OULU 2026 : VON DER TEERHAUPTSTADT ZUR KULTURHAUPTSTADT

Wenn man jemandem erzählt, dass man nach Oulu fährt, herrscht zuerst einmal Ratlosigkeit. Was soll das sein? Wo ist das ? Wie schreibt man das ? Was machst du dort?
Selbst wenn man hinzufügt, dass es sich dabei um eine Stadt in Nordfinnland handelt, hilft das nicht weiter. Dann wird vermutet, dass es sich dabei um ein obskures kleines Dorf da oben in der Wildnis handelt.
Dabei ist Oulu (ausgesprochen Ooluu), wenn auch nur 250km vom Polarkreis entfernt, Europas nördlichste Grossstadt, mit sage und schreibe 250 000 Einwohnern.
Im Jahrhundert war es die Teerhauptstadt der Welt. Händler aus der ganzen Welt kamen hierher, um sich das begehrte Material, das hauptsächlich zur Abdichtung der Schiffe diente, abzuholen. Nachdem die Nachfrage abgeklungen war, erfand sich Oulu in der zweiten Hälfte des 20.Jahrhunderts neu. Nokia fing hier an, und langsam entwickelte sich die Stadt zu einer Art finnischen Silicon Valley. Heute ist man Vorreiter der 6G Entwicklung, und gerade hat Google in der Nähe mit dem Bau zweier riesiger Datacenter begonnen.
Oulu ist eine sehr moderne und sehr soziale Stadt. Es gibt unendlich viele Radwege (die im Winter sogar v o r den Strassen freigeschaufelt werden), es gibt Vaterschaftsurlaube etc.etc.
Zur Krönung dieser Entwicklung wurde Oulu heuer (gegen große Konkurrenz wie dem viel bekannteren Tampere) zur Kulturhauptstadt Europas 2026 gewählt.
Und die Stadtoberen sind gescheit genug, um diese einmalige Chance, Oulu verdientermassen etwas bekannter zu machen und wirklich nachhaltig auf die Landkarte zu setze, zu nutzen.Sie lassen sich diesbezüglich auch nicht lumpen. Das Budget beträgt 50 Millionen Euro (im Vergleich: Bad Ischl/Salzkammergut 15 Millionen) und im Laufe des Kulturhauptstadtjahres werden nicht weniger als 500 Veranstaltungen stattgefunden haben.
Ein wichtiges Thema ist die Sami-Kultur. Dazu gab es schon eine große Ausstellung im Oulu Art Museum und die Uraufführung der Sami-Oper Ovllà im Oulu City Theatre
Zweites Hauptthema ist natürlich der Klimawandel und die allgemeine Weltlage. Dazu gibt es gleich mehrere Projekte:
In „Climate Clock“ zeigen internationale Künstler gemeinsam mit Wissenschaftlern temporäre Natur- und Lichtinstallationen im Stadtraum, die moosbedeckte Skulpturen und arktische Rhythmen verbinden.
„Layers in the Peace Machine“ wiederum ist eine multidisziplinäre Medieninstallation des Ekho Collective im historischen Rathaus von Oulu, die das Konzept des Friedensschaffens interaktiv beleuchtet.
Der soeben eröffnete „Kuutar Garden“ ist hingegen eine großformatige, immersive Installation des dänischen Künstlers Jakob Kudsk Steensen, die die Tiefgarage Kivisydän unter dem Stadtzentrum in eine virtuelle Welt aus subarktischen Ökosystemen verwandelt.
Weiters hofft man, die Renovation des kathedralenartigen Silos des finnischen Nationalarchitekten Alvar Aalto noch heuer fertigstellen zu können.
Sie sehen also: Oulu ist zwar weit, aber wenn man in der Nähe sein sollte, zahlt sich ein Besuch des Interesses halber durchaus aus.
Und das Thema Teer ist trotz aller IT-Haftigkeit auch noch nicht verschwunden.
Es gibt Teer-Pastillen, Teer-Schokolade, Teerschnaps, Teersalbe, Teerseife, Teershampoo etc… lauter Produkte, die sich hervorragend als Mitbringsel und zur Verblüffung und Erschreckung der Daheimgebliebenen eignen.
Denn wie lautet schon das alte finnische Sprichwort: es gibt nichts, was Sauna, Vodka und Teer nicht heilen können…
Robert Quitta, Oulu

