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FRANKFURT: Begegnungen zwischen Oper, Banken und Bahnhofsviertel

Mehr als Rotlicht

30.07.2026 | REISE und KULTUR

Meine Geschichte mit dem Frankfurter Bahnhofsviertel begann im Herbst 2013. Damals fiel mir das Buch Im Frankfurter Bahnhofsviertel: 50 Highlights für Szenengänger von Ulrich Mattner in die Hände. Kurz darauf war ich zum ersten Mal im My Way in der Taunusstraße zu Gast. Seitdem kehrte ich immer wieder dorthin zurück.

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Diese Bar existiert schon seit mehr als 17 Jahren (Foto: Marc Rohde)

In denselben Jahren verbrachte ich viele Abende in der Oper Frankfurt am Willy-Brandt-Platz. Musiktheater begleitet mich schon seit meiner Jugend – Verdi gehört ebenso dazu wie Richard Wagner. Von da an gehörten Oper und Bahnhofsviertel gleichermaßen zu meinem Alltag. Frankfurt war für mich immer beides: eine Stadt der großen Bühnen und der kleinen Geschichten. Kaum irgendwo habe ich erlebt, wie Wohlstand, Hochkultur, Rotlicht und Drogenszene so unmittelbar aufeinandertreffen. Wer vom Hauptbahnhof in die Taunusstraße einbiegt, taucht in einen Stadtteil voller Gegensätze ein. Zwischen Shisha-Bars, Imbissen, Billighotels und Geldtransferläden liegen unterschiedliche Lebenswelten dicht nebeneinander.

Dass das My Way ganz unterschiedliche Menschen zusammenbringt, wurde mir besonders durch einen Freund bewusst, der viele Jahre im hr-Sinfonieorchester spielte. Nach Konzerten kam er gern noch mit Kolleginnen und Kollegen vorbei. Es war ein faszinierendes Bild: Eben noch im eleganten Frack auf der Bühne im Scheinwerferlicht, saßen sie kurz darauf mit einem Bier an der Theke der Taunusstraße. Für ihn war diese Bar kein Widerspruch zu seinem Musikerleben, sondern ein selbstverständlicher Teil Frankfurts. Zwischen Konzertsaal und Rotlichtviertel lagen für ihn keine Welten.

Ich verbinde mit dieser Bar unzählige Geschichten. Eine der schönsten entstand eher zufällig, als ich abends nur kurz etwas abgeben wollte. Mehr als zwanzig Euro hatte ich nicht in der Tasche, denn eigentlich wollte ich direkt wieder nach Hause. Aus einem Gespräch wurden zwei, aus zweien drei, und schließlich blieb ich bis zum Feierabend um sechs Uhr morgens. „Was möchtest du essen?“, fragte der Mann neben mir irgendwann und schob mir die Speisekarte zu. Eine halbe Stunde zuvor waren wir uns noch völlig fremd. Ich lehnte erst ab, aber er bestand darauf, mich einzuladen. Schließlich wählte ich eine Pizza Margherita. Diese ungezwungene Offenheit, mit der Menschen sich hier begegnen, hat sich mir bis heute eingeprägt.

Ich habe die Barkeeperinnen immer als offen und herzlich erlebt. Man kommt schnell mit ihnen ins Gespräch. Sie spüren meist nach wenigen Worten, ob jemand Unterhaltung sucht oder Abstand braucht. Wer diese Freundlichkeit mit Naivität verwechselt, täuscht sich jedoch. Wenn ein Gast zu weit geht, bleiben sie höflich, aber bestimmt. Zwischen Bestellungen, kleinen Scherzen und ernsteren Gesprächen behalten sie stets den Überblick. Viele Gäste werden ganz selbstverständlich mit einem „Schatz“ begrüßt – das gehört hier einfach zur Atmosphäre.

Ende 2016 verabschiedete ich mich nach vielen Jahren aus der Finanzbranche. Während viele Kollegen ihren Ausstand klassisch mit Sekt und Häppchen feierten, lud ich Wegbegleiter aus Frankfurt und Luxemburg in die Bar ein. Die Feier unter dem Motto „I did it my way“ passte für mich besser in die Taunusstraße als in einen sterilen Konferenzraum unserer Konzernzentrale in Eschborn. Sogar eine Mitarbeiterin, die im Arbeitsalltag eher ruhig wirkte, zeigte auf der Tanzfläche ganz ungeahnte Qualitäten. Noch heute erinnern sich viele Kollegen gerne an diesen ungewöhnlichen Abschied.

Doch die Bar war für mich nicht nur ein Ort des Feierns, sondern in schweren Stunden auch ein emotionaler Schutzraum. Als ein Arbeitskollege und ich Zeugen eines Suizids wurden, verbrachten wir den Abend anschließend gemeinsam im My Way. Nicht, weil sich dort das Erlebte einfach vergessen ließ. Sondern weil wir in dieser lebhaften, zugewandten Atmosphäre sein wollten und nicht allein mit unseren düsteren Gedanken. Ich habe hier vor allem Menschen erlebt, die sich gegenseitig eine Zigarette leihen, miteinander reden oder in Krisen einfach füreinander da sind.

Wie groß die Berührungsängste außerhalb dieses Kosmos sind, merkte ich, als ich zwei Freunde fragte, ob sie mich ins My Way begleiten würden. Prompt kam die Reaktion: „Ist das diese Bar im Pornoviertel? Können wir nicht woanders hingehen?“ Der andere brachte es noch knapper auf den Punkt: „Das ist doch ein Puff.“ Viele verbinden mit dem Bahnhofsviertel eben nur drei Dinge: Drogen, Prostitution und Kriminalität. Auch ich hatte lange dieses Bild im Kopf und durchquerte die Straßen so zügig wie möglich.

Ich verstehe diejenigen, die diesen Stadtteil bewusst meiden. Eine Bekannte erzählte mir, dass sie das Elend auf den Straßen kaum ertragen könne. Weniger die Kriminalität bereite ihr Sorgen als die Unberechenbarkeit mancher Situationen mit Drogenabhängigen im Rausch oder im Entzug. Vor allem aber seien es die Gesichter, in denen sie Einsamkeit, Verzweiflung oder emotionale Bedürftigkeit zu erkennen glaube. Statt Neugier empfinde sie Mitleid und Unbehagen.

Obwohl ich inzwischen im weit entfernten Flensburg lebe und Frankfurt nur noch gelegentlich besuche, ist der Kontakt zur Bar und zu einigen Menschen dort nie ganz abgerissen. Als ich an einem warmen Septemberabend 2023 wieder durch das Frankfurter Bahnhofsviertel laufe, höre ich das Stimmengewirr schon von Weitem. Die Gäste stehen bis auf den Gehweg hinaus, drinnen ist die Bar überfüllt. Heute findet hier eine große Benefiz-Tombola statt. Durch den Abend führt ein Reporter, den ich seit dreißig Jahren aus Sportübertragungen im Fernsehen kenne. Ich freue mich, ihn persönlich kennenzulernen – ausgerechnet hier, direkt unter einem der bekanntesten Laufhäuser Deutschlands. Obwohl ich die Aktion seit Jahren mit Sachpreisen unterstützt hatte, besuchte ich zum ersten Mal einen dieser Abende.

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Auch nachts herrscht in der Frankfurter Taunusstraße noch viel Verkehr. (Foto: Marc Rohde)

Vielleicht ist genau das Frankfurt für mich: eine Stadt, in der Oper, Bankenviertel und Bahnhofsviertel keine getrennten Welten bleiben, sondern wenige Straßen voneinander entfernt liegen. Manchmal sitze ich in einer berauschenden Opernaufführung, manchmal trinke ich ein Bier im My Way. So unterschiedlich diese Orte wirken mögen: Beide erzählen auf ihre Weise von Hoffnungen, Konflikten und Sehnsüchten.

Das My Way zeigt sicher nicht das ganze Bahnhofsviertel. Aber kaum ein anderer Ort hat mir seine Widersprüche so deutlich vor Augen geführt. Wer nur flüchtig durchs Viertel geht, nimmt oft vor allem Drogen, Rotlicht und Elend wahr. Ich sehe das auch. Wer sich aber die Zeit nimmt, genauer hinzuschauen, entdeckt vor allem Menschen und urteilt vielleicht vorsichtiger.

 

Marc Rohde im Juli 2026

 

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