liebe zu Jesus, selbstverständlich glauben wir dieser Aussage der Hauptdarstellerin) – und die am Ende auf dieses Kruzifix einschlägt, weil Jesus nicht so funktioniert hat, wie sie es sich vorstellt, ist mit sich und ihrem Gott allein, mal eins (wenn sie auf den Knien durch die Wohnung rutscht und sich gar nicht genug hingeben kann), mal uneins, wenn er ihr Leben ja doch nicht schön macht… wie kann er nur!

Auf der zweiten Ebene konfrontiert sie sich selbst mit der Außenwelt, wenn sie mit einer Madonnenstatue in der Hand auszieht, um eine unwillige Umwelt zu missionieren. Auch da ist Seidl in all seiner Grauslichkeit unterwegs – von einem Ehepaar verächtlich beschimpft, von einem Muttersöhnchen in der Unterhose zu gemeinsamen Ritualen angehalten, am Ende von einer tobenden, besoffenen Migrantin attackiert und sogar sexuell angemacht: Seidl straft seine Anna Maria wahrlich für ihre Gutmensch-Ambitionen, die Mitwelt mit der Muttergottes zwangszubeglücken…

Aber mehr noch auf der dritten Handlungsebene: Sie hat irgendwann einen Moslem geheiratet, der dann einen schweren Arbeitsunfall erlitt. Warum er im Rollstuhl aus Ägypten heimkehrt, um wieder mit seiner zweifellos nicht geliebten Frau zu leben – das wissen die Götter. Gut geht es ihm (rabiat: Nabil Saleh) bei ihr nicht, die da wirklich nur unwirsch ihre Pflicht tut, indem sie ihn betreut. Er wird angesichts ihrer Religiosität wütend, wendet sich als Reaktion darauf seinem Islam zu, führt einen heftigen Kleinkrieg, indem er ihr auch klarzumachen sucht, dass ihre Funktion als Frau in seinem Leben als Mann nur eine dienende sein kann. Was sich hier abspielt, artet auch in körperliche Aggressionen aus, in gegenseitiger Vernichtung der religiösen Symbole, in Freiheitsberaubung. Die Machtspiele sind von ausgeklügelter Hässlichkeit, menschlicher Bosheit beiderseits.

Was soll man zur Leistung von Maria Hofstätter sagen? Dass sie großartig ist? Bewunderung und Preise regnen herab, und zweifellos nicht zu Unrecht. Und dennoch: Es ist wie immer Übelkeit erregend, Seidls Menschen zuzusehen. Und es ist auch legitim, angesichts seiner Weltsicht irgendwann die Geduld zu verlieren und ihm die Gefolgschaft zu verweigern. Man muss sich seine Filme ja nicht ansehen (die Formulierung vom „Masochismus“, sich das anzutun, ist nicht abwegig).

Nein, ein Akt christlichen Mitgefühls von Seidl ist es nicht, die „arme“ Anna Maria, die sich so erschütternd verhält, auszustellen: Mit der ewigen Behauptung, er wolle nicht schockieren, soll der gute Mann „in den Gatsch hupfen“, wie man in Wien so schön sagt. Wenn er ein Glaubenssymbol für Sex und Gewalt gebraucht, weiß ganz genau, wo er drücken muss, um die entsprechenden Schmerzen zu erzeugen– und jeder Aufschrei ist ein Zeitungsartikel, ein Fernsehbericht mehr, ist mehr Popularität für Seidl, ergibt Einspielergebnisse und die Preise progressiver Festivals.

Nein, das berechnet er gewiss nicht. Spekulation, was ist das? Er ist ja so rein, naiv und unschuldig, wie er in der ZiB 2 den skeptischen Armin Wolf angelächelt (und dem schwächelnden Vatikan noch eins draufgedrückt) hat…

Renate Wagner

 

 

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